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Kolumne

WM-Gegentribüne: Nach 632 Jahren hat die Schweiz mit Behrami einen neuen Winkelried

Der Jubel nach dem 1:1 gegen Brasilien war gross, das Unentschieden der Schweizer redlich erkämpft. Aber gegen Serbien sollte ein Sieg her, denn die Ausgangslage ist komplex.
Fredi Kurth
Gegentribüne-Autor Fredi Kurth analysiert für einmal nicht die Leistung des FC St.Gallen, sondern jene der Schweizer Nationalmannschaft. (Bild: Urs Bucher)

Gegentribüne-Autor Fredi Kurth analysiert für einmal nicht die Leistung des FC St.Gallen, sondern jene der Schweizer Nationalmannschaft. (Bild: Urs Bucher)

Die Reaktionen verrieten die Erwartungshaltung. Hier die feiernden Schweizer, dort die etwas ernüchterten Favoriten. Aber im Endeffekt gingen beide Teams mit einem Punkt vom Rasen, der ihnen nur vielleicht weiter hilft. Gerade in kleinen Gruppen-Formaten, wie an einer WM-Endrunde, kommt nämlich der Dreipunkte-Regel enorme Bedeutung zu.

Behrami die Schlüsselfigur

Die Schweizer hatten einen grossen Kampf geliefert gegen einen Widersacher, den die Favoritenrolle anfänglich zu belasten schien. Valon Behrami ging als Winkelried in die Schlacht und war offensichtlich bemüht, Neymar den Schneid abzukaufen. Einmal hatte er ihn elegant abgelaufen. Behrami erinnerte mich auch an den legendären Engländer Nobby Stiles vom Weltmeister-Team 1966, einer der härtesten Spieler der Welt, der als «zahnloser Fussballer» in die Geschichte einging. Was aber nur auf sein Gebiss zutraf. Neymar, zehnmal gefoult und offensichtlich noch nicht in Bestform, wirkte eingeschüchtert und legte sich manchmal prophylaktisch schon vor den Attacken der Schweizer hin.

Petkovic Spezialist für zähen Widerstand

Winkelried starb einst in Sempach den Opfertod. Behrami ging 632 Jahre später «nur» verletzt vom Platz. Danach blieb von defensiver Ordnung im Schweizer Team nicht mehr viel übrig. Die Brasilianer schraubten das Chancenverhältnis auf 10:2 (4:1), und wäre der Ball doch noch ins Schweizer Tor geflogen, wäre vom Jubel nichts mehr übrig geblieben. Doch nun kam mir ein anderes historisches Ereignis in den Sinn, ein fussballhistorisches, fussballhysterisches: Vor zehn Jahren führte St.Gallen in Bellinzona in der Barrage und verlor schliesslich knapp. Ein 1:0 oder 2:1 würde nun reichen. Von wegen. Der Aussenseiter aus dem Tessin erwies sich als zu zäh – wie einige Male die Schweizer Nationalmannschaft. Der Trainer heute wie einst heisst Vladimir Petkovic.

Toooooor für die Schweeeeiz! Die Freude beim Torschützen ist gross. (Bild: Photo by Kevin C. Cox/Getty Images)
Jubel bei Haris Seferovic, Xherdan Shaqiri und Steven Zuber (von links) nach dem Tor. (Bild: Lauren Gilliéron / Keystone)
Behrami neutralisierte den Brasilianischen Star-Spieler Neymar, bis unser "Krieger" wegen einer Verletzung vom Platz musste. (Bild: AP Photo/Themba Hadebe)
Behrami und Neymar nach einem Zweikampf. (Bild: AP Photo/Darko Vojinovic)
Brasiliens Coutinho erzielte in der 19. Minute das 1:0 für Brasilien. (AP Photo/Themba Hadebe)
Ein Fan posiert mit Bundespräsident Alain Berset für ein Selfie. (Bild: KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Nach der Pause dann der lang ersehnte Ausgleich: Nach einem Eckball köpft Steven Zuber den Ball gekonnt ins gegnerische Tor. (Bild: Kevin C. Cox/Getty Images)
Die Schweizer freuen sich über ein hart erkämpftes Unentschieden... (Bild: KEYSTONE/Laurent Gillieron)
...Oder wie Kommentator Sascha Ruefer es formulierte: "Die Schweiz gewinnt 1:1!" (Bild: AP Photo/Themba Hadebe)
Fieberte auf der Tribüne für Ihren Valon mit: Skirennfahrerin Lara Gut. (Bild: Lauren Gilliéron / Keystone)
Herzliche Begrüssung der beiden Trainer vor dem Spiel: Vladimir Petkovic (links) und Tite. (Bild: Lauren Gilliéron / Keystone)
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Ein Punkt gegen Brasilien

Traumstart ohne Traumfussball

«Wir haben die Ruhe bewahrt», sagte Petkovic, selber die Ruhe in Person, nach 98 dramatischen Minuten. Darauf kam es ihm an. Ein 2:5 wie vor vier Jahren gegen Frankreich durfte es auf keinen Fall mehr sein. So gab es mit dem Punktgewinn einen Traumstart – aber keinen Traumfussball. Vielleicht hatte die grosse Fussballwelt vom zweiten und sechsten der Fifa-Weltrangliste solches erwartet. Immerhin wurde auch den Schweizern nachgesagt, die bisher talentierteste Mannschaft seit langem ins Turnier geschickt zu haben. Doch der Galafussball fand bisher bei Spanien gegen Portugal und Mexiko gegen Deutschland statt. Die Mexikaner zeigten eine Halbzeit lang, wie man als Aussenseiter ebenfalls auftreten könnte, die Schweizer nur ganz zu Beginn, als einige feine Kombinationen zu einem der beiden gefährlichen Abschlussversuche im ganzen Spiel führten. Dzemaili stand etwas ungünstig.

Bei Brasilien Samba der grosse Abwesende

Vielleicht beruht das voreilige Entzücken über die Fussballkunst der Brasilianer auf einem Missverständnis. Denn der Rekordweltmeister spielt unter seinem Trainer Tite zwar einen sehr erfolgreichen Fussball. Er ist aber von überragender Spielkunst, vom Samba früherer Tage, weit entfernt. «Unter Tite ist Nüchternheit eingekehrt», schrieb der «Kicker» schon vor ein paar Wochen. Disziplin und Systemsicherheit seien die Hauptmerkmale.

Rechenkünstler gefragt

Für die Schweizer gilt es, sich vom Ergebnis nicht allzu sehr blenden zu lassen, sondern mit ganzer Konzentration das «Entscheidungsspiel» gegen Serbien vom nächsten Freitag anzugehen. Ein Unentschieden auch im zweiten Match würde dann am 27. Juni nicht nur einen Sieg gegen Costa Rica, sondern möglicherweise auch Beihilfe der Brasilianer im Match gegen Serbien erfordern. Da Serbien allerdings bloss 1:0 gegen Costa Rica gewonnen hat, benötigte das Team vom Balkan noch eher einen Sieg gegen die Schweiz. Denn bei Punktgleichheit zählen primär die Tordifferenz und danach die Anzahl der erzielten Tore über die Klassierung. Noch komplizierter würde alles, wenn Brasilien einen Achtelfinal gegen den eventuellen Zweiten Deutschland vermeiden möchte. Die Gruppe F hat an jenem 27. Juni bereits abgeschlossen, bevor wenig Stunden später die Schweizer Gruppe E spielt.

Aufgefallen

Die WM steht erst am Anfang, aber eines jetzt schon fest: Der Videobeweis verändert den Fussball. Wie es im Moment aussieht im positiven Sinne. Er wird gerechter. Ohne die technischen Hilfsmittel hätte Frankreich gegen Australien verloren – das hätte den ersten Schiedsrichter-Skandal hervorgerufen. Was weiter auffällt: Die Schieds- und Linienrichter haben die Tendenz, im Zweifel weiterlaufen zu lassen und darauf zu warten, ob sich der Videoraum meldet. Gut so. Das ist vor allem wichtig für jene Fälle, in denen Angreifer sonst aus hoffnungsvoller Position fälschlicherweise offside zurückgepfiffen würden. Dann gibt es nichts mehr gutzumachen.

Das hat auch zur Folge, dass Bagatellvergehen, wie der Schubser von Zuber bei seinem Tor, nicht geahndet werden. Fussball ist nicht Basketball. Allerdings dürften sich die Spieler immer häufiger an die Grenze herantasten. Wo die Videoassistenten bisher eingegriffen haben, lagen sie richtig. Zu diskutieren gaben just die Situationen, in denen «Big Brother» nicht eingriff. Am höchsten lag die Latte vor dem 1:1 der Spanier gegen Portugal, als sich Diego Costa gegen Pepe durchgesetzt hatte und ein wunderschönes Tor erzielte. Die Fragezeichen kamen allerdings erst mit Verzögerung, und die Meinungen gingen auseinander. Ref-Experte Urs Meier sagte am Samstag im ZDF: «Für mich war es ein Foul.» Die Quintessenz: Der Videoraum blieb richtigerweise stumm. Schon die Formulierung Meiers «für mich» verrät, dass die klare Situation – Voraussetzung für das Eingreifen – nicht gegeben war.

Was hat die Kaderliste der Schweizer Nationalmannschaft mit jener von Costa Rica gemeinsam? Beide haben genau einen Akteur aus der Super League aufgeboten. Hier Michael Lang vom FC Basel, dort Yeltsin Tejeda von Absteiger Lausanne-Sport. Es sind zwei von sage und schreibe vier Spielern der Schweizer Spitzenklasse, die in Russland dabei sind. Die andern beiden sind im Aufgebot der Australier zu entdecken: Tomi Juric von Luzern und Trent Sainsbury von den Grasshoppers. Das spricht nicht gerade für die Wertschätzung und das Niveau der Super League. Aus St.Galler Sicht hätte Runar Sigurjonsson bestimmt ins Kader der Isländer gehört und zum Beispiel mindestens über die Klasse eines Birkir Bjarnason verfügt. Aber auch der noch frühere Abgänger Albian Ajeti, der Torschützenkönig der Super League, hätte dem Schweizer Kader gut angestanden.

Erste Beobachtungen in aller Kürze: Das Niveau der Endrunde ist sehr unterschiedlich. Viele erstklassige Torchancen werden kläglich vergeben. Die Schiedsrichter räumen erfreulich viel Nachspielzeit ein. Bisher entsprachen die meisten Resultate dem Spielverlauf. Einzig bei Dänemark gegen Peru und Iran gegen Marokko siegte die schwächere Mannschaft. Es gibt zwei Gruppen, in denen der Kampf um die beiden Achtelfinalplätze kaum Spannung verspricht: Die Gruppe mit den Favoriten Spanien und Portugal gegenüber Marokko und Iran sowie die Gruppe mit Belgien und England mit den Aussenseitern Panama und Tunesien. (th)

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