Kolumne

Fussball lernen statt Fussball feiern

Die Konzentration in den vergangenen Wochen auf den Fussball in den obersten zwei Ligen hatte auch einen Vorteil: Man hatte Zeit, Fussball zu lernen.

René Bühler
Drucken
Teilen
Unser Kolumnist René Bühler.

Unser Kolumnist René Bühler.

Benjamin Manser

Nach dem FC St.Gallen (1879) und dem SC Brühl (1901) ist der Quartierverein Fortuna (1910) der drittälteste Fussballklub der Stadt St.Gallen und feiert in diesem Jahr seinen 110. Geburtstag.

Eigentlich wollten die Fortuna-Verantwortlichen zum Jubiläum den FC St.Gallen und den SC Brühl zu einem Freundschaftsspiel einladen, doch Corona und die wegen des Virus veränderten Spielpläne haben dies verunmöglicht. In der Region gab es zuletzt Fussball nur am TV oder einmal als Auserlesener unter 1000 Zuschauern im Kybunpark oder beim FC Wil.

Ein Profiteur in dieser Krise war der Teleclub mit seinen Liveübertragungen. Die Konzentration in den vergangenen Wochen auf den Fussball in den obersten zwei Ligen hatte auch einen Vorteil: Man hatte Zeit, Fussball zu lernen.

Ein Trost in schweren Zeiten

Für viele Anhänger und regionale Fussballer war die Saison des FC St.Gallen ein Trost in schweren Zeiten. Nach vielen verkorksten Jahren konnte man sich am FC St.Gallen nicht nur erfreuen, sondern fussballerisch dazulernen. Die Zeit des ideenlosen Ball-nach-vorne-schlagens in der Hoffnung, dass ein grosser Stürmer diesen verwerten oder für einen Torschuss vorlegen kann, hatte endlich ein Ende.

Attraktivität im Fussball kann nur über ein gutes Offensivspiel gehen, da verzeiht man auch einmal einen Fehler in der Abwehr oder ein Kontergegentor. Viele Vereine in unterschiedlichen Ligen überlegen sich nun, wie auch sie diesen erfolgreichen Fussball umsetzen können.

Der Schriftsteller Max Frisch sagte einmal, dass die Krise ein kreativer Zustand sei. Man darf also gespannt sein, wie kreativ sich der Fussball in der Region nach der Coronakrise entwickeln wird. Aber selbst die attraktive Spielweise des FC St.Gallen ist noch verbesserungsfähig, dies vor allem im Defensivverhalten und im taktischen Verhalten in den Schlussphasen eines Spiels.

«Den Beigeschmack einer Katastrophe»

Der FC Amriswil feiert ebenfalls in diesem Jahr sein 110-jähriges Bestehen, der FC Winkeln wird 90 Jahre alt. Viele Jubiläen werden in diesem Jahr mit einem gemütlichen Anstossen in kleiner Runde gefeiert. Wir lernen gerade auf eindrückliche Art, zu verzichten. Wäre Corona nicht der Grund dafür, könnte man dem Verzicht viel Positives abgewinnen, oder nochmals in den Worten von Max Frisch: «Die Krise hat leider auch den Beigeschmack der Katastrophe.»

Sollte uns Corona weiterhin so einschränken, werden sich sowohl grosse als auch kleine Vereine neu ausrichten müssen. Aber selbst hier gibt es etwas Positives auszumachen, denn die Zeit der Unersättlichkeit gewisser Vereine, Spielervermittler und Spieler könnte vorerst zu Ende sein.

Ein Segen für den Fussball

Wenn kein Geld für Transfers und überrissene Saläre da ist, haben die Protagonisten im Fussball eine Chance, endlich vernünftiger zu werden. Corona sei dank, dies wagt man zwar kaum zu schreiben, zu tragisch sind die Auswirkungen dieses Virus, aber wir lernen nur in der Krise und ohne Plan B.

Mittelfristig werden in der Krise auch die Fernsehgelder in England oder Deutschland sinken, und der Fussball wird finanziell vielleicht wieder etwas ausgewogener. Man gewinnt zwar mit Geld immer noch keine Meisterschaft, aber langfristig stehen die wirklich finanzkräftigen Vereine eben doch an der Spitze ihrer heimischen Ligen und in Europa. Es ist es schon fast ein Segen für den Fussball, dass sich die Milliardäre von Paris Saint-Germain weiterhin gedulden müssen, die Champions League zu gewinnen.

Unser Kolumnist

René Bühler wirft regelmässig einen Blick auf das Sportgeschehen. Er ist Ehrenpräsident des FC Fortuna St. Gallen und Herausgeber des Buches «Fussballjahre». (red)