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Zwei «falsche» Schweizer

Im Fanzug von Moskau nach Rostow, zum ersten WM-Spiel der Schweiz gegen Brasilien, hat es sehr viele Anhänger des Gegners, doch nach Schweizern hält man vergeblich Ausschau.
Manuel Nagel
Luke Molony und der Ire Cormac Fitzgeradl geniessen die Reise nach Rostow. (Bild: Manuel Nagel)

Luke Molony und der Ire Cormac Fitzgeradl geniessen die Reise nach Rostow. (Bild: Manuel Nagel)

Die WM in Russland ist ein Turnier der weiten Wege für die Fans. Das kann schnell ins Geld gehen. Die Organisatoren bieten deshalb zu jedem Spiel mehrere Züge zum Spielort und zurück an, welche für Fans mit einem Ticket kostenlos sind. Insgesamt 734 zusätzliche Züge setzt die russische Staatsbahn ein, für deren Plätze man sich im Voraus im Internet bewerben konnte.

Zum Spiel der Schweizer gegen Brasilien nach Rostow habe ich den Zug am Freitagabend gebucht. Abfahrt im Kasaner Bahnhof in Moskau ist um 18.42 Uhr Moskauer Zeit, geplante Ankunft in Rostow um 11.55 Uhr am folgenden Tag. 17 Stunden für rund 1000 Kilometer ohne Zwischenhalt, dass sind im Durchschnitt nicht mal 60 Kilometer pro Stunde – und in der Nacht wird einem auch bewusst, wieso. Teilweise holpert und rattert es auf der Strecke so stark, dass der Zug nur langsam vorwärts kommt.

Überall nur Brasilianer

Ein Fanzug also ans erste Spiel der Schweiz gegen Brasilien. Man könnte davon ausgehen, dass einige der mehreren Tausend Schweizer Fans mit diesem Zug mitfahren. Ebenso Brasilianer. Doch eine Nachfrage bei der Schaffnerin meines Waggons Nummer 3, ob denn noch mehr Landsleute von mir in diesem Schlafwagen mitfahren würden, bringt Ernüchterung und dämpft die Euphorie. Ich bin der einzige. Aus insgesamt zwölf Waggons besteht diese Zugkomposition, Nummer 7 ist der Speisewagen. Ich mache mich auf die Suche nach weiteren Schweizern und schon beim Betreten des vierten Waggons steht da einer im roten Trikot der Nati und lädt an der öffentlichen Steckdose vor dem WC sein Handy auf. «Aaah, endlich en Schwiizer», sage ich, doch er winkt gleich ab. «No, I‘m Irish.» Wir wechseln ein paar Worte und verabreden uns für später, denn ich will wissen, weshalb ein Ire mit einem «Schwiizer»-Nati-Trikot an die WM fährt. Doch der Ire Cormac Fitzgerald deutet auf einen jungen Mann in der Mitte des vierten Waggons, der ebenfalls rot trägt und ein grosses Schweizer Kreuz auf dem Bauch hat. Doch diesmal ist es ein Russe aus Moskau, der unter «falscher Flagge» unterwegs ist.

Weiter geht die Suche, doch mit jedem Wagen, wo mir die Zugbegleiterinnen sagen, dass keine Schweizer mitfahren, schwindet die Hoffnung. Dafür treffe ich jede Menge Brasilianer in den Waggons an. Vor allem der Speisewagen in der Mitte ist voll von ihnen. Es gibt fast kein Durchkommen und der junge Mann hinter der Bar kommt fast nicht nach mit Einschenken. Die Stimmung ist ansteckend und man möchte mit den Brasilianern mitfeiern. Doch ich bin ja auf einer Mission. Ich will zumindest einen «richtigen» Schweizer finden in diesem Zug – doch es wird eine «Mission Impossible». Ich bin tatsächlich der einzige mit Schweizer Pass, der an diesem Freitagabend nach Rostow reist.

Gute Produkte, Pünktlichkeit und Schweizer Berge

Also geht‘s zurück in den vierten Waggon, zu Cormac Fitzgerald, dem Iren, der mit seinem Freund Luke Molony unterwegs ist. «Meine Freundin ist Schweizerin», sagt er. Sie habe ihm auch das Trikot geschenkt, denn er sammle Fussballtrikots. Kennengelernt haben sich die beiden in den Ferien in Marokko und führen nun seit rund zwei Jahren eine Fernbeziehung. Cormac wohnt in Dublin, seine Freundin studiert in Hamburg. Aber Ryanair biete sehr günstige Flüge von Dublin nach Hamburg an, sagt Cormac. So würden sie sich doch häufig sehen.

«Nein, Liebe auf den ersten Blick sei es nicht gewesen», verrät Cormac, meint dabei aber nicht die Beziehung zu seiner Freundin, sondern zur Schweiz. Am Anfang seien die Leute etwas distanziert gewesen und zudem sei die Schweiz einfach sehr teuer. Doch mit der Zeit habe er immer mehr die Vorzüge des Landes schätzen gelernt. Die gute Qualität der Produkte, die Pünktlichkeit des Öffentlichen Verkehrs – und die Berge habe er sowieso schon immer geliebt. «I love the mountains», sagt er. Cormac kann sich gut vorstellen, seine Zukunft in der Schweiz zu verbringen. Nach der WM will er beginnen Deutsch zu lernen. Französisch kann er schon, den er hat ein Jahr in Montpellier studiert. Und er will wissen, in welcher Sprache denn die Schweizer Fans im Stadion die Nati anfeuern. Cormac und Luke werden das am Sonntag nicht tun können, denn sie haben gar keine Tickets für das Spiel gegen Brasilien. Dafür sehen sie sich am Montag in Sotschi Belgien gegen Panama an, und am Mittwoch dann Uruguay gegen Saudi Arabien in Rostow. Jedoch sind die beiden am 27. Juni beim Spiel der Schweizer gegen Costa Rica in Nischni Nowgorod dabei. Und Cormac weiss dann aus eigener Erfahrung, in welcher Sprache die Nati-Schlachtgesänge sind.

Moskowiter begeistert von der Schweiz

Gleich im Abteil neben Cormac und Luke sitzt Aleksandr Plechun. Sascha, so die Kurzform von Aleksandr, ist mit seinem Freund Igor Agapov unterwegs. Mit im Abteil sitzt auch noch der Georgier Dmitri Gadai, Dima genannt. Im Gegensatz zu den beiden Iren hat das Trio Tickets für das Brasilien-Spiel. Dima wird sogar am nächsten Freitag in Kaliningrad beim Spiel Schweiz – Serbien dabei sein. Doch weshalb trägt Sascha ein T-Shirt mit der Schweizer Flagge? «Ich war in der Schweiz, in Luzern und Zürich», verrät er. «Allerdings nur je einen Tag.» Dort habe er auch das Shirt gekauft, welches nun unverhofft zum Einsatz kommt. Und dann zeigt er mir auf seinem Mobiltelefon Bilder der Kapellbrücke und von der Universität Zürich. Besonders in Erinnerung geblieben sei ihm, dass er einfach so durch das Gebäude der ETH laufen konnte. «Ich hätte wohl irgendwo in eine Vorlesung hinein sitzen können, und niemand hätte etwas dagegen gehabt», sagt er. In Moskau wäre das undenkbar, meint Sascha. Da würde man gleich schon am Eingang von einem Pförtner nach seinem Ausweis gefragt.

Die Zugreisenden Aleksandr «Sascha» Plechum, Dmitri «Dima» Gadai und Igor Agapow. (Bild: Manuel Nagel)

Die Zugreisenden Aleksandr «Sascha» Plechum, Dmitri «Dima» Gadai und Igor Agapow. (Bild: Manuel Nagel)

Je länger das Gespräch mit Sascha und seinen Mitreisenden, desto mehr kehrt sich das Interview um. Sascha möchte dieses und jenes über die Schweiz erfahren – und selbst von der Initiative zum «bedingungslosen Grundeinkommen» hat er schon gehört. Man spürt, da ist beim Moskowiter, der ursprünglich aus der Ukraine stammt, nicht nur Interesse, sondern auch Begeisterung über unser Land vorhanden. Ob er in die Schweiz zurückkehren wolle? «Unbedingt», sagt Sascha bestimmt.

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