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Leader FCZ: «Träumen ist schön und soll erlaubt sein – aber bei uns verliert keiner den Kopf»

Ist der FC Zürich in dieser Saison tatsächlich ein Meisterkandidat? Und wo liegen die Gründe für den erfolgreichen Saisonstart? Ein Besuch beim Leader der Super League.

Etienne Wuillemin
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«Der FCZ kann Schweizer Fussballmeister werden!» Es ist eine ganze Weile her, seitdem man diesen Satz in Zürich letztmals sagen konnte, ohne gleich befürchten zu müssen, in die Irrenanstalt eingeliefert zu werden. In der Saison 2010/11 war es, Urs Fischer hiess der Trainer. Ein einziger Punkt fehlte am Ende auf den FC Basel.

Hat den FCZ erfolgreich umgebaut: André Breitenreiter.

Hat den FCZ erfolgreich umgebaut: André Breitenreiter.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Doch nun, etwas mehr als zehn Jahre später, geistert das Thema Meistertitel erstmals wieder durch Zürich. Der «Tages-Anzeiger», der den FCZ gewiss nicht unkritisch begleitet, titelte schon vor dem Spitzenspiel gegen YB: «Warum der FCZ Meister werden kann».

Der 1:0-Sieg gegen die Berner hat auch nicht gerade dazu beigetragen, die Euphorie zu bremsen. Und wer sah, wie leidenschaftlich und ausgelassen die Mannschaft diesen Zwischenerfolg feierte, der fragte sich schon: Wächst da gerade etwas Besonderes zusammen?

Die Laune beim FCZ ist dieser Tage jedenfalls ziemlich gut. Nicht nur dann, wenn Trainer André Breitenreiter – der gegen YB wegen Corona zum Home-Office-Coach wurde – per Video in die Garderobe geschaltet wird und zwei freie Tage fürs Team verkündet.

15 Spiele, 9 Siege und nur 2 Niederlagen. Nun gibt es einige offensichtliche Ansätze, den Wandel der Zürcher zu erklären. Der Einfluss des neuen Trainers Breitenreiter. Die Tore von Assan Ceesay. Oder FCZ-Urgestein Blerim Dzemaili, der vielleicht gerade den letzten Frühling seiner Karriere spürt.

Die Liste kann fast beliebig weitergeführt werden. Man kommt zum stillen Abräumer Ousmane Doumbia im Mittelfeld. Oder zu den Aussenläufern Guerrero/Boranijasevic, die viel mehr sind als blosse Laufmaschinen und der FCZ-Offensive eine wichtige, bisher ungekannte Komponente verleihen.

Die Odyssee des Spielgestalters

Und man kommt zu ihm: Antonio Marchesano. Bald 31 Jahre ist er alt. Bei ihm hat vieles ein bisschen länger gedauert als beim sonstigen Schweizer Durchschnitts-Fussballer. Locarno, Bellinzona, Winterthur, Biel – eine kleine Odyssee musste er absolvieren, ehe er die Chance in der Super League bekam.

Wobei er sich noch ein bisschen länger als gedacht gedulden musste. Der Vertrag beim FCZ war schon unterschrieben, als der Klub 2016 abstieg. Also wurde es noch eine Challenge-League-Saison mehr. Doch seither wird Marchesano immer besser. Und immer wichtiger für den FCZ. Jetzt sagt er:

«Vielleicht habe ich ja dann noch die Motivation für ein paar Jahre mehr als einer, der schon mit 18 an der Spitze angekommen ist.»
Der Hunger ist noch lange nicht gestillt: FCZ-Spielmacher Marchesano.

Der Hunger ist noch lange nicht gestillt: FCZ-Spielmacher Marchesano.

Freshfocus / Bastien Gallay

Marchesano ist der Regisseur der Zürcher, auf den vieles im Spiel ausgerichtet ist. Nach den 19 Skorerpunkten in der schwierigen letzten Saison stehen bereits wieder sechs Tore und vier Assists auf seinem Konto. Er gibt gerne zu, die Statistik gelegentlich zu studieren.

Was also ist von diesem FCZ zu halten? «Was wir bis anhin geleistet haben, ist nicht selbstverständlich. Und schon gar nicht hätte man das von uns erwartet. Aber eines ist klar: Die Punkte, die wir haben, sind verdient.» So sagt das Marchesano. Gerade fühlt es sich für ihn an wie eine «neue, zweite Karriere».

Der derzeitige Erfolg des FCZ ist eine Geschichte des Kollektivs. Von hinten bis vorne, jeder trägt einen wichtigen Teil dazu bei. Die Zürcher wissen, was sie können. Aber sie wissen auch, was sie nicht können – und akzeptieren es einfach.

Ab und zu ein Rückschlag wie in Basel oder Bern? Egal. Rückstände während eines Spiels drehen oder ausgleichen? Längst schon ein Zürcher Markenzeichen geworden. Vielleicht das eine oder andere Gegentor zu viel wegen der risikobehafteten Spielweise? Ist halt so.

Die vielen Abenteuer des gereiften Mannes

Fidan Aliti ist einer der Spieler, die manchmal etwas unter dem Radar fliegen, weil die Schlagzeilen anderen gehören. Vor einem Jahr hat er von Kalmar zum FCZ gewechselt. Seither hat er von möglichen 45 Super-League-Spielen 44 bestritten, immer von Anfang an.

Fidan Aliti (Mitte) ist einer der meistunterschätzten Spieler der Super League.

Fidan Aliti (Mitte) ist einer der meistunterschätzten Spieler der Super League.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Kaum beginnt das Gespräch mit Aliti, wuselt schon Pado vorbei, der FCZ-Materialchef, und ruft: «Aliti – der Beste! Immer für alle da!» Später sagt Sportchef Marinko Jurendic: «So einen Typen wie ihn willst du in der Kabine. Er reisst mit. Er kommuniziert viel. Er ist eine Kämpfernatur. Und vor allem: Er stellt sich in den Dienst der Mannschaft.»

Mit 20 absolviert Aliti seine ersten Spiele in der Super League, beim FC Luzern, dem heutigen Gegner des FCZ. Markus Babbel hiess sein Trainer, Rolf Fringer war Sportchef. «Ich war überzeugt, mich durchzusetzen. Schade, hat sich die ­Situation nicht so entwickelt, wie ich mir das vorgestellt hatte», sagt er im Rückblick.

Also zieht Aliti weiter. Es werden fünf erlebnisreiche Jahre. Vier Länder und Ligen lernt Aliti kennen. Von Sheriff Tiraspol (Moldawien) geht es über Slaven Belupo Koprivnica (Kroatien) und KF Skenderbeu (Albanien) bis nach Kalmar (Schweden). Mit Sheriff und Skenderbeu wird Aliti Meister, mit Kalmar muss er dagegen einmal in die Barrage (und schiesst dabei ein Tor, das zur Rettung beiträgt). «Ich hatte es überall schön, aber wenn ich eine Station herauspicken muss, dann Albanien. Mit Skenderbeu habe ich auch meine ersten Erfahrungen in der Europa League gemacht.»

In dieser Zeit wird Aliti auch kosovarischer Nationalspieler. Auch dort gilt: Er verpasst eigentlich nie ein Spiel. «Nun bin ich als gereifter Mann zurück in der Schweiz – und der FCZ ist mir ans Herz gewachsen.»

Den jüngsten Erfolg geniesst Aliti natürlich auch. Er sagt gar: «Träumen darf und soll man. Weil Träumen schön ist.» Nur um dann anzufügen: «Aber glauben Sie mir: Nur weil es in den letzten Spielen gut gelaufen ist, verliert hier keiner den Kopf. Jetzt empfangen wir Luzern – und nur dieses Spiel zählt.»

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