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Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit

Morgen Donnerstag geht’s los: Russland – Saudi-Arabien ist zum Auftakt nicht gerade ein Knüller. Das Aufregende ist: Der Videobeweis wird zum allerersten Mal an einer WM angewendet.
Turi Bucher
Schiedsrichter Deniz Aytekin nutzt im Freundschaftsspiel England – Italien den Videobeweis. (Bild: Ian Kington/Getty (London, 27. März 2018))

Schiedsrichter Deniz Aytekin nutzt im Freundschaftsspiel England – Italien den Videobeweis. (Bild: Ian Kington/Getty (London, 27. März 2018))

Über sein Handstor («Die Hand Gottes») an der WM 1986 gegen England sagte Diego Armando Maradona kürzlich: «Zum Glück gab es damals den Videobeweis nicht. Ich wäre verhaftet worden. Weil man vor den Augen von so vielen Menschen nicht stehlen darf.» 32 Jahre nach dem legendären «Diebstahl» ist es so weit: Der Videobeweis tritt an der WM in Russland in Kraft. Fifa-Präsident Gianni Infantino sagt: «Die Chance, eine richtige Entscheidung ohne Videoassistent zu treffen, liegt bei 93 Prozent. Mit dem Videoassistenten liegt sie bei 99 Prozent.»

Während von den Videobeweis-Gegnern das Chaos an der WM praktisch her­aufbeschworen und herbeigesehnt wird, schaltet die Fifa auf ihrer Homepage täglich Zitate von fussballprominenten Befürwortern auf. Karl-Heinz Rummenigge, der ehemalige Topstürmer und heutige Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München, sagt zum Beispiel: «Ich bin überzeugt davon, dass sich der Videobeweis in allen wichtigen Fussballwettbewerben durchsetzen und etab­lieren wird, schnell, hoffe ich.»

Soll es die Gerechtigkeit geben oder nicht?

Man kann es so zu sehen versuchen: Wenn bei 7 von 10 umstrittenen, match­entscheidenden Szenen die Videokonsultation klaren Aufschluss bringt, dann legitimiert sich die technische Hilfe automatisch. Dann darf man auch jenen Teil der Fans, der sagt, im Fussball gebe es sowieso keine Gerechtigkeit, die Fehlentscheidungen würden doch mit zum Fussball gehören, mit dem Videobeweis spiele man mit den Emotionen der Zuschauer und Spieler, der Stürmer mache schliesslich auch Fehler und so weiter ..., dann also darf man jene Zuschauergruppe ruhig weiter schwadronieren lassen beziehungsweise vernachlässigen. Pierluigi Collina, der Chef der Fifa-Schiedsrichter, sagt selber auch: «Es wird weiterhin Vorfälle geben, bei denen es keine finale Antwort gibt.»

Mit Blick auf die zehn vorhin erwähnten Szenen kann das bedeuten: Zwei Szenen können auch mit jedem möglichen Kamerawinkel nicht definitiv aufgeschlüsselt werden, wobei es hier beim ursprünglichen Entscheid bleibt. Dazu kommt noch eine Spielsituation, die von den Videoschiedsrichtern selbst falsch interpretiert wird. Bleiben also immer noch die 7 Fälle, bei denen der Videobeweis korrekt eingesetzt werden konnte.

Dass mit der Möglichkeit der Überprüfung und Aufschlüsselung einer entscheidenden Spielszene mehr Gerechtigkeit in die beliebteste Sportart der Welt Einzug hält, ist auch von den schärfsten Kritikern nicht von der Hand zu weisen. Im Eishockey, Tennis oder American Football ist die Videokonsultation längst etabliert.

Die Uefa sträubt sich weiter gegen den Videobeweis

Im Fussball sträubt sich die Uefa, den Videobeweis in der Champions League zu verwenden, während die Fifa den Videobeweis kürzlich offiziell ins sogenannte internationale Regel-Board aufnahm. Der Videobeweis wird schon in Deutschland, Italien oder Holland angewendet und ist in den europäischen Ligen weiter auf dem Vormarsch, er sorgte letzte Saison aber insbesondere in Deutschland für grosse Diskussionen. Doch insgesamt hat sich der Videobeweis wohl zu Recht für die WM qualifiziert. Letztlich geht es ja nicht nur um die Gerechtigkeit, sondern darum, ob der Fussballliebhaber, der Fan und der Fussballer selber daran interessiert ist, dass die entscheidende Szene so bewertet wird, wie sie in Wirklichkeit und Wahrheit passiert ist.

Und so wird ab morgen der ­Videobeweis an der WM eingesetzt: Das Team um den sogenannten VAR (Video Assistant Referee) ist in Moskau stationiert und hat Zugriff auf alle relevanten Fernsehkameras sowie zwei zusätzliche Abseitskameras. Insgesamt sind es 33 Übertragungskameras, 8 davon sind Superzeitlupen- und 4 Ultrazeitlupen­kameras. Dem VAR stehen zudem die derzeit technologisch besten virtuellen Abseitslinien zur Verfügung. Für die Torlinientechnik wird das Hawk-Eye-System angewendet.

Die definitive Entscheidung liegt allein beim Schiedsrichter auf dem Platz, der VAR steht in Funkkontakt mit dem Ref und unterstützt den Schiedsrichter bei der Entscheidungsfindung.

Wichtig: Das VAR-Team unterstützt den Spielleiter in vier Situationskriterien:

  • Tore und Vergehen, die einem Tor vor­ausgegangen sind.
  • Penaltys und Vergehen, die einem ­Penalty vorausgegangen sind.
  • Vorfälle im Zusammenhang mit ­direkten Platzverweisen.
  • Spielerverwechslungen.

Der VAR kommuniziert nur bei klaren und offensichtlichen Fehlentscheidungen oder schwerwiegenden, nicht geahndeten Vorfällen mit dem Schiedsrichter.

Die Fans im Stadion und daheim vor den Bildschirmen werden umfassend über die Videobeweis-Entscheidungen bei einer überprüften Szene aufgeklärt. «Wir werden Grafiken und Wiederholungen auf den Stadionbildschirmen sowie im TV haben, und wir werden die Fans über den Ausgang einer Überprüfung informieren», sagt Sebastian Runge, zuständig bei der Fifa für Innovationen. Das VAR-Informationssystem sieht demnach vor, die einzelnen Schritte sowie die Gründe der Überprüfung und das Ergebnis für den definitiven Entscheid transparent zu machen. Die TV-Zuschauer und die Stadionbesucher (per Video-Anzeigetafeln) sollen in jeder WM-Partie via erklärende Grafiken und Zeitlupen-Wiederholungen informiert werden.

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