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Doppeladler-Jubel: Nachsitzen bei der Fifa

Die Partie Serbien – Schweiz befindet sich noch immer in der Nachspielzeit. Die Fifa muss den Doppeladlergruss nach den beiden Schweizer Toren sowie das ungebührliche Verhalten der Serben beurteilen. Der Entscheid wird am Montag erwartet.
Christian Brägger, Toljatti
Xherdan Shaqiri (rechts) und Alex Miescher, SFV-Generalsekretär. (Bild: Laurent Gillieron/KEY, Toljatti, 23. Juni 2018)

Xherdan Shaqiri (rechts) und Alex Miescher, SFV-Generalsekretär. (Bild: Laurent Gillieron/KEY, Toljatti, 23. Juni 2018)

Den freien Sonntag hatten sich die Schweizer verdient mit dem formidablen Start ins WM-Turnier und den vier gewonnenen Punkten. Einzig für Claudio Sulser, den Delegierten des Nationalteams, gab es einen Haufen Arbeit; denn die Fifa hat nach dem 2:1-Sieg gegen Serbien nun doch ein Disziplinarverfahren gegen Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri eröffnet, weil beide Schweizer beim Torjubel mit den Händen den albanischen Doppeladler formten. Und auch Captain Stephan Lichtsteiner ist ins Visier der Fussball-Justiz geraten, weil er seine beiden Mitspieler nachahmte.

Sulser, der Anwalt ist und früher viele Jahre in der Disziplinarkommission der Fifa gewirkt hat, musste am Sonntag eine schriftliche Stellungnahme für den Weltverband verfassen. Und dabei die Sicht des Schweizer Fussballverbands (SFV) schildern. Im Schreiben wird gestanden haben, dass der Adlergruss – der Vogel ist das Wappentier Albaniens – weder ein politisches noch religiöses Statement ist. Dass die Geste der drei Fussballer einzig das Zusammengehörigkeitsgefühl der Albaner symbolisiert und eine emotionale Grussbotschaft an die alte Heimat, an die Familien und Verwandten war – dahingehend hatten sich Xhaka und Shaqiri ja auch geäussert unmittelbar nach dem Spiel. Dass die Handbewegung keineswegs für eine politische Ideologie stand und damit keine nationalistische Provokation war, auch wenn der serbische Boulevard seinem Volk das Gegenteil suggerierte. Und dass Lichtsteiner den Teamkollegen einfach beistand.

Es drohen zwei Spielsperren

Sulser wird der Fifa indes nicht geschildert haben, dass es sehr wohl nachvollziehbar wäre, wenn die Schweizer mit kosovarischem Hintergrund mehr in ihren Posen sehen würden, weil die Wunden des Balkankriegs nur langsam heilen. Xhakas Vater war einst drei Jahre lang als politischer Gefangener inhaftiert und verlor seinen Job, das Haus von Shaqiris Onkel wurde niedergebrannt, ein Cousin und ein Onkel Valon Behramis fielen im Krieg, die Serben drangen in das Haus seiner Eltern ein. Ihnen allen passierte so viel Unschönes, dass die Familien ihr Land Richtung Schweiz verliessen. Und dort sesshaft wurden.

Es ist für die Xhakas und Shaqiris völlig normal und richtig, dass sie heute für zwei Nationen Heimatgefühle hegen. Sie stehen dazu, sie zeigen dies öffentlich – und deswegen muss sich der SFV nun weiter mit der als Hochrisikospiel eingestuften Partie beschäftigen. Den Verband trifft das unvorbereitet. Er hat im Vorlauf nicht über eine mögliche Gefahr geredet mit den Spielern, er hat die Diskussion gar nie entstehen lassen und abgewürgt, weil er sie nicht sah. Während Wochen durfte Xhaka erst gar nicht reden mit und in den Medien. Und jetzt, im Nachgang, muss der Verband auf die Thematik plötzlich reagieren.

Die Fifa-Regel zwölf gegen «unsportliches Verhalten» verbietet den Torjubel «mit provozierenden, höhnischen und aufhetzenden Gesten». Würden die Handlungen von Xhaka, Shaqiri und auch von Lichtsteiner als Provokationen gegen die Zuschauer ausgelegt, käme wohl Artikel 54 des Fifa-Disziplinarreglements zum Zug: «Wer während einer Partie die Zuschauer provoziert, wird mit mindestens zwei Spielsperren und einer Geldstrafe von mindestens 5000 Franken belegt.» Von Spielsperren geht Peter Gilliéron allerdings nicht aus, und falls es am Montag doch zu einem solchen Fifa-Urteil käme, wäre dies «ein Hammerschlag», wie der Verbandspräsident es nennt. Der SFV würde einen Rekurs prüfen, der aber keine aufschiebende Wirkung hätte.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Schweiz im Zusammenhang mit einem Länderspiel etwas passiert – böse Zungen behaupten sogar, irgendetwas passiere ihr immer. Einen vergleichbaren Fall wie den aktuellen gibt es indes nicht. 1995 war es Alain Sutter, der seine Mitspieler bei einer Partie in Schweden dazu bewegte, einen «Stop it, Chirac»-Banner gegen die Atomversuche Frankreichs hochzuhalten. 2004 gab es an der EM in Portugal die Affäre um Alex Frei, der Steven Gerrard von hinten an den Hals spuckte, dies trotz entlarvender TV-Bilder lange bestritt und dann drei Partien lang nicht mittun durfte. 2012 zeigte Ottmar Hitzfeld dem Schiedsrichter in einer WM-Qualifikationspartie gegen Norwegen den Stinkefinger; er durfte danach zweimal nicht an der Seitenlinie stehen.

Derzeit ist nicht davon auszugehen, dass die Fifa in den Jubel­gesten sogar einen politischen Zusammenhang sieht. Wäre das doch der Fall, hätte dies weitreichende Konsequenzen, drakonischere Strafen mit mehreren Spielsperren würden folgen. Gilliéron sagte: «Es ist ein schwieriges Feld für die Fifa, sie muss sehr aufpassen, was sie nun tut.»

Trainer Krstajic ebenfalls auf der Anklagebank

Während Xhaka und Shaqiri Sukkurs von Sportminister Guy Parmelin und Aussenminister Ignazio Cassis erhielten, sind die Serben ebenfalls auf der Fifa-Anklagebank. Sie müssen ihr Verhalten verteidigen, die Äusserungen zu Schiedsrichter Felix Brych vor allem, den Trainer Mladen Krstajic öffentlich einen «Kriegsverbrecher» schimpfte – und das waren noch die milderen Worte.

Auch der Verbandschef Slavisa Kokeza muss vor dem Tribunal antraben. Zudem skandierten offenbar nationalistisch gesinnte Anhänger während der ersten 20 Spielminuten immer wieder «Töte den Albaner!» – Rassismus in Reinform, wie ihn die Fifa unterbinden müsste. Dabei ist doch WM, und es geht eigentlich um Fussball.

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