FUSSBALL: "Wir brauchen mehr Leute wie Dölf Früh"

Heute beginnt in der Super League die Rückrunde. Rolf Fringer, ehemaliger Nati- sowie FCSG-Trainer und zuletzt Sportchef beim FC Luzern, über Monotonie, Luftschlösser und das Niveau der Liga.

Patricia Loher
Drucken
Teilen
Rolf Fringer war bis vor rund einem Jahr Sportchef des FC Luzern. (Bild: Urs Flüeler/KEY (Luzern, 25. Mai 2015))

Rolf Fringer war bis vor rund einem Jahr Sportchef des FC Luzern. (Bild: Urs Flüeler/KEY (Luzern, 25. Mai 2015))

Patricia Loher

Rolf Fringer, werden wir Sie am Wochenende in einem Stadion treffen?

Nein, ich schaue mir die Spiele am TV an.

Die Zuschauerzahlen in den Stadien gingen zuletzt zurück. Wird der Fussball zur Fernsehsportart?

Die TV-Berichterstattungen sind professioneller als in früheren Jahren. Und natürlich macht es grossen Spass, sich am Fernsehen ein Spiel aus England oder Spanien anzusehen, wo die Ränge bis auf den letzten Platz besetzt sind. Bekommt man Bilder aus dem halbleeren Letzigrund zu sehen, ist das wenig Anreiz, selber ins Stadion zu gehen. Aber wir müssen uns damit abfinden, dass wir in der Schweiz ein VW Käfer und andere Ligen Mercedes und Ferrari sind. Das Land ist kleiner, wir haben weniger Möglichkeiten. Aber bezüglich der Zuschauerzahlen steht unsere Liga nicht schlecht da.

 

Die Teams treffen in einer Saison viermal aufeinander. Das ist langweilig.

Nach 14 Jahren Super League ist es an der Zeit, den Modus zu hinterfragen. Man spielt viermal gegen den gleichen Gegner. Es ist nicht nur für die Zuschauer immer dasselbe, sondern auch für die Spieler – vor allem im Vergleich mit anderen Ligen, die aus 18 oder 20 Teams bestehen. Aber es gab ja Gründe, weshalb der Modus in der Schweiz geändert wurde. Man hatte das Gefühl, die höchste Liga sei verwässert, man habe nicht genügend Teams, die kompetitiv seien. Also entschied man sich, die Liga auf zehn Teams zu reduzieren.

 

Was ist Ihr Wunsch-Modus?

Ideal sind sicher Meisterschaften mit 18, 20 Teams, auch wenn das Gefälle gross ist. Aber das sind schon seit Jahren die spannendsten Meisterschaften. In der Schweiz müssten sich die Verantwortlichen eine Rückkehr zum Modus mit zwölf Teams, einer Finalrunde und einer Auf-/Abstiegsrunde überlegen. Also zurück zu jenem Modus vor der Zehnerliga. Würden bei den Finalrundenteilnehmern die Punkte halbiert, wäre die Spannung zurück. Es ginge während der ganzen Saison um viel. Im Herbst wäre es spannend zu sehen, wer den Sprung in die Finalrunde schafft und welche vier Teams in der Abstiegsrunde auf die Mannschaften aus der Challenge League treffen.

Jener Modus stand aber vor allem wegen der Punktehalbierung der Finalrundenteams in der Kritik.

Schauen wir uns das Eishockey an. Weshalb kehrt in diesem Sport erst im Frühling Spannung ein? Weil das achtklassierte Team, das knapp das Playoff erreichte, noch Meister werden kann. Es ist eigentlich auch nicht fair, wenn ein Team nach der Qualifikation 25 Punkte weniger auf dem Konto hat als der Leader, danach aber Meister wird. Da könnte man auch jammern.

 

Auch mit einem neuen Modus gerät die Vormachtstellung des FC Basel kaum in Gefahr. In Bern sind die Brüder Rihs auf dem finanziellen Rückzug.

Die starken Teams sind in jedem Modus stark. Trotzdem glaube ich, dass Basel in absehbarer Zeit wieder gefordert sein wird. Es ist denkbar, dass der Club einmal stagniert und ein anderes Team über sich hinauswächst. Im Moment sind die Kräfteverhältnisse aber eindeutig.

Ist es noch möglich, dass wieder einmal einem Aussenseiter der Coup gelingt? Sie wurden in der Saison 1993 überraschend Meister mit Aarau.

In der Zwischenzeit hat sich die Schere weiter geöffnet. Für Aussenseiter ist es schwieriger aufzutrumpfen. Nur wenn Basel einmal stagniert, ist eine solche Geschichte heute noch denkbar. Allerdings ist das Geheimnis des FC Basel eine starke, fachkompetente Führung.

 

Und der Club begeht auf dem Transfermarkt am wenigsten Fehler.

Genau. Weil der FC Basel an den entscheidenden Positionen auf Fachleute vertraut und sich nicht beeinflussen lässt durch irgendwelche Investoren. Basel arbeitet sehr professionell. Das ist einer der Gründe, weshalb diese Dominanz noch länger andauern dürfte. Der Club ist sportlich und wirtschaftlich von Jahr zu Jahr gewachsen.

 

Im Fussballgeschäft ist rascher Erfolg Pflicht.

Natürlich, wenn jemand viel Geld investiert, hat er auch Erwartungen. Ich wünsche mir einfach, dass es in der Schweiz mehr Clubs gäbe wie den FC Basel, wo in entscheidenden Positionen professionelle Leute arbeiten. Die Vereine müssen versuchen, mit dem zu leben, was eine Region hergibt. Ohne dass man aus Tschetschenien oder der Türkei Investoren holt, die dann wieder davonlaufen.

Zu viele Clubs bauen Luftschlösser?

Richtig. Dabei gab es in den vergangenen Jahren viele Beispiele dafür, wo das hinführen kann. Nehmen wir den FC Wil und die türkischen Investoren. Diese Entwicklung ist ungesund. Irgendwann verliert der Zuschauer die Lust, weil das Produkt Fussball durch solche Geschichten schlecht gemacht wird. Am Ende geht es immer um die Führung. Um Leute, die sich für den Fussball engagieren, oder um Personen, die den Fussball für ihre eigenen Zwecke missbrauchen. Wir benötigen mehr Leute mit Persönlichkeit – Leute wie beispielsweise St.Gallens Präsident Dölf Früh, der seinen Angestellten auch in schwierigen Zeiten vertraut und sie schützt.

Alle Schweizer Clubs sind im Herbst europäisch gescheitert. Der Super League fehlt es an Niveau.

Der FC Basel hat erstmals seit 2009 nicht europäisch überwintert. In Österreich oder Dänemark wären sie froh um einen Club mit einer solchen Bilanz. Unser Land ist klein. Wir dürfen uns über die europäischen Auftritte nicht beklagen – und über die Nationalmannschaft schon gar nicht. Der Schweizer Fussball hat sich in den vergangenen 15 bis 20 Jahren sehr gut entwickelt und ist besser, als er oft dargestellt wird. Wenn man dann noch die Löhne im Ausland mit jenen in der Schweiz vergleicht, behaupte ich gar, dass wir überdurchschnittliche Resultate erreichen.