FUSSBALL: «Im Training kam’s zum Knall»

Vor zwei Wochen sprang Thomas Hengartner als Trainer des FC Tägerwilen ein. Im Interview spricht der 52-Jährige über die Zeit beim FC St. Gallen, den richtigen Umgang mit Erfolg und den Abstiegskampf in der 2. Liga.

Matthias Hafen
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Der frühere Profifussballer Thomas Hengartner (rechts) schwört als Trainer des 2.-Liga-Clubs Tägerwilen seine Spieler auf den Abstiegskampf ein. (Bild: Andrea Stalder)

Der frühere Profifussballer Thomas Hengartner (rechts) schwört als Trainer des 2.-Liga-Clubs Tägerwilen seine Spieler auf den Abstiegskampf ein. (Bild: Andrea Stalder)

Matthias Hafen

matthias.hafen@thurgauerzeitung.ch

Morgen um 11 Uhr ist ein grosses Spiel für Thomas Hengartner. Verliert der Interimscoach mit dem FC Tägerwilen daheim gegen Tobel-Affeltrangen, ist der Abstieg in die 3. Liga fast schon besiegelt. Doch Hengartner ist mehr als nur ein prominenter Feuerwehrmann an der Linie.

Wären Sie ein guter Super-League-Trainer?

Diese Ambitionen habe ich nie gehabt. Sonst hätte ich viel früher auf den Zug aufspringen müssen.

Hat es Sie als ehemaliger Profi nie gereizt, einmal den FC St. Gallen zu trainieren wie jetzt Giorgio Contini?

Als ich die Karriere als Profitrainer hätte einfädeln müssen, war es für mich kein Thema, weil ich nach meiner Spielerkarriere schnell in die Privatwirtschaft eingestiegen bin. Wenn ich aber heute die Karrieren von Kollegen wie Urs Fischer, Uli Forte oder Jeff Saibene betrachte, dann wäre ich dem gegenüber sicher nicht abgeneigt. Profitrainer im Fussball ist ein Traumjob.

Wie oft träumen Sie davon?

Ich habe keine Ambitionen mehr, Profitrainer zu werden. Dieser Zug ist abgefahren. Ich war unter anderem Geschäftsführer bei Möbel Pfister in Dübendorf, CEO bei Bico-Matratzen und bin heute als selbstständiger Unternehmer tätig. Das ist ebenso spannend.

Was tun Sie da genau?

Ich coache und entwickle Menschen und Teams. Je besser ein Team funktioniert, desto erfolgreicher ist es. Das gilt in der Wirtschaft genauso wie im Sport.

Inwiefern helfen Ihnen dabei die persönlichen Erfahrungen aus dem Fussballgeschäft?

Extrem viel. Ganz wichtig ist etwa der Umgang mit Verletzungen. Einige Trainer lassen die Verletzen links liegen, weil sie nur interessiert, wer für sie spielen kann. Das ist manchmal auch in der Wirtschaft so. Leute, die aus irgend einem Grund nicht ihr volles Potenzial ausschöpfen können, werden nicht mehr gefördert. Dabei ist es wichtig, das ganze Potenzial zu nutzen.

War das in Ihrer Karriere immer der Fall?

Ich erinnere mich an Zeiten im FC St. Gallen, als es ein Grüppchen von Chilenen, eine Gruppe Ostschweizer und eine dritte Gruppe gab. Als im Training die Chilenen gegen die Ostschweizer gespielt haben, kam es manchmal zum Knall. Da fragte ich mich, ob das der richtige Weg war oder ob man nicht besser die Gruppen durchmischt hätte. Diese Frage taucht im übertragenen Sinn auch in der Wirtschaft immer wieder auf. Manchmal muss man solche Mischungen fördern.

Welche Anekdote ist Ihnen besonders in Erinnerung?

Als mir in meinem ersten Spiel für den FC St. Gallen gleich der erste Treffer gelang. Es war im Spiel gegen Xamax, als ich etwa in der 89. Minute mit viel Glück den 2:1-Siegtreffer erzielte. Nach dem Spiel war ich der Held und die ganze Presse wollte etwas von mir. Als Zwanzigjähriger dachte ich damals: «Wow, jetzt habe ich es geschafft.» Dann aber kam Teamkollege Ladislav Jurkemik, packte mich am Arm und riss mich in die Kabine. Dort sagte er: «Pass auf, du hast noch gar nichts erreicht. Bleib mit den Füssen auf dem Boden. Dass du einmal so weit bist, dass du abheben kannst, wirst du gar nie erleben.» Zunächst war ich total erschrocken. Doch nach einiger Zeit sah ich ein, dass er recht hat. Heute sage ich, dass ich es auch wegen Jurkemiks Ermahnung geschafft habe, mich im Fussball und in der Wirtschaft durchzusetzen.

Welche Beziehung haben Sie heute noch zur Super League?

Ich bin noch ab und zu in den Stadien anzutreffen, aber nicht mehr jedes Wochenende. Mit dem Schweizer Nationaltrainer Vladimir Petkovic stehe ich in besonders regem Austausch, weil ich seit neuem ein Mandat habe, ihn als Persönlichkeit zu vermarkten. Dadurch bin ich nach wie vor nahe am Geschehen.

Was unterscheidet einen heutigen Fussballer von einem aus Ihrer Generation?

Heute sind sie taktisch hervorragend geschult. Zudem ist das Spiel ganz allgemein viel schneller und dynamischer geworden. Die Spieler müssen vielseitiger sein. Ein starker linker Fuss, wie ich es damals hatte, reicht nicht mehr, um auf höchstem Niveau zu spielen. Wenn ich aber Sachen wie Trainingsmodus oder Spielvorbereitung anschaue, dann hat sich gar nicht so viel verändert.

Würden Sie mit Ihren Fähigkeiten heute noch die gleiche Karriere machen?

Nein, vermutlich würde das nicht mehr reichen.

Gibt es etwas, worum Sie die heutigen Profis beneiden?

Wir hatten damals nicht so geniale Stadien, in denen wir spielten. Von Arenen wie in Bern, Basel oder St. Gallen konnten wir nur träumen. Natürlich hatte das Espenmoos seinen Reiz, weil die Zuschauer so nahe am Geschehen waren. Aber die Infrastruktur ist heute viel besser.

Worum beneiden Sie die heutigen Fussballprofis nicht?

Durch die neuen Medien ist die Angriffsfläche viel grösser geworden. Wenn du heute ein Eigentor schiesst, dann findest du es morgen schon im Internet mit allen Kommentaren dazu.

Dann stimmt es gar nicht, dass Spieler und Trainer keine Medien konsumieren?

Wir haben früher immer die Zeitung gelesen. Und ich denke nicht, dass das heute anders ist.

Mittlerweile ist die 2. Liga Ihre fussballerische Heimat. Wie kann Regionalfussball erfüllend sein?

Junge Leute weiterbringen, gemeinsam Erfolge feiern. Das ist heute noch meine Leidenschaft. Ich bin auch der Meinung, dass die 2. Liga Trainer mit Know-how verdient. Es ist eine dankbare Liga, weil Fussballverständnis und Qualität vorhanden sind.

Seit rund zwei Wochen sind Sie Trainer des FC Tägerwilen und stehen mitten im Abstiegskampf. Wie retten Sie das Team vor dem Abstieg?

Es geht in den letzten drei Spielen der Saison nicht mehr darum, taktisch viel zu verändern. Ich versuche, den Spielern die Freude am Fussball zu vermitteln. Wichtig ist, dass wir die Serie von vier Niederlagen und zehn sieglosen Partien endlich brechen. Dann kann es schnell in die andere Richtung gehen.

Wie entscheidend ist der Ausgang von Tägerwilens Saison für Ihre Zukunft?

Wir müssen nach der Saison sowieso nochmals zusammensitzen. Für mich ist es wichtig, wie sich zwischen mir und der Mannschaft die Beziehung entwickelt. Wenn wir den Draht zueinander finden, ist die Ligazugehörigkeit nicht so entscheidend.

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