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WM-Gegentribüne: Alle Freiheit für Shaqiri

Gegen Brasilien war Valon Behrami der Held des Abends, gegen Serbien setzte Xherdan Shaqiri die Glanzpunkte. Er war Weltklasse.
Fredi Kurth
Gegentribüne-Autor Fredi Kurth analysiert für einmal nicht die Leistung des FC St.Gallen, sondern jene der Schweizer Nationalmannschaft. (Bild: Urs Bucher)

Gegentribüne-Autor Fredi Kurth analysiert für einmal nicht die Leistung des FC St.Gallen, sondern jene der Schweizer Nationalmannschaft. (Bild: Urs Bucher)

Mehr Unterschied kann nicht sein zwischen Behrami und Shaqiri, zwischen dem Abräumer im defensiven Mittelfeld, dessen Stärke in der Balleroberung liegt, und dem technisch begabten Kraftwürfel, der Spiele entscheidet. Kaum in einer andern Sportart gibt es so grosse Typusabweichungen wie im Fussball, vielleicht noch in der Leichtathletik zwischen Kugelstösser und Hürdenläufer, nur sind das verschiedene Disziplinen.

Shaqiri war Nummer 7, 10 und 11

Wie gegen Brasilien hatte Coach Vladimir Petkovic seinen diesmal wichtigsten Mann auf den rechten Flügel postiert. Das war eine Täuschung. Ex-Coach Ottmar Hitzfeld hatte ihn im Vorfeld als Nummer 10 vorgeschlagen. Doch Shaqiri spielte auf der ganzen Klaviatur. Schon früh in der ersten Halbzeit ganz links, dann in der Mitte; natürlich begab er sich ab und zu auch auf die angestammte Position. Shaqiri hatte alle Freiheiten. Ob er sie sich selber nahm oder auf Weisung seines Chefs? Nur in eine Richtung bewegte er sich etwas seltener: «Herr Shaqiri», wie ihn Sascha Rufer nannte, rannte nicht immer an den Schweizer Strafraum zurück – und hatte vielleicht just deswegen die Kraft für den Knalleffekt in der 90. Minute.

In England mehr Anerkennung

Die Kommentatoren von BBC gerieten ins Schwärmen und lobten ihn generell als wunderbaren Fussballer. Als er gegen Brasilien den Eckball herausholte (und danach zum Ausgleich hereinflankte) war ZDF-Kommentator Béla Réthy erstaunt und entzückt zugleich: «Elegant – wie im Training.» Xherdan Shaqiri kommt hierzulande nicht so gut an. Auf viele wirkt er unsympathisch, in seinem Gehabe arrogant. So auch am Freitagabend, als er sich beim Schiedsrichter mehr als einmal beschwerte. Ja, und dann nahm er sich auch die Freiheit, den Doppeladler zu zeigen, wie zuvor schon Granit Xhaka. Das war töricht, inakzeptabel. Aber so, wie sich Shaqiri nach dem Match erklärte, wie er die offensichtlichen Provokationen in der serbischen Öffentlichkeit und während des Spiels die Pfiffe von den Rängen erlebt hatte, empfindet der neutrale Schweizer Beobachter zumindest einen Hauch von Verständnis.

Das entscheidende Goal von Xherdan Shaqiri, mit dem die Schweizer den 2:1-Sieg gegen die Serben holen (Bild: Dan Mullan/Getty Images)
Die Schweizer Fabian Schär und Stephan Lichtsteiner stossen im Penalty-Raum mit dem serbischen Spieler Aleksandar Mitrovic zusammen (Bild: Matthias Hangst/Getty Images)
Xherdan Shaqiri wird gefeiert (Bild: KEYSTONE/Laurent Gillieron)
Mittelfeldspieler Xherdan Shaqiri macht die umstrittene Geste des Kosovo-Doppeladlers. (Bild: KEYSTONE/Laurent Gillieron)
Xherdan Shaqiri küsst den Rasen nach seinem Goal, das der Schweiz den Sieg brachte (Bild: AP Photo/Antonio Calanni)
Serbiens Verteidiger Dusko Tosic (links) und Nikola Milenkovic kämpfen um den Ball mit Nati-Stürmer Haris Seferovic (Bild: KEYSTONE/Laurent Gillieron).
Schweizer Fans während des hochspannenden Spiels. (KEYSTONE/Martial Trezzini)
Die Trainer der Schweiz und Serbiens, Vladimir Petkovic (links) und Krstajic Mladen (Bild: KEYSTONE/Laurent Gillieron).
Granit Xhaka, der das erste Goal für die Schweiz holte, macht die umstrittene Geste ebenfalls (KEYSTONE/Laurent Gillieron)
Nun auch ncoh Regen: Spieler Serbiens nach dem Ende der Partie (Bild: AP Photo/Matthias Schrader)
Manuel Akanji und Stephan Lichtsteiner (links) freuen sich über den Sieg (Bild: AP Photo/Matthias Schrader)
Aufgestellte Schweizer Fans. (Bild: KEYSTONE/Laurent Gillieron)
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Die besten Impressionen vom Spiel Schweiz-Serbien

Fast zu viel Eigeninitiative

Shaqiri nahm das Heft in die Hand wie in der vergangenen Saison bei Stoke, das schliesslich dennoch aus der Premier League abstieg. Im Grunde ist ein solch dominantes Auftreten eines Spielers im heutigen auf Teamgeschlossenheit basierenden Fussball kaum noch möglich, von Ronaldo bei Portugal einmal abgesehen. Pep Guardiola hatte einst für Shaqiri keinen Platz in Bayerns Stammelf frei, schätzte aber dessen Angriffswirbel als Joker.

Ein Spiel, das der WM guttat

So grundverschieden die Aufgabenverteilung von Behrami und Shaqiri, so unterschiedlich war auch das Auftreten der ganzen Mannschaft in den beiden ersten Partien. Schweiz gegen Brasilien war eine Abwehrschlacht. Schweiz gegen Serbien war ein Spiel, das nicht nur die Anhänger beider Teams in Wallung versetzte, sondern rund um den Globus Freude bereitet haben dürfte. Zunächst überraschten die Serben mit Spektakel. Dusan Tadic spielte am rechten Flügel auf wie Arjen Robben, war nicht zu bremsen. Aber die Schweizer konnten bereits in der ersten Halbzeit einige Male reagieren. Dass Dzemaili im Abschluss Schwächen hat, ist schon lange bekannt, spätestens seit jener Riesenchance, die er vor vier Jahren im Achtelfinal gegen Argentinien vergab.

Aber die Schweiz schlug zurück, auch unter der Führung von Granit Xhaka. Wobei es verblüfft, wie lange er im Nationalteam benötigt, um ähnlich souverän die Angriffe einzuleiten wie in der Premier League, wo er von allen rund 400 Akteuren die meisten Ballkontakte und die grösste Passgenauigkeit aufweist.

Erster Sieger nach Rückstand

Die Schweiz ist die erste Mannschaft der Endrunde, die nach einem Rückstand am Schluss als Sieger in die Menge jubelte. Das spricht für Qualität. Sie hatte aber auch Glück, dass der Videoassistent nie aktiv wird, wenn sich im Strafraum die Spieler im Ringen und Schwingen üben – so wie Lichtsteiner und Schär im Dreikampf mit Mitrovic.

Im Kampf um die beiden Achtelfinalplätze am nächsten Mittwoch ist die Ausgangslage nun sehr günstig. Sogar im Falle einer Niederlage gegen Costa Rica bei gleichzeitigem Sieg von Brasilien gegen Serbien wäre das Ziel erreicht. Die Frage, ob dann auch Deutschland ausgewichen werden könnte, erübrigt sich im Moment. Denn erstens muss sich der Weltmeister selber noch qualifizieren und zweitens ist nicht sicher, dass er der einfachere Widersacher wäre als zum Beispiel Mexiko.

Aufgefallen

Was ist schöner? Die Endrunde daheim zu verfolgen oder live im Veranstalterland? Diesmal haben die Anhänger der Schweizer Nationalmannschaft eine klare Antwort gegeben. Es sind viel weniger hingereist als zu den vergangenen Turnieren. Gründe gibt es viele: Vermeintliche Unsicherheiten in Russland, riesige Reisedistanzen von Spielort zu Spielort, eine gewisse Abnützung nach dem üblichen Ausscheiden in den Achtelfinals früherer Turniere. Selber habe ich immer die WM daheim dem unmittelbaren Liveerlebnis vorgezogen. 1990 war ich als Tagblatt-Journalist in Italien unterwegs, unvergesslich, aber einmal hat gereicht. Der Komfort in der eigenen Stube hat mit der HD-Qualität, dem massiven Querformat (von wegen taktische Formationen würden einem entgehen) und der Informationsfülle durch Moderatoren, Kommentaren und Studiogäste enorm zugenommen. Nicht zuletzt schätze ich die grössere Beinfreiheit als jene im Stadion, die bis zum Kühlschrank reicht. Da wird man auch nicht ständig gestört von Zu-spät-Ankömmlingen oder Zu-früh-Aufbrechenden. Ein Kollege erzählte mir eindrücklich von seiner Aufregung vor dem Final Brasilien gegen Italien 1994 in Los Angeles. Sie hatten die teuren Tickets im Sack, der Car war unterwegs zum Stadion – aber der Verkehr zusammengebrochen. Einige entschlossen sich, im Eiltempo zu Fuss die restliche Strecke zurücklegen und nahmen just beim Anpfiff Platz in der Arena. Wer im Bus sitzen blieb, erschien viel zu spät.

Für Senioren sind die Spiele in Russland ideal angesetzt. Am Vormittag die Velo- oder Joggingrunde. Dann die mediale Vorbereitung via Tagblatt sowie ein Mittagsschläfchen. Und ab 14 Uhr die Spiele mit dem letzten Match um 20 Uhr, nun gerade noch rechtzeitig, bevor die Sandmännchen die Mainzelmännchen ablösen. Nein, es ist nicht so, dass ich nur ZDF oder ARD schaue. Mit den Ostschweizern Mario Gehrer, Paddy Kälin und Daniel Kern sind wir bei SRF gut bedient. Sie halten bezüglich Fachkenntnisse, Lockerheit, aber auch Sachlichkeit mit ihren deutschen Kollegen mit. Zu empfehlen ist beim ORF zudem der Vorarlberger Thomas König. Auf Hochdeutsch ist der Ostschweizer Akzent angenehm und der Dialekt im Alltag von deutschen Landsleuten, sofern nicht mit Innerrhoder oder Rheintaler Timbre versehen, besser zu verstehen als der sprachlich etwas verbogene Berner, Walliser oder Zürcher Dialekt. Wissen Sie übrigens, was Wouuche sind? (Auflösung weiter unten). Da gibt es die schöne Geschichte mit Emil Steinberger, der in Deutschland immer auf Hochdeutsch agierte. Als er einen seiner deutschen Freunde in die Innerschweizer Heimat mitnahm, fragte dieser erstaunt, was die Leute hier denn für eine Sprache redeten. Er hatte immer gemeint, Steinbergers luzernisch angehauchtes Schriftdeutsch sei schon Schweizer Dialekt.

Den Weg vom Sofa zum Kühlschrank können wir uns an der aktuellen WM auch dann leisten, wenn für einmal der Match im Gange ist und sich nicht Spieler mit gutem Grund oder theatralischer Parterreakrobatik am Boden wälzen. Das Niveau ist meistens überschaubar, die Zahl der Spiele mit möglichem Legendenstatus noch bescheiden. Spanien gegen Portugal, Deutschland gegen Mexiko und Schweiz gegen Serbien sind im Verdacht. Russland gegen Ägypten und Frankreich gegen Peru haben mir ebenfalls gefallen, weil hier alle Teams schnelles Umschaltspiel bevorzugten und sich nicht mit Ballgeschiebe begnügten. Aber warten wir ab. Bis zur Gesamtbilanz kann sich noch manches ändern. (Hier die Auslösung: Wouuche Bärndeutsch = Wolkä im Ostschweizer Dialekt, Wolke auf Hochdeutsch). (th)

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