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Syriens Nationaltrainer Bernd Stange: «Fussball kann Kriege stoppen»

Morgen beginnt für Syriens Team in den Emiraten der Asien-Cup. Trotz des Bürgerkriegs ist das 18-Millionen-Land im Fussballfieber. Die Hoffnungen ruhen auf Trainer Bernd Stange.
Interview: Markus Brütsch
Bernd Stange bestreitet mit Syrien sein erstes grosses Turnier. (Bild: Noufal Ibrahim/EPA (Kuwait City, 20. November 2018))

Bernd Stange bestreitet mit Syrien sein erstes grosses Turnier. (Bild: Noufal Ibrahim/EPA (Kuwait City, 20. November 2018))

Bernd Stange, wie verrückt muss man sein, um mit 70 Jahren in einem vom Bürgerkrieg zerrütteten Land wie Syrien das Amt des Nationaltrainers zu übernehmen?

Ich hatte meine Fussballschuhe auch als Trainer bereits an den Nagel gehängt. Dann bin ich aber gebeten worden, die Aufgabe von März 2018 bis Ende Januar 2019 zu übernehmen. Ich habe mich bei der Fifa abgesichert, ob das machbar ist. Wenn mich Leute nun als verrückt bezeichnen, so ist das ihre Sache.

Der Asien-Cup in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist Ihr erstes grosses Turnier als Trainer. War dies für Sie der ausschlaggebende Antrieb, diesen Job anzunehmen; sich einen letzten Traum zu erfüllen?

Das ist tatsächlich so. Ich war 1984 als Trainer mit der DDR-Mannschaft für die Olympischen Spiele in Los Angeles qualifiziert. Wir durften wegen des Boykotts nicht hin. 2004 brachte ich den Irak zu den Spielen nach Athen, musste meinen Job aber kurz zuvor aus Sicherheitsgründen aufgeben. Ja, der Asien-Cup ist mein erstes grosses Turnier.

Wegen des Engagements in Syrien mussten Sie am 14. März die bereits organisierte Geburtstagsparty zu Ihrem 70. Geburtstag absagen.

Das stimmt. Die Party war organisiert. Aber ich habe meine Tätigkeit sofort aufgenommen, weil Länderspiele gegen den Irak und Katar anstanden. Zuerst spielten wir in Basra vor 65 000 Zuschauern. Für mich war die Rückkehr nach Irak etwas ganz Besonderes. In diesem Land hatte ich bis Ende Juni 2004 als Nationaltrainer gearbeitet.

Sie arbeiteten neben Ihrer Tätigkeit in Deutschland, Irak, Oman, Singapur und Weissrussland sowie in Zypern, Australien und der Ukraine. Sind Sie ein Abenteurer?

Das würde ich so eher nicht sagen. Ich bin einfach ein Fussballtrainer mit bisher 170 Länderspielen für sechs Nationalmannschaften. Nichts an meinem Job ist abenteuerlich.

Hielten Sie sich seit Ihrem Amtsantritt ohne Unterbruch in Syrien auf?

Ja, mit Ausnahme weniger Tage, als ich den Deutschen Fussballbund um Unterstützung nachgesucht habe. Um meine Arbeit erfolgreich durchzuführen, brauchte ich Hilfe. Die bekam ich.

«Feuerwerk und Pyros waren nicht unter Kontrolle.»

Wie und wo leben Sie?

Ich wohne 25 Kilometer ausserhalb von Damaskus in einem relativ geschützten Ressorthotel, gemeinsam mit Vertretern der Vereinten Nationen, die hier tätig sind, und der Welthungerhilfe.

Was haben Sie vom Bürgerkrieg mitbekommen?

Ich habe ihn im März und im April sehr gespürt. Das waren schon kritische Situationen, wo ich mich gefragt habe: Was mache ich eigentlich hier? Die Lage ist nach wie vor überaus unübersichtlich.

Es ist erstaunlich, dass in einem Land, in dem Krieg herrscht, ein Meisterschaftsbetrieb stattfindet.

Die Meisterschaft lief in der Tat ganz normal, aber mit einem unheimlich begeisterungsfähigen Publikum. In Aleppo und Latakia kamen 30 000 Zuschauer, in Damaskus mit 8000 bis 10 000 waren es zwar weniger. Feuerwerk und Pyros waren jedoch nicht unter Kontrolle.

Wie sehr helfen die Erfahrungen, die Sie in Irak gesammelt hatten?

Sie nützen sehr. Man kennt die Verhältnisse, die so anders sind, als bei uns in Europa. Die Erlebnisse aus Irak helfen mir, die Leute in Syrien besser zu verstehen. Das ist sehr, sehr wichtig.

Gibt es syrische Spieler, die sich aus politischen Gründen weigern, für das Land aufzulaufen?

Nein. Alle Spieler, die ich eingeladen habe, sind gekommen. Es gibt viele dumme Gerüchte. Es wird viel Schmarrn geschrieben.

Palästina, Jordanien und Australien sind in den nächsten zehn Tagen die Gegner. Was ist möglich?

Syrien hat noch nie eine Gruppenphase überstanden. Das wollen wir ändern und ein Stückchen Geschichte schreiben. Alle unsere Spiele sind ausverkauft.

«Man möchte den Leuten nach dem jahrelangen Leiden ein Lächeln ins Gesicht zaubern und sie stolz machen.»

Welches sind die Topfavoriten?

Japan, Südkorea, Australien und Iran. Zu diesem Kreis gehören wir nicht. Das muss aber im Fussball nichts bedeuten. Das hat Irak 2007 als sensationeller Turniersieger ja bewiesen.

Seit 2011 gibt es für Syrien keine Heimspiele mehr. Wie sehr lechzen die Menschen nach Länderspielen?

Es gibt nicht nur keine Heimspiele mehr, sondern nur eine Sportzeitung und wenige Fernsehsendungen über Fussball. Die Syrer sind gleichwohl fussballnärrisch. Sie übertreffen alles, was ich bisher an Fanatismus und Leidenschaft für ein Land erlebt habe.

Die Fans fiebern dem Asien-Cup entgegen.

Und wie! Fanatisch und mit ausufernden Erwartungen. Der Druck auf die Spieler und letztlich auf den Trainer ist enorm. Man möchte ja den Leuten nach dem jahrelangen Leiden ein Lächeln ins Gesicht zaubern und sie stolz machen.

Wie gehen Sie persönlich mit dem Druck um?

Relativ locker. Ich bin gestählt. Da gibt es keine grosse Nervosität. Nur die übliche, die jeder Trainer hat.

Konnte die Nationalmannschaft trotz des Krieges ganz normal trainieren?

Da fast alle Syrer im Ausland spielen und hier keine Länderspiele stattfinden, gibt es kaum Trainings im Land. Alle zusammen trainieren immer nur vor den Auswärtsspielen im jeweiligen Land. Jetzt, nach dem Zusammenzug vor dem Asien-Cup, hatten wir aber ein öffentliches Training. Da kamen 15 000 Fans.

Gibt es Menschen, die der syrischen Mannschaft aus politischen Gründen Schlechtes wünschen?

Nein, die Syrer stehen wie eine Eins hinter der Mannschaft. Auf der anderen Seite muss man heute ja überall Angst haben.

Kann der Fussball nach acht Jahren Krieg ein zerrissenes Land zumindest ein bisschen zusammenführen, beziehungsweise versöhnen?

Ja. Als Syrien gegen Australien spielte, ruhte hier das Leben. Der Fussball kann zugleich für Ruhe und Begeisterung sorgen. Das ist eine grosse Motivation für uns. Wir können es alleine jedoch nicht schaffen. Die Fifa ist enorm hilfreich. Wir haben in der Umgebung der Ruinen von Al Duma einen Kunstrasenplatz eröffnet. Der ist immer bis um zwei oder drei Uhr in der Früh belegt. Da kommen die Kinder aus den Ruinen und spielen Fussball. Ein grösseres Glück, als dies zu sehen, kann man gar nicht erleben. Wenn man sieht, wie viele Menschen darum herum stehen und zuschauen. Hier kann der Fussball etwas bewegen, was die Politik nicht schafft.

Sie haben Irak trainiert, als dort Saddam Hussein an der Macht war. Jetzt coachen Sie Syrien, wo Baschar al-Assad Staatsoberhaupt ist. Haben Sie ein Faible für Diktatoren?

Nicht wirklich, aber dazu sage ich nichts! Ich bin nicht blauäugig, aber das Einhalten von Regeln ist heutzutage nicht unbedingt eine Stärke der Politik. Natürlich wird der Sport politisch ausgenutzt. Bei grossen Siegen zeigen sich überall Präsidenten, Kanzlerinnen und Autokraten in den Kabinen und auf den Fotos.

Die Fifa wird nicht müde, die friedensstiftende Wirkung des Fussballs zu betonen.

Sie hat Recht! Für mich ist sie längst friedensnobelpreiswürdig. Der Fussball ist in der Lage, Kriege zu stoppen. Für Qualifikationsspiele wurden in Afrika Kriege angehalten. Oder eben wie in Syrien: Für Ruinenkinder werden Plätze gebaut, für unschuldige Menschen, die am meisten unter dem Krieg leiden. Das sind grosse Leistungen. Kinder erziehen, sie zum Sport holen und aus dem Dreck ziehen – da spielt die Fifa eine grössere Rolle als all die gigantischen Unternehmen, die auf den Maximalprofit aus sind.

Die Fifa hat aber keinen guten Ruf.

Bei aller Kritik an ihr: Es ist gigantisch, was da an Erziehungsarbeit geleistet wird. Das spürt man aber erst so richtig, wenn man in einem Kriegsgebiet tätig ist. Ich war enorm stolz, dass ich die Gelegenheit hatte, mit dem Fifa-Präsidenten Gianni Infantino über die Situation in Syrien zu sprechen. Die Möglichkeit diskutieren konnte, mal wieder ein Länderspiel in Syrien durchzuführen, wenn man die Anforderungen der Fifa erfüllt. Da muss ich einfach die Leute alleine lassen, die mir Nähe zu Diktatoren vorwerfen.

Ist Assad ein Fussballfan?

Ich hatte bisher keinen Kontakt zu ihm. Man hat mir jedoch berichtet, er stehe treu zur Nationalmannschaft.

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