FUSSBALL: Schmerzvolle Lehrstunden

Gianluca Gaudino hat sich in den ersten Monaten in St.Gallen trotz Schmerzen durchgebissen – und dabei Prinzipien über Bord geworfen. Morgen, 16 Uhr, trifft das Bayern-Talent im Heimspiel auf Luzern. Kurz darauf auf den Weltmeister.

Ralf Streule
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Gianluca Gaudino: «Es war schwer, plötzlich nicht mehr mit ganzer Kraft ins Spiel gehen zu können.» (Bild: ky/Sebastian Schneider)

Gianluca Gaudino: «Es war schwer, plötzlich nicht mehr mit ganzer Kraft ins Spiel gehen zu können.» (Bild: ky/Sebastian Schneider)

FUSSBALL. Er wolle schlicht Spass haben am Fussballspielen. Die Aussage, die im modernen, auf Leistung getrimmten Fussballgeschäft meist wie eine leere Phrase daherkommt, wirkt bei Gianluca Gaudino nicht aufgesetzt. Mit grünen Trainingskleidern und Gummisandalen sitzt der 19-Jährige im Presseraum des St.Galler Stadions, gibt unangestrengt Auskunft. Auch der Trainer müsse ihm vor dem Spiel nicht viel mehr sagen als: «Habe Spass!» Dies macht sich auch auf dem Feld bemerkbar. Gaudino scheint Spass zu haben mit dem Ball und dem Gegner. Die technische Klasse des Bayern-Talents ist unübersehbar.

Mit Handicap im Einsatz

Dennoch gab es in den vergangenen Monaten für Gaudino viele Momente, in denen der Spass litt. Bald nach der Ankunft im Winter kündigte sich eine Schambein-Entzündung an. «Die Belastung mit den vielen Spielminuten wurde in St.Gallen für mich grösser, vielleicht war das mit ein Grund», sagt Gaudino. Die Schmerzen spiegelten sich teilweise in den Leistungen. «Es war nicht leicht für mich, plötzlich nicht mehr mit ganzer Kraft in die Partien gehen zu können. Aber ich kam von Spiel zu Spiel besser mit dem Handicap zurecht.» Drei Begegnungen musste der Deutsche aber aussetzen, kürzlich wurde eine Behandlung bei Bayern-Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt nötig.

Trainer Joe Zinnbauer lobt das Verhalten des jungen Spielers in dieser Phase. «Er beisst sich durch, will dem Team stets helfen.» Gaudino nahm mehrmals vor Spielen Schmerzmittel ein – etwas, das ihm grundsätzlich widerstrebt, wie er sagt. «Ich bin vorsichtig mit Tabletten. Ich will, dass der Körper es selbst schafft, Verletzungen zu verarbeiten.» Doch er habe ganz einfach spielen wollen. Dasselbe will er morgen gegen Luzern. Auch wenn die Schmerzen weiter da sind und die Partie für St.Gallen bedeutungslos geworden ist.

Lernen in jedem Spiel

Gaudinos leihweise Verpflichtung bis 2017 war im Winter national in den Medien stark beachtet worden. Und in Gaudinos medizinischer Baisse fragten sich viele, zu was das angekündigte grosse Talent nun wirklich fähig ist. Mit diesen Erwartungen habe er gut umgehen können, sagt der Sohn des ehemaligen deutschen Nationalspielers Maurizio Gaudino. Der Szenenwechsel von München nach St.Gallen tue ihm gut. Der Mittelfeldspieler sieht die Zeit auch als Lehrjahre, während derer er stetig mehr Verantwortung übernehmen will. «Ich lerne in jedem Spiel dazu.» Bei den Bayern-Nachwuchsteams und bei seinen acht Bayern-Einsätzen in der Bundesliga habe er eine ganz andere Rolle innegehabt – da das Spiel stärker auf Ballbesitz ausgerichtet war und er defensiver eingesetzt wurde. «In St.Gallen hatte ich plötzlich weniger Ballberührungen als zuvor.» Dies sei zunächst herausfordernd gewesen. Dass er sich nun offensiver ausrichten könne, gefalle ihm aber. Auch wenn er noch nicht zufrieden sei mit seiner Quote: 13 Spiele, ein Assist, kein Tor. Das müsse sich in der kommenden Saison ändern. Und danach? Ziel Bayern München? Gaudino lässt es offen. Über eine fussballerische Rückkehr 2017 nach Deutschland denke er derzeit keine Sekunde nach.

Zum Saisonende gegen Löw

Nach den zwei Spielen gegen Luzern morgen und am Mittwoch in Lugano steht für Gaudino ein interessanter Saisonabschluss an. Er spielt mit der deutschen U20 – zu der auch St.Gallens Flügel Lucas Cueto gehört – in Ascona gegen das deutsche A-Nationalteam. Die jungen Talente sollen dabei die EM-Gegner des Weltmeisters imitieren. Eine ehrenhafte Aufgabe also, bevor es für Gaudino in die dreiwöchige Pause geht. Eine Pause, in der er seine Entzündung definitiv loswerden will. Damit er danach in St.Gallen zeigen kann, was in einem gesunden Gaudino steckt. Samt Toren – und Spass.

Verfolgen Sie das Spiel am Sonntag in unserem Liveticker auf www.tagblatt.ch.