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Kolumne

Ach, die netten Russen

WM-Kolumne
Raphael Gutzwiller, Moskau

Wie habe ich geflucht! Als im Dezember 2010 die WM an Russland vergeben wurde, war ich gar nicht zufrieden. Der Gegenkandidat wäre England gewesen, eines meiner absoluten Lieblingsländer. Eine WM in England? Wie geil! Aber eine WM in Russland? Naja.

Nun bin ich acht Jahre später für die Zeitung in Russland. Etwas, was ich damals noch nicht ahnen konnte. Und nach bald drei Wochen auf russischem Boden muss ich sagen: Ich mag den Russen den Grossanlass von Herzen gönnen.

Wäre die WM in England besser? Wohl kaum. Russland hat sich mächtig ins Zeug gelegt, eine unvergessliche Weltmeisterschaft zu veranstalten. Die Stadien sind wunderschön, die Organisation top, die Sicherheit gut (auch wenn ich mich an die übermässigen Kontrollen noch immer nicht gewöhnt habe). Das Wichtigste aber: Die Menschen freuen sich richtig, Gastgeber zu sein.

Die Russen sind froh, ihr durch die Politik verursachtes schlechtes Image verbessern zu können. Und mit kleinen Dingen haben sie es bei mir geschafft. Etwa dann, als ich an der Kasse einmal einen Rubel (umgerechnet etwa zwei Rappen) liegen liess und mir eine ältere Kundin hinterherrannte, um das Geld zu bringen. Oder als ich am falschen Bahnhof stand, weil eine Metrostation und ein Bahnhof den gleichen Namen tragen, und mir junge Erwachsene halfen, den richtigen Bahnhof zu finden. Sie erkundigten sich gar einen Tag später, ob ich gut in St. Petersburg angekommen sei. Oder dann, als meine russische SIM-Karte kein Geld mehr hatte und meine schriftlichen Russischkenntnisse zum Aufladen zu klein waren und sich Wildfremde der Aufgabe annahmen.

Trotzdem: In Russland ist nicht alles super. Das merkt man spätestens dann, wenn man mit jungen Russen über Politik spricht. Sie antworten ausweichend, so als ob sie nie gelernt hätten, ihre eigene Meinung zu äussern. Da freue ich mich schon, hier schreiben zu können, was ich denke.

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