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Die Schweiz im Achtelfinal: Jetzt – oder nie

Die Schweden geben sich kämpferisch, die Schweizer selbstbewusst. Die Mannschaft von Vladimir Petkovic kann heute ab 16 Uhr (SRF zwei) Geschichte schreiben. Und Heldenstatus erlangen. Oder aber am eigenen Anspruch scheitern.
Christian Brägger, St. Petersburg
Granit Xhaka will mit der Schweiz den Viertelfinal gegen England oder Kolumbien erreichen. (Bild: Keystone)

Granit Xhaka will mit der Schweiz den Viertelfinal gegen England oder Kolumbien erreichen. (Bild: Keystone)

Man wünscht den Schweizern gegen Schweden alles Glück der Welt, die beste Leistung der Karriere. Der erste WM-Viertelfinal seit 64 Jahren verlangt nach ihnen. Es wäre die Erfüllung des lange gehegten Anspruchs von Team und Trainer, in die Top acht der Welt vorzustossen. Heute können sie dem Selbstbild gerecht werden, wenn sie liefern.

Man wünscht sich einen Yann Sommer weiter in Topform. Einen Manuel Akanji, der die Abwehr wie bisher an der WM so hervorragend führt, als machte er das schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Einen Ricardo Rodriguez, der wie immer die Ruhe selbst ist und auf der Seite mit Flügelläufen die Schweden bearbeitet. Einen Granit Xhaka als Taktgeber, wie nur er diesen spielerischen Leader im Schweizer Team sein kann. Einen Valon Behrami als Mentalitätsmonster. Einen prächtig aufgelegten Xherdan Shaqiri, der für die genialen Momente sorgt. Die Liste wäre weiter und bis zu den Stürmern zu führen, wo das Rätselraten vor der Begegnung gegen die Weltnummer 24 am grössten ist. Wer soll spielen und die Tore erzielen, oder zumindest den Gegner müde rennen?

Wie kann die Schweiz die defensiven Schweden schlagen?

Vieles deutet, trotz allem, auf Haris Seferovic hin. Er ist zwar im Formtief oder fast noch darunter, aber die Schweiz ist mit ihm eingespielt. Und er ist genau jener Stürmer, der den Körper mitbringt gegen die kräftige und gross gewachsene schwedische Hintermannschaft, an der sich in der Barrage schon die Italiener die Zähne ausgebissen haben. Mario Gavranovic erfüllte dies im dritten Gruppenspiel jedenfalls nicht. Und Josip Drmic bleibt der Joker, den die Schweizer vielleicht noch brauchen, wollen sie ein Penaltyschiessen verhindern. Jedenfalls ist bei der Mannschaft von Janne Andersson, der die Schweden seit dem EM-Vorrunden-Aus vor zwei Jahren trainiert, die Möglichkeit des «Shootouts» jetzt schon grosses Thema. Wenn das keine böse Vorahnung ist; man denke an Polen und die EM 2016, als Granit Xhaka über das Tor schoss und die Schweiz ausschied. Falls es wieder zur Entscheidung vom Elfmeterpunkt kommt, wird der Mittelfeldstratege antreten, wie er gestern an der Pressekonferenz neben Vladimir Petkovic sitzend sagte.

Xhaka erstmals den Medien präsentiert

In St. Petersburg, in dieser prachtvollen russischen Stadt, soll vor 67000 Zuschauern dieser Achtelfinal nun gelingen. Vor dieser Kulisse passt es da bestens, dass der Schweizer Verband erstmals Xhaka den Medien präsentiert. Seit der Vorbereitung wird er unter Verschluss gehalten, zuerst wegen seiner Verletzung, dann wegen der Doppel- adler-Debatte, die gestern noch oder wieder Thema war. Der Spieler lächelt ebendieses mit viel Coolness weg und sagt: «Ich verstehe die Frage nicht.»

Petkovic will gegen die Schweden gewinnen. Natürlich sagt der Nationaltrainer das, aber er sagt noch mehr: «Das soll nicht unser letztes Ziel sein.» Den Gegner will er keineswegs unterschätzen, dazu mahnt dessen Vorrunde mit dem Gewinn der Gruppe bei gleichzeitigem Scheitern der Deutschen. «Wir wollen dominieren und mit unserer Qualität das Heft in die Hand nehmen.» Petkovic sieht ein Geduldsspiel auf die Schweizer zukommen. Er kennt das von der WM-Qualifikation, in der die Schweiz neun Partien gewonnen hat und nur gegen Portugal nicht spielbestimmend war.

Schweizer und schwedische Fans singen sich warm

Vom schwedischen Spieler Mikael Lustig ist aus der Distanz zu hören, dass man sich auf Xhaka einschiessen werde. Ihn zu Verwarnungen provozieren wolle. Mit allen Mitteln. Petkovic findet das «lustig», den Humor hat er in der dritten Woche des Turniers nicht verloren. Und Xhaka sagt: «Solche Aussagen gehören zum Spiel. Ich selbst mache mir da keine Gedanken, ich bin das gewohnt. Aber ich habe schon vor, bis zum Schluss auf dem Platz zu stehen.» Xhaka streicht nochmals heraus, dass die Schweiz sich seit 2014 verbessert habe. Dass sie eine Einheit sei, mit der man viel erreichen könne. «Jetzt kommen zuerst die Schweden. Dann schauen wir weiter.»

«Wir haben keinen Achtelfinalfluch!»

Jetzt endlich ist er da, der Tag, an dem die Schweizer Geschichte schreiben können. Nach einer Nacht, in der sie vor Anspannung vermutlich kaum geschlafen haben, frühstücken sie heute in aller Ruhe, danach kümmern sich bis 10 Uhr die Physiotherapeuten um das Wohl der Spieler. Ab 10.30 Uhr gibt’s für alle einen kleinen Spaziergang der Newa entlang. Kurz nochmals den Kopf lüften, abschalten, durchatmen. Anschliessend ist Teamsitzung, Vladimir Petkovic gibt die letzten Anweisungen. Vier Stunden vor Spielbeginn, also um 12 Uhr, essen die Schweizer zu Mittag. Schliesslich bringt sie der Teambus um 14 Uhr in St. Petersburg ins Stadion – 120 Minuten später geht’s los. Weitere Aspekte, die wir vor dem WM-Achtelfinal beantworten:

Wie sehen eigentlich die Schweden die Partie gegen die Schweiz?
Trainer Janne Andersson: «Ich weiss nicht, ob uns andere Teams unterschätzen. Wir werden gegen die Schweiz jedenfalls gut aufgestellt sein und wissen, was wir tun müssen. Die Schweiz hat seit Sommer 2016 nur ein Spiel verloren. Ich weiss aber nicht, ob sie tatsächlich die Weltnummer sechs ist. Wenn wir die beste Leistung abrufen, können wir sie besiegen.» Und Captain Andreas Granqvist, der in jedem Moment Vater werden kann: «Wir haben mit Zlatan Ibrahimovic einen Topstar verloren. Aber wir haben uns emanzipiert, weiterentwickelt. Die Schweiz ist der Favorit, wir müssen alles abrufen.»

Wie verwundbar sind die Schweden?
Die Schweden sind eine klassische 4-4-2-Mannschaft. Sie sind gut organisiert, stehen kompakt und verteidigen solidarisch. Ihr Fokus gilt ganz klar der Defensive. Technisch sind sie den Schweizern wohl ebenbürtig. Innenverteidiger Victor Lindelöf (Manchester United) und Angreifer Emil Forsberg (Leipzig) sind mit je 25 Millionen Euro Marktwert die Stars. Das Spiel der Schweden hat aber einen Makel: Sie konzentrieren sich zu sehr auf das Zentrum, dort machen sie die Räume eng und stehen massiert. Und das ist genau die Chance der Schweizer, die über die Seiten kommen, mit Spielwitz das Geschehen auf die Flanken verlagern und dort die Schweden beschäftigen müssen. Ein Sonderauftrag für Xherdan Shaqiri also; weil Breel Embolo eher in die Mitte zieht, dürfte links Steven Zuber beginnen.

Warum sollte der Coup mit dem Viertelfinaleinzug gerade heute klappen?
Die Schweizer nehmen Spiel für Spiel. Zuerst Brasilien, dann Serbien, dann Costa Rica. Und nun sind die Schweden dran. «Was nachher kommt, interessiert mich nicht», sagt Yann Sommer. Die Turniererfahrung der Schweizer ist gross, allein Valon Behrami kommt heute zum zehnten Mal an einer WM zum Einsatz. Schon 2014 an der WM und 2016 an der EM spielte die Mehrheit des Teams zusammen – aber sie scheiterten eben auch zusammen in den Achtelfinals. Die Mannschaft eint die Enttäuschungen der vergangenen beiden Turniere. Vom 23-Mann-Kader, das in Brasilien an der WM teilnahm, sind heute noch 15 Spieler dabei. «Wenn nicht jetzt, wann dann?», fragt Blerim Dzemaili. «Wir sind nochmals reifer geworden», sagt Sommer, und noch wichtiger: «Wir haben keinen Achtelfinalfluch!»

Kann die Schweiz Stephan Lichtsteiner und Fabian Schär ersetzen?
Johan Djourou tut man manchmal Unrecht. Es wirkt zwar nicht immer elegant, was der Innenverteidiger anstellt. Doch so richtig schlecht hat er in wichtigen Partien selten gespielt. Für den 31-Jährigen spricht allein schon die Erfahrung, dass er Fabian Schär ersetzen kann, auch wenn ihm dessen Angriffsauslösung fehlt. Michael Lang ist natürlich nicht die Leaderfigur wie Lichtsteiner. Hinter dem Captain hat er lange auf seine Chance warten müssen. Nun ist sie da. Mit zwei Teileinsätzen ist Lang schon im WM-Turnier, er ist beflügelt von seinem Wechsel zu Gladbach, und er ist gut für Tore. Für beide, Djourou und Lang, gilt: Petkovic vertraut ihnen blind.

Welchem Schweizer kommt die wichtigste Rolle zu in diesem Spiel?
Jeder ist wichtig, inklusive Ersatzspieler. Und dennoch übernimmt Behrami den wichtigsten Part. Neben jener des Vorkämpfers ist es in jedem Spiel seine Bestimmung, bei Schweizer Ballbesitz zu antizipieren und erahnen, wo die Kugel verloren gehen könnte. Deshalb schaltet sich der Mittelfeldspieler im Prinzip nie in den Angriff ein. Heute ist das alles noch wichtiger – weil die Schweden eine schnelle Kontermannschaft sind. (cbr)

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