FUSSBALL: Weltstar gegen Schattenmann

Im Champions-League-Final zwischen Real Madrid und Juventus Turin morgen Samstag ab 20.45 Uhr treffen in Cardiff die beiden besten Mannschaften Europas aufeinander. Es ist die Begegnung zweier aussergewöhnlicher Trainer. Zinédine Zidane war einer der Grössten, welche dieses Spiel je gespielt haben. Massimilano Allegri, den sie in Turin einst eher zurückhaltend begrüsst hatten, führte Juventus in Italien zuletzt dreimal in Folge zum Double.

Carsten Meyer
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Carsten Meyer

Zinédine Zidane

Fünf lange Jahre haben sie also warten müssen, die Anhänger von Real Madrid. Viermal haben sie sich ansehen müssen, wie die nicht gerade beliebte Konkurrenz vom FC Barcelona und von Atlético Madrid die Meisterschaft gewann. Fünf Jahre Warten auf einen Meistertitel klingt für Luzern- oder St. Gallen-Anhänger vielleicht nicht nach richtig viel. Aber für die Fans von Real Madrid ist das eine Ewigkeit. Denn für sie ist es quasi ein Naturgesetz, dass eine ganze Saison lang Fussball gespielt wird, ihre Mannschaft alle Gegner dominiert – und am Ende jede Trophäe gewinnt, die es in diesem Sport so zu gewinnen gibt. So gesehen könnten die Dinge aktuell endlich wieder einmal einen geregelten Gang nehmen. Die Meisterschaft ist unter Dach und Fach, morgen Samstag kann sich Real Madrid zum besten Team Europas krönen.

Zu verdanken ist das auch einem Mann, den sie in Madrid sowieso schon verehren wie einen Stadtheiligen: Trainer Zinédine Zidane. Präsident Florentino Pérez sagt: «Er ist einer von denen, welche die Legende von Real genährt haben.» Eine Aussage, die keine Protestgruppen auf den Plan ruft. Im Gegenteil. Zu diesem Thema gibt es bei Real keine zwei Meinungen – auf dem restlichen Planeten wahrscheinlich auch nicht. Der Franzose war einer der Grössten, die dieses Spiel je gespielt haben. Wenn er loslegte, wollte man am liebsten Ball sein. Und es gibt keinen wichtigen Titel, der nicht mit Freude bei Zidane einen Stopp eingelegt hätte. Er kennt alle Höhen, aber auch einige Tiefen. Seine Karriere endete im Sommer 2006 mit einer roten Karte nach einem Kopfstoss und einem verlorenen WM-Final gegen Italien.

Zidanes Aura hat die Aktivkarriere überdauert

Wenn er heute seinen Spielern also etwas erzählt, wissen sie, dass er all diese Dinge nicht gelesen, sondern selbst erlebt hat. Und im Gegensatz zu vielen anderen ehemaligen Weltstars hat Zidanes Aura seine Karriere überdauert. Das ist das Pfund mit dem er wuchern kann. Er ist kein Taktik-Guru wie Pep Guardiola. Kein Rhetoriker wie José Mourinho. Er ist Zidane. Und vor allem deshalb folgen ihm die Spieler.

Als Kronzeuge dafür taugt niemand besser als Cristiano Ronaldo. Nicht vielen Trainern ist es gut bekommen, den 32-Jährigen hin und wieder einmal vom Platz zu nehmen. Fast jede Auswechslung des Portugiesen war unter Zidanes Vorgängern ein Politikum, über das tagelang debattiert wurde. Zidane lächelt sanft und sagt: «Manchmal muss ich auch ihn rausnehmen.» Ach so, na dann. Thema erledigt. Selbst Ronaldo wagt es nicht, sich öffentlich dagegen aufzulehnen. «Ich habe Zinédine Zidane schon als Spieler bewundert», sagt er, «und jetzt bewundere ich ihn noch mehr.»

Zidanes Sympathien für Juventus Turin

Zusammen können die beiden morgen Historisches erreichen. Noch nie ist es einem Club gelungen, den Titel in der Champions League zu verteidigen. Aber das ist nur eine der Geschichten, um die es im Vorfeld geht. Da ist noch Reals Gareth Bale, der im Finalort Cardiff geboren wurde. Oder Juventus Turins Gianluigi Buffon, der wahrscheinlich nur deshalb noch mit 39 Jahren im Tor steht, weil er endlich einmal die Königsklasse gewinnen will. Und natürlich ist es auch ein besonderes Spiel für Zidane, der in beiden Vereinen gleichermassen verehrt wird. Von 1996 bis 2001 zauberte er für Juventus Turin, er hat grosse Sympathien für den Club. Nur nicht morgen Abend in Cardiff. Zidane sagt: «Egal, was in der Zukunft passiert: Ich werde immer Real-Fan sein, das ist der Club meines Lebens.»

Massimiliano Allegri

Der Trainerberuf ist auch nicht mehr das, was er einmal war. Früher waren Coaches meist autoritäre Zeitgenossen, über die man gar nicht so viel wusste. Heutzutage werden die bekanntesten Vertreter der Zunft gefeiert wie Popstars. Guardiola ist das Taktikgenie. Mourinho der Feldherr, der die eigenen Truppen vereint. Carlos Ancelotti ein Gentleman. Jürgen Klopp der Motivator.

Und dann gibt es da noch Massimiliano Allegri. Er ist einer der Erfolgreichsten überhaupt – und trotzdem bewegt er sich im Schatten seiner Kollegen. Dabei kann er auf eine Vita verweisen, die viele andere Trainer vor Neid erblassen lassen müsste. 2011 wurde er mit Milan Meister, zuletzt gewann er mit Juventus historische drei Mal das Double, morgen Abend steht er mit den Turinern wie schon 2015 – damals unterlagen die Italiener gegen den FC Barcelona 1:3 – im Final der Champions League. Ein bisschen viel Erfolg, um diesen nur dem Zufall zuzuschreiben. Das sehen mittlerweile selbst die Juventus-Anhänger so.

Sie begrüssten Allegri 2014 ja eher zurückhaltend. Also gut: Sie liefen Sturm gegen die Entscheidung der Verantwortlichen, ausgerechnet Allegri zum Nachfolger des beliebten und erfolgreichen Antonio Conte zu bestimmen. Die Zeitung «Tuttosport» startete gleich eine Umfrage dazu: Ist Allegri der Richtige? 91,5 Prozent antworten mit Nein. Erstens war ihnen der Coach alleine schon deshalb suspekt, weil er von der in Turin nicht gerade beliebten AC Milan kam. Und zweitens fanden sie ihn viel zu farblos für das grosses Juventus Turin.

Und irgendwie stimmt es ja auch. Allegri hat nicht den gewinnbringenden Charme eines Klopp. Er hat nicht die Aura eines Ancelotti. Und man mag sich gar nicht vorstellen, wie ein gemeinsames Abendessen mit dem Berufskollegen Guardiola verlaufen würde. Der Spanier würde die Taktiktafel auspacken, wie wild Magnetmännchen hin- und herschieben und von der diametral abkippenden Doppelsechs schwärmen. Nach einer Stunde würde Allegri dann auch einmal etwas sagen. Vielleicht so etwas in der Art von: «Pep, Taktik wird völlig überbewertet.» Daraufhin würde Guardiola ohnmächtig vom Stuhl kippen.

Allegri sagt spontan und kurzfristig die Hochzeit ab

Aber so ist Allegri. Er sagt über sich selbst: «Ich bin kein Theoretiker. Ich bin mehr der intuitive Typ. Ich verlasse mich lieber auf meine Eingebung als auf mein Taktikschema vom Vorabend.» Das mit der Intuition bricht zuweilen auch in seinem Privatleben durch. Zum Beispiel, als er einmal spontan und kurzfristig eine Hochzeit absagte. «Eingebung», erklärte er nur, «wie ein Trainer, der aufstellen muss.» Für einen wie Guardiola muss das klingen wie der Vorhof zur Hölle, die reinste Blasphemie.

Aber Allegri fährt gut damit. Natürlich hat er eine Menge Ahnung von Fussball, auch wenn er das selbst immer ein wenig herunterspielt. Aber vor allem hat er eine Ahnung davon, wie das Miteinander in einer Gruppe funktionieren muss. «Der Fussball ist überall gleich», sagt Allegri, «die Menschen sind es aber nicht. Man muss ihre Mentalität verstehen, um erfolgreich zu sein.» Und man muss ihnen Freiheiten gewähren, davon ist Allegri überzeugt: «In Italien wird oft der Fehler begangen, das Spektakel in der System-Zwangsjacke zu ersticken. Aber wenn du dem Fussball die Poesie nimmst, kannst du ihn gleich am Computer spielen.»

Es gibt bestimmt einige Trainer, die das ganz reizvoll finden würden.