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«Verwandte könnten ohne Zustupf kaum überleben»: SRF-Büsser auf den Spuren der Nati-Stars im Balkan

Die Schweiz trifft heute Freitag an der Fussball-WM auf Serbien. Nicht weniger als sechs Nationalspieler stammen aus dem Balkan. Welchen Bezug haben die Spieler noch zum Land ihrer Väter? Die SRF-Moderatoren Stefan Büsser und Manuel Rothmund haben nachgeforscht.
Alexandra Pavlovic
SRF-Moderator Stefan Büsser und Produzent Manuel Rothmund haben Blerim Dzemailis Vater in Mazedonien besucht. (Bild: SRF)

SRF-Moderator Stefan Büsser und Produzent Manuel Rothmund haben Blerim Dzemailis Vater in Mazedonien besucht. (Bild: SRF)

Längst werden Blerim Dzemaili, Valon Behrami oder Haris Seferović nicht mehr als fremd angesehen. Mit Stolz spielen die Secondos für die Schweizer Nationalmannschaft und nicht etwa für Mazedonien, den Kosovo oder Bosnien und Herzegowina, die Herkunftsländer ihrer Eltern. Haben die Spieler überhaupt noch einen Bezug zum Balkan? Um zu verstehen, wie Dzemaili, Behrami, Seferović & Co. ticken, muss man ihre Wurzeln verstehen. Stefan Büsser und Manuel Rothmund haben sich dieser Aufgabe angenommen. In einer zweiwöchigen Tour sind der SRF-Radiomoderator und sein Produzent durch den Balkan gereist und haben nicht nur die Familien der Nationalspieler besucht, sondern auch Land und Leute kennengelernt.

Manuel Rothmund und Stefan Büsser, Sie beide sind in der Schweiz aufgewachsen. Was assoziieren Sie mit dem Balkan?

Rothmund: In der Schulzeit hatte jeder von uns den einen oder anderen Mitschüler aus dem damals kriegsgebeutelten Jugoslawien. Früher assoziierten wir den Balkan nur mit Krieg, heute nehmen wir ihn als Feriendomizil wahr.

In der Schweiz leben laut Statistik rund 311'840 Personen aus dem Balkan. Wie nehmen Sie diese Bevölkerungsgruppe wahr?

Büsser: Viele sind vom Krieg geprägt. Einige konnten sich nicht so einfach integrieren, waren zwischen zwei Welten. Und in der Schule waren es meistens die Balkan-Kinder, die geprügelt haben. Dann liest man noch die negativen Schlagzeilen, und es bleibt einem eher ein negativer Eindruck haften. Aber dann gehst du in den Balkan und erlebst um 180 Grad andere Menschen.

Inwiefern anders?

Büsser: Ich war noch nie in einem Land, in dem die Menschen so hilfsbereit und nett waren. Der Balkan hat wunderschöne Landschaften, und die Leute haben uns, egal wo wir waren, immer geholfen.

Ihre Erwartungen wurden also übertroffen?

Büsser: Es war eine unglaublich schöne Erfahrung. Ich hatte es aber ehrlich gesagt ein wenig so erwartet. Das Bild der Menschen aus dem Balkan, wie wir es hier vermittelt erhalten haben, stimmt so nicht. Und ich bin froh, dass es nicht so ist. Ich habe wirklich Verständnis für die Menschen, die hierher geflüchtet sind. Auf dem Balkan herrschen teilweise noch immer Zustände wie in Drittweltländern.

Wie kamen Sie auf die Idee, diese für Sie beide doch so unbekannten Länder zwei Wochen lang zu bereisen?

Büsser: Ich wurde von der Produktion angefragt, ob ich Lust hätte, eine Nachfolgesendung ähnlich wie Divertimeno zu machen. Das Comedy-Duo ist damals durch Schottland gereist. Ich hatte Lust und wusste auch sofort, dass ich die Reise nur mit Manuel machen will. Russland war mir aber zu uninteressant und daher keine Option. Ich habe mich also für den Balkan entschieden. Zum einen wollte ich wissen, wie es dort ist, zum anderen interessierte es mich, woher unsere guten Fussballer stammen.

Rothmund: Genau. Bei den Nati-Spielern ist immer wieder Thema, wie viel Schweiz in diesen Spielern steckt. Und sie sprechen auch immer wieder von ihrer Balkan-Herkunft. Deshalb wollten wir das alles verbinden und herausfinden, wie fest verwurzelt sie mit dem Heimatland ihrer Eltern sind, wieso es für sie schwierig ist zu entscheiden, für welches Land sie spielen wollen und wie sie eigentlich aufgewachsen sind.

Beim Grenzübergang: "Herzlich Willkomen in der Republika Srbska". Neben der Föderation Bosnien und Herzegowina ist die Republika Srbska eine von zwei Enitäten von Bosnien und Herzegowina (BiH). (Bild: SRF)

Beim Grenzübergang: "Herzlich Willkomen in der Republika Srbska". Neben der Föderation Bosnien und Herzegowina ist die Republika Srbska eine von zwei Enitäten von Bosnien und Herzegowina (BiH). (Bild: SRF)

Sie haben Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Mazedonien, Albanien und den Kosovo bereist. Ihr erster Eindruck: eine hilfsbereite Bevölkerung. Wie haben Sie die Menschen vor Ort sonst noch erlebt?

Rothmund: Die Gastfreundschaft war uns zum Teil unangenehm, wir wussten nicht, wie wir darauf reagieren sollten.

Wie hat sich das geäussert?

Rothmund: Als wir beispielsweise bei Behramis zu Hause waren und essen wollten, hat die Familie erst gegessen, als auch alle Kameraleute mit am Tisch waren. Oder als wir Informationen über Josip Drmićs Haus benötigten, hat uns jeder geholfen, den wir gefragt haben. Aber, und jetzt kommt’s: Wir mussten zuerst ein Gläschen Schnaps trinken. Und bei einem blieb es nicht...(lacht).

Nach ihrer Reise durch den Balkan testen wir die Geschmacksnerven von Stefan Büsser und Manuel Rothmund in Sachen Schnaps.

Und das Leben dort, wie ist es?

Büsser: Besonders aufgefallen ist uns, dass viele junge Menschen auswandern. Die Probleme sind gross. Sobald sie können, ziehen einige in die grossen Städte oder versuchen sich im Westen etwas aufzubauen. Besonders ältere Menschen beklagen sich, dass kaum Junge im Dorf bleiben. Und dann schlenderst du durch die Städte, die fast wie Metropolen wirken. In Pristina etwa sieht man operierte Frauen wie in Los Angeles. Auf nur wenigen Quadratkilometern treffen unterschiedliche Welten aufeinander.

Rothmund: Deutlich wurde das auch auf dem Land. Da siehst du auf einmal einen getunten und tiefergelegten Audi A5 einen Esel mit Kutsche überholen. 200 PS gegen 1 PS. Schon sehr eindrücklich.

Leben denn einige Eltern der Nationalspieler überhaupt noch im Balkan?

Rothmund: Ja. Der Vater von Blerim Dzemaili etwa lebt in Mazedonien, bei den anderen Nationalspielern sind es weniger die Eltern als vielmehr andere Verwandte.

Bekanntes Gesicht: Blerim Dzemailis Vater telefoniert beim Besuch der SRF-Moderatoren mit seinem Sohn. (Bild: SRF)

Bekanntes Gesicht: Blerim Dzemailis Vater telefoniert beim Besuch der SRF-Moderatoren mit seinem Sohn. (Bild: SRF)

Haben die Nati-Spieler überhaupt einen Bezug zu ihrer Heimat?

Rothmund: Einige mehr, andere weniger. Diejenigen, die stark mit dem Heimatland der Eltern verwurzelt sind, leisten auch viel dort. Etwa durch Projekte.

Was für Projekte?

Rothmund: In Pristina etwa beträgt der Durchschnittslohn 500 Euro. Wenn hier Verwandte aus der Schweiz Geld in die Heimat schicken, ist das essenziell fürs Überleben – erst recht, wenn das Fussballer tun, die Millionen verdienen. Die Verwandten können ohne diesen Zustupf kaum überleben. Ein beeindruckendes Projekt wurde beispielsweise von Haris Seferović mitfinanziert. In seiner Gemeinde nahe der Ortschaft Sanski Most wurde ein neuer Kunstrasen für Jugendliche erstellt. Haris hat eine Grossteil der Kosten übernommen. Die Jugendlichen hatten bisher keinen Fussballplatz.

Büsser: Und auch die anderen Spieler leisten viel. Man merkt einfach, dass sie da unten ein Stück weit das nicht vorhandene Sozialsystem ersetzen. Wenn zum Beispiel ein Kind krank ist im Dorf, dann wird ein Fussballer angerufen, der die Operation bezahlt – es gibt sonst gar keine andere Möglichkeit.

Ist Ihnen ein Erlebnis besonders in Erinnerung geblieben?

Rothmund: Ja, eine Turnhalle, die in sehr schlechtem Zustand ist. In der Schweiz wäre sie für Kinder gesperrt. Haris Seferović hat hier rund 20 Bälle gekauft, damit die Kinder wenigstens spielen können.

"Verlottert" ist noch nett ausgedrückt: Stefan Büsser und Manuel Rothmund sind entsetzt über den Zustand einer Schulturnhalle in Bosnien. (Bild: SRF)

"Verlottert" ist noch nett ausgedrückt: Stefan Büsser und Manuel Rothmund sind entsetzt über den Zustand einer Schulturnhalle in Bosnien. (Bild: SRF)

Büsser: Obwohl es in der Halle sehr gefährlich ist, spielen dort Tag für Tag über 50 Schulkinder. Sie können nur hoffen, dass die Decke nicht irgendwann einstürzt. Und auch hier haben wir erneut die enormen Klassenunterschiede zu spüren bekommen. Rund 200 Meter nebenan stand eine neue Schule mit allem, was dazugehört. Finanziert von der EU. Was mir noch besonders in Erinnerung geblieben ist, ist der Hochzeitstanz, den ich in traditionellen Kleidern tanzen musste. Obwohl wir viele lustige Momente erlebt haben, bleibt einem aber vor allem eines in Erinnerung: das grosse Elend. Nach wie vor sind viele Länder auf dem Balkan arm und stehen erst am Anfang davon, sich vom Krieg zu erholen.

In der bosnischen Stadt Glamoč tanzte SRF-Moderator Stefan Büsser einen traditionellen Hochzeitstanz. (Bild: SRF)

In der bosnischen Stadt Glamoč tanzte SRF-Moderator Stefan Büsser einen traditionellen Hochzeitstanz. (Bild: SRF)

Zwei Wochen haben Sie Land und Leute aus dem Balkan erlebt. Verstehen Sie die Spieler nun besser, und was sagen Sie zur ewigen Diskussion, darüber, für welches Land das Herz der Secondos aus dem Balkan denn nun wirklich schlägt?

Büsser: Ja, wir verstehen die Spieler schon irgendwie besser. Sie sagen ja, dass sie stolz sind für die Schweiz zu spielen. Das glauben wir ihnen auch. Dennoch sind sie gespalten, da sie tief im Herzen halt auch gerne für das Heimatland der Familie spielen würden. Im Balkan ist der Nationalstolz viel grösser als bei uns.

Rothmund: Zudem stehen die Spieler unter einem enormen Druck. Deshalb kann ich verstehen, dass sie sich verpflichtet fühlen, dort unten zu helfen. So können sie unter Beweis stellen, dass sie ihre Wurzeln nicht vergessen haben. Gleichzeitig haben wir aber auch festgestellt: Dass bei einem Spieler wie Valon Behrami, bei dem die Verbundenheit zum Heimatland nicht mehr gross vorhanden ist, die Frage für welches Land sein Herz schlägt, gar kein Thema mehr war.

Haben die Menschen auf dem Balkan Verständnis dafür, dass ihre Landsleute für die Schweiz spielen?

Rothmund: Ja, und wie! Die Landsleute sind stolz, dass diese Akteure überhaupt in einer Nationalmannschaft spielen. Klar, es gab unter der Hand auch andere Stimmen, aber grundsätzlich sind sie begeistert, dass es einer aus ihrer Stadt oder ihrem Dorf an die Spitze geschafft hat.

Secondos sind hungriger und bissiger, erreichen mehr in ihrer Karriere, lautet eine These. Der Fussball ist für sie die grosse Chance, gesellschaftlich Anerkennung und Erfolg zu erlangen.

Büsser: Definitiv. Viele Spieler sehen den Fussball als Chance, das Elend hinter sich zu lassen. Wir haben schon mehrfach erlebt, dass ein Spieler ein ganzes Dorf ernährt. Valon Behrami etwa hat 50 Verwandten beim Hausbau geholfen. Darum hoffen auch ganze Dörfer mit ihren Spielern, dass diese es in eine der ganz grossen Ligen schaffen. Und die kleinen Buben träumen davon, eines Tages ein Xhaka, Shaqiri oder Seferovic zu werden.

Rothmund: Wir haben auch sehr viele Kinder mit Schweizer Nati-Trikots herumlaufen sehen. Das war doch sehr beeindruckend.

Könnte die Schweizer Nationalmannschaft ohne Spieler aus dem Balkan überhaupt so erfolgreich sein wie in den letzten zehn, fünfzehn Jahren?

Rothmund: Die Schweizer Nati wäre vielleicht weniger gut. Es ist noch schwierig zu sagen, was die Spieler aus dem Balkan alles mitbringen. Aber sie sind sicher kreativer, schlitzohriger und geben alles. Für die Nationalmannschaft sind sie auf jeden Fall eine Bereicherung.

Trainer Vladimir Petkovic stammt selbst auch aus dem Balkan. Wie entscheidend ist das?

Büsser: Ich finde es nicht entscheidend, dass der Trainer auch aus dem Balkan kommt. Petkovic findet ab und zu sicherlich eher den richtigen Ton, aber ich denke, da ist jeder Profi genug, als dass so etwas wie die Herkunft des Trainers eine Rolle spielen würde.

Es gibt auch kritische Stimmen zur Nationalmannschaft. Einige behaupten, dass es zu viele Secondos im Kader hat und man sich deshalb nicht mehr mit dem Team identifizieren könne.

Büsser: Das ist doch Schwachsinn! Wer damit ein Problem hat, der hat wohl mit sich selber und der ganzen Gesellschaft ein Problem. Im Jahr 2018 muss man sich doch nicht mehr über den Nachnamen definieren. Nicht nur die Welt, auch die Schweiz ist multikulti. Ich beurteile einen Menschen doch anhand seiner guten oder schlechten Taten und nicht aufgrund seines Passes.

Rothmund: Da bin ich gleicher Meinung. Ich finde auch die Diskussionen rund um das Singen der Nationalhymne so was von unwichtig. Logisch wäre die Freude gross, wenn Dzemaili und Co. die Schweizer Hymne mitsingen. Aber...

Büsser:...aber wichtiger ist doch, dass die Jungs gut spielen. Das bringt schliesslich auch die Schweiz im Fussball weiter.

Sendehinweis: Mission ImBüssible - Am Ball im Balkan

Ab Freitag 29. Juni, sowie 6. und 13. Juli; 21 Uhr, SRF 1.

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