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Interview

Halbzeitbilanz bei der Fussball-WM: Comisetti und Huggel sagen, was es für einen Sieg gegen Schweden braucht

Alexandre Comisetti und Benjamin Huggel ziehen eine erste WM-Bilanz. Die beiden TV-Experten sagen, was die Schweiz gegen Schweden nicht tun darf und wie unterschiedlich die Sprachregionen auf das Nationalteam reagieren.
Christian Brägger / Etienne Wuillemin, Toljatti
Alexandre Comisetti (links) und Benjamin Huggel trauen dem Nationalteam vieles zu: «Im Fussball ist fast nichts Zufall.» (Bild: Laurent Gilliéron/Keystone (Togliatti, 29. Juni 2018))

Alexandre Comisetti (links) und Benjamin Huggel trauen dem Nationalteam vieles zu: «Im Fussball ist fast nichts Zufall.» (Bild: Laurent Gilliéron/Keystone (Togliatti, 29. Juni 2018))

Benjamin Huggel, Alexandre Comisetti: Kein afrikanisches Team ist im WM-Achtelfinal. Hat der Kontinent im Fussball den Anschluss an die Spitze definitiv verpasst?

Huggel: Das ist schwierig zu beurteilen. Die Nordafrikaner kenne ich nicht so gut. Mit Fussballern aus anderen Regionen Afrikas habe ich früher gespielt. Sie haben mir viele Geschichten erzählt. Sie bereiten sich jeweils in der Heimat vor, wo sie abgelenkt sind. Das Fussballerische ist nicht das Problem. Vielmehr ist es das Drumherum, die Infrastruktur, die Verbände, vielleicht auch Prämienstreitigkeiten. Comisetti: Wir müssen das anders ­anschauen. Marokko hatte kein Glück, Nigeria ebenfalls nicht. Senegal hatte Pech mit dem Fairplay. Und Ägypten hat alles falsch gemacht. Die Mannschaft war wegen Mohamed Salah gehemmt. Es fehlt den Afrikanern halt auch die Erfahrung. Sie haben schon gute Spieler, aber sie sind nicht reif für ein Turnier.

Welche Mannschaft hat Sie an der WM am meisten überrascht?

Comisetti: Belgien hat bestätigt, was wir von dieser Generation erwarten können. Huggel: Die negative Überraschung war Deutschland, klar. Dafür haben mich die Kroaten sehr überzeugt. Die Schweiz könnte auch eine Überraschung werden.

Oder Schweden?

Huggel: Ja, die Schweden könnten das auch sein. Sie mussten sich nach dem Abgang von Zlatan Ibrahimovic neu finden, spielen sehr defensiv, wie die Isländer fast. Und sie haben keine Probleme damit, wenn der Gegner mehrheitlich den Ball hat.

«Vladimir Petkovic macht sehr vieles richtig.»

Ist die Schweiz reif für den Viertel­final?

Comisetti: Die Schweiz hat zuletzt in zwei Jahren in 25 Spielen einmal verloren. Sie ist für alle ein schwieriger Gegner. Huggel: Die Achtelfinalqualifikation ohne Niederlage, das Unentschieden gegen Brasilien spricht für sie. Dazu kommt die grosse Turniererfahrung. Und mit Vladimir Petkovic hat sie einen Trainer, der konsequent seinen Weg geht. Comisetti: Die Leader im Team sind sehr präsent. Lichtsteiner, Behrami, Xhaka, Shaqiri, Sommer und Rodriguez reissen die anderen mit. Huggel: Und ich sehe niemanden, der die Gruppe stört. Die Leader sorgen dafür, dass niemand ausschert.

Darf man Vladimir Petkovic als Glücksfall bezeichnen?

Comisetti: Ich glaube, Petkovic will sich nicht so sehen. Er macht seinen Job aber sehr gut, hat eine tolle Persönlichkeit. Er geht einen gesunden Weg und sucht das Gespräch, ist immer positiv. Das gibt eine gute Dynamik zwischen den Spielern und dem Trainer. Dieser Weg dauert aber schon lange, seit Hitzfeld. Petkovic führt und entwickelt ihn weiter. Er macht sehr vieles richtig.

Einst Profis – jetzt Experten

Alexandre Comisetti (44) spielte als Aktiver für die Grasshoppers oder Auxerre und kam zu 30 Einsätzen mit der Schweiz. Heute arbeitet der Romand als Marketingfachmann, nebenbei trainiert er die 1.-Liga-Mannschaft von Echallens. Seit elf Jahren ist der zweifache Familienvater Experte beim Westschweizer Fernsehen. Benjamin Huggel (40) kennen viele noch aus seiner Basler Zeit, für das Nationalteam bestritt er 41 Länderspiele. Der gelernte Landschaftsgärtner hat ebenfalls zwei Kinder und führt eine eigene Beratungsfirma. Zudem wirkt er als Experte beim Deutschschweizer Fernsehen. (cbr)

Was darf die Schweiz gegen Schweden nicht machen?

Comisetti: Die Stärke der Schweiz ist es, sich auch im Vorwärtsspiel zu organisieren. Gegen Brasilien und Serbien klappte das gut, bei eigenen Ballverlusten war sie sofort da. Gegen Costa Rica klappte das nicht so gut, die Sicherheit war nicht gegeben. Hier muss die Schweiz aufpassen gegen Schweden. Das Spiel der Schweiz ist sehr komplex. Behrami hat dabei eine so wichtige Rolle. Huggel: Behrami muss beim eigenen Ballbesitz schon antizipieren, wo der Ballverlust passieren könnte. Damit er sofort eingreifen kann. Comisetti: Dafür braucht es viel Spielintelligenz. Wenn du weniger konzentriert bist und die anderen das Umschalten nicht so machen, wie du es willst, dann fällt alles zusammen wie ein Kartenhaus. Huggel: Und es braucht einmal einen ­guten Start. Gegen Polen an der EM war dieser nicht gut, jetzt wieder zweimal nicht. Woran das liegt, weiss ich nicht. Als Spieler habe ich das oft erlebt: Du nimmst dir so viel vor, und dann klappt es nicht. Und: Die Schweiz sollte nicht das Gefühl haben, gegen Schweden ­Favorit zu sein. Es braucht viel Handwerk, grosse Konzentration, auch Standards könnten entscheiden.

Nach dem Spiel gegen Serbien dominierte die Diskussion über den Jubel mit dem Doppeladler. Michael Lang sagte, im Team dominiere das Gefühl «wir gegen die Welt». Wie viel Energie schöpft die Mannschaft daraus?

Comisetti: Weniger, als die Journalisten denken. 80 Prozent der Zeit haben die Schweizer an Fussball gedacht. 20 Prozent an die Geschichte. Aber daraus werden sie nicht so viel ziehen. Huggel: Für die Spieler war der Adlergruss kurz nach dem Spiel ein Thema. Aber danach war es schnell vorbei.

War die Diskussion um die Jubel­gesten übertrieben?

Huggel: Man hätte im Vorfeld die möglichen Emotionen mehr thematisieren können. Dass die Öffentlichkeit gewusst hätte: Doch, das ist ein schwieriges Spiel für die albanisch stämmigen Spieler. Das wurde nicht gemacht. Nachher war der Bumerang etwas stark. Aber viele Spieler hatten gar nichts damit zu tun. Die denken, ja, das geht wieder vorbei, das hat ja nichts mit Fussball zu tun.

Beurteilen die Welschen solche Dinge anders in der Nationalmannschaft als die Deutschschweizer?

Comisetti: Die Romands haben momentan eine riesige Euphorie für das Nationalteam. Vor ein paar Jahren gab es vielleicht Missverständnisse. Aber mit der Zeit lernten die Leute, sich zu verstehen. Für uns im Welschland war der Jubel mehr ein Fakt als eine grosse Diskussion. Aber die Euphorie hat es nie weggenommen. Ich glaube, die Leute sind sich bewusst, dass wir ein grosses Glück haben, zusammenzuleben. Das ist auch die Rolle der Schweiz. Wir leben zusammen!

«Für mich war das nie Druck. Je mehr Zuschauer, desto besser.»

Sind wir Deutschschweizer verkrampft?

Huggel: Das kann ich nicht abschliessend beurteilen. Aber für uns Fussballer ist das viel weniger ein Thema. Wenn vom Verband offensiver kommuniziert worden wäre, hätte diese Diskussion nicht so lange stattgefunden. Comisetti: Wenn du ein wichtiges Tor geschossen hast, dann folgen sehr spezielle Sekunden. Du kriegst eine Adrenalinspritze, die schönen Gefühle rauschen aus dir raus. Du weisst manchmal nicht genau, was mit dir passiert. Huggel: Das Gefühl, ein wichtiges Tor zu schiessen, das kann nicht ersetzt werden. Und das werden wir Ex-Fussballer auch das ganze Leben vermissen. Weil du genau für diese Momente als kleiner Junge mit Fussballspielen beginnst. Comisetti: Ich sehe nichts Böses in so einem Jubel. Mich persönlich hat mehr berührt, wie Shaqiri und Xhaka nach dem Spiel vor den Zuschauern ihre Hand auf das Schweizer Kreuz gelegt haben. Sie haben für mich ziemlich stark gezeigt, wie stolz sie auf die Schweiz sind. Es sollte die Kulturen zusammenschweissen, nicht auseinanderreissen!

Das Quiz zur Halbzeit bei der Fussball-WM

Frage 1 / 20

Das Quiz beginnt einfach. Wie heisst dieser Spieler, der in der Vorrunde am meisten Tore schoss?

Romelu Lukaku
Diego Costa
Harry Kane
Cristiano Ronaldo

Was passiert mit einem Spieler in den letzten Stunden vor einem Spiel wie gegen Schweden?

Comisetti: Hauptsache, du verlierst so wenig Energie wie möglich. Es ist nicht immer einfach, das Handy auf die Seite zu legen. Ich habe das zu meinen Zeiten noch nicht so extrem erlebt. Aber ich kann mir gut vorstellen, was jetzt los ist. Jeder will wissen, wie es geht. Das Wichtigste aber ist, dass du das Spiel im Kopf nicht schon vorher spielst. Huggel: Ich habe mir immer Szenen visualisiert. Vor jedem wichtigen Spiel habe ich mir vorgestellt, so ein Tor zu schiessen wie Xhaka gegen Serbien. Dass der Ball schön auf den rechten Fuss kommt. Oft auch am Nachmittag vor dem Spiel. Comisetti: Wenn du dich zu stark freust, gibt es das Risiko, dass du das Spiel vor dem Spiel spielst – und viel Energie verlierst. Wenn du aber eine gewisse Angst hast, mit einem komischen Gefühl im Bauch auf den Platz gehst, kann das wiederum hemmen.

Wie meinen Sie das?

Comisetti: Wenn du gegen Brasilien spielst, hast du eine Nebenrolle. Du bist klarer Aussenseiter, das ist einfach zu spielen. Gegen Serbien ist es 50 zu 50, du darfst nicht verlieren. Das ist mental sehr schwierig. Gegen Costa Rica ist es nochmals anders, da kommen Fragen ins Spiel wie: Bist du qualifiziert oder nicht? Musst du alles geben oder nicht? Hast du eine gelbe Karte oder nicht? Huggel: Ich fand Serbien aus mentaler Sicht nicht so schwierig. Du weisst: Es ist ein Final, es gibt nur eines: Du musst gewinnen. Costa Rica war für mich die heikelste Partie. Man ist fast qualifiziert – aber noch nicht ganz. Und man weiss, der Gegner ist schon draussen, du musst aber trotzdem mindestens einen Punkt holen. Gegen Schweden ist es wieder einfacher: Ein Final, 50 zu 50, Vollgas, hopp! Comisetti: Was ich beeindruckend fand: Die Schweiz hätte gegen Serbien auch unentschieden spielen dürfen. Das wäre für sie das bessere Resultat gewesen als für Serbien. Und trotzdem hat die Schweiz in den letzten 30 Minuten immer Druck gemacht, ist aufgerückt, ohne jede Angst vor der Niederlage. Als der Ball einmal ins Aus ging, holte ihn Schär sofort und warf ihn Lichtsteiner zu. Solche Dinge sind ein grosses Zeichen für die Mitspieler, den Gegner, den Schiedsrichter, das Publikum. Das beeinflusst alle. Und am Ende ist im Fussball eben fast nie etwas Zufall.

Bedeutet das: Mit dem Willen kann man fast alles erreichen.

Huggel: Ja, vor allem an einer WM. Für Clubtrainer ist es einfacher, Mannschaften einzustellen, ihnen einen Spielstil zu geben, als für Nationaltrainer, weil sie mehr Zeit haben. Das heisst: Die mentale Bereitschaft, der Wille, die gute Gruppe ist bei Länderturnieren sehr wichtig. Fast wichtiger als in einer Liga, wo die Spieler immer zusammen sind.

Wie schaffen es die Spieler, dass der grosse Druck nicht lähmt?

Huggel: Für mich war das nie Druck. Je mehr Zuschauer, desto besser. Natürlich dachte ich: Hoffentlich passiert mir kein schlimmer Fehler. Eines meiner ersten Länderspiele war das entscheidende Qualifikationsspiel für die EM 2004 gegen Irland (2:0-Sieg, Red.). Ich war ziemlich nervös. Dann kam Murat Yakin und sagte mir: «Hey, es ist Fussball, du kannst das!» Genau so ist es auch in diesem Achtelfinal. Wer gut vorbereitet an eine Prüfung geht, ist auch nicht nervös.

Sind Sie, wenn Sie vor der Kamera stehen, immer noch nervös?

Comisetti: Es ist nicht zu vergleichen. Mit der Nationalmannschaft musst du aber aufpassen, was du sagst. Man darf nicht zu emotional sein, weil: Die Leute mögen diese Mannschaft! Wenn ich etwas Negatives sage, erhalte ich Hunderte Mails. Huggel: Ich wäge auch genau ab, was ich sage. Ich denke, die Leute in der Deutschschweiz mögen das Team zwar, aber ich habe auch Kommentare erhalten, dass ich zu wenig bissig sei. Am Ende zählt immer das Resultat. Deshalb hüte ich mich, das Team vorschnell zu kritisieren. Das hat mich schon als Spieler genervt. Wenn es 0:0 oder 0:1 steht zur Pause und alle gepfiffen haben, dachte ich jeweils: Was soll das? Ihr könnt pfeifen, wenn es am Schluss 0:3 steht! Aber seit ich die Schweiz begleite, seit dem Testspiel gegen Griechenland, hat diese Mannschaft noch nie verloren.

Also sind Sie ein Glücksbringer?

Huggel: Das müssen Sie schreiben! (lacht) Insgesamt bringt die Mannschaft ihre Leistung. Wenn sie liefern muss, liefert sie.

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