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Fussball-Fans als Subkultur

Der Basler SP-Grossrat Thomas Gander arbeitet seit 2005 bei der "Fanarbeit Basel". Seit 2009 ist er Geschäftsleiter von "Fanarbeit Schweiz", der Dachorganisation der sozioprofessionellen Fanarbeit in der Schweiz. Im Interview erklärt er, wie es in Fan-Kurven zu Gewalt kommen kann und wie die Zukunft der Schweizer Fussball-Fans aussehen könnte.
René Rödiger/Felix Burch
Thomas Gander. (Bild: Matthias Wäckerlin)

Thomas Gander. (Bild: Matthias Wäckerlin)

Herr Gander, ist der Fussballfan politisch?
Thomas Gander: Die Fankurven in der Schweiz positionieren sich apolitisch. Zumindest im parteipolitischen Kontext. Aber es gibt klare Werte, für die Fans eintreten: Zum Beispiel Freiheit, Autonomie und Solidarität. Es ist eine Jugendbewegung, die unserer Gesellschaft auch mal den Spiegel vorhält und gesellschaftspolitische Statements äussert. Da sind die Kurven plötzlich hochpolitisch. Derzeit gibt es wohl keine Subkultur, die so sehr in der Öffentlichkeit steht.

War das schon immer so?
Gander: Im Vorfeld der Euro 2008 kam die Sicherheitsdebatte auf und plötzlich standen die Fans im Fokus von Politik und Gesellschaft. Man hat einen Nährboden für eine Politisierung der Fankurven geschaffen.

Sind die Fans nun eher links oder rechts?
Gander: Die Leute in den Kurven kommen aus allen politischen Lagern. Das klassische links-rechts Schema eignet sich nicht. Es gibt vereinzelt Gruppen, die versuchen, auf diese Weise zu provozieren. Da geht es dann auch um Machtkämpfe und um Hierarchie-Fragen in der Fankurve. Aber es werden keine Links- oder Rechtsextreme in den Kurven rekrutiert.

Dabei gibt es viele politische Themen, die besonders Fans betreffen.
Gander: Ja, gerade durch das Hooligan-Konkordat und vermehrte Verfolgung von Fussballfans hat das Interesse an politischen Fragen zugenommen. Einzelne Kurven haben Unterschriften für das Referendum gegen das verschärfte Konkordat gesammelt. Da kommen Jugendliche plötzlich erstmals mit unseren politischen Instrumenten in Kontakt. Es findet paradoxerweise eine Art politische Bildung statt.

Die Kurven als neue politische Macht?
Gander: Die Fans wurden mit ihren Anliegen bisher von den Parteien kaum ernst genommen. Etwas karikiert: Die Linken haben das typische Bild der 80er Jahre in den Köpfen wo es rassistische Strömungen in den Kurven gab, die Mitte und die Rechten tendieren grundsätzlich Richtung "law and order". Jetzt erkennen Politiker, dass es bei Fragestellungen rund um diese neuen Gesetze um grundrechtliche Fragen oder die Einschränkung der persönlichen Freiheiten geht, die sie teilweise auch selber betreffen. So zum Beispiel das Alkoholverbot. Aber viele Politiker haben noch immer die Meinung, dass die Fankurven grundsätzlich gewalttätig und dumm sind. Und die Kurven korrigieren dieses Bild in der Öffentlichkeit nicht wirklich.

Abgrenzung als Schutz?
Gander: Da gibt es einen passenden Ausspruch. "Wenn der letzte Wissenschaftler und der letzte Journalist über Fankurven berichtet hat, dann gibt es sie nicht mehr". Als Subkultur wollen sie sich schützen.

Und wie wird man Teil dieser Subkultur Fankurve?
Gander: Das läuft in jeder Kurve und bei jeder Gruppierung ein bisschen anders. Grundsätzlich beobachte ich, dass es mehrere Jahre gehen kann, bis ein Fan in eine Fan-Gruppierung aufgenommen wird. Zum Wesen eine Subkultur gehört auch, dass verschiedene Rollen besetzt werden. Da gibt es Leader, Gestalter, Denker, Mitläufer usw.

Wachsen die Fankurven?
Gander: In den letzten zehn Jahren sind sie massiv grösser geworden. Viele Jugendliche erfahren in der Kurve Zusammenhalt, Solidarität und auch die Möglichkeit sich abzugrenzen. In einer Gesellschaft, die immer konformer wird, bietet eine Fankurve die Möglichkeit, etwas "anderes" zu (er-)leben. Gleichzeitig reagiert und kommuniziert die Fankurve auch. Z.B. seit der Euro 08 dreht ununterbrochen eine Gesetzesverschärfungsschraube. Unsere These ist, dass so eher die Gewaltbereitschaft gefördert worden ist und eine Verlagerung provoziert worden ist. So kam es die letzten Jahren zu fast keinen Zwischenfällen mehr zwischen einzelnen Fanszenen. Zugenommen hingegen hat die Gewalt gegen Polizei und Sicherheitsorgane.

Und dann decken sich die Fans gegenseitig.
Gander: Das "Hooligan"-Konkordat und die Verschärfungen werden auch in den Kurven diskutiert. Das kann zu Verhaltensanpassungen führen. Im besten Fall äussert sich das in kreativen Protestaktionen, die von den Medien auch gerne aufgenommen werden. Aber auch destruktives Verhalten wird möglich.

Gibt es in den Kurven einen rechtsfreien Raum?
Gander: Nein. Es gibt kaum einen halböffentlichen Raum, der mehr überwacht und kontrolliert wird, als die Fankurve. Die Polizei könnte jederzeit eingreifen. Sie macht das aber selten, weil es oft unverhältnismässig wäre. Würden die Behörden oder die Politik etwas anderes behaupten, wäre das pointiert ausgedrückt eine Kapitulation des Rechtsstaates. Eine Fankurve weiss auch genau, dass sie in letzter Konsequenz nicht gegen die Staatsgewalt ankommen würde. Die Fans wissen schon, wo sich die Grenzen befinden.

Die viel zitierte Selbstkontrolle?
Gander: Genau. Es gibt immer wieder Situationen, wo die die Fanszene eine Eskalation verhindert hat. Wenn nichts passiert, ist es jedoch für Aussenstehen nicht wahrnehmbar und es wird nicht darüber berichtet. Es gibt natürlich auch Beispiele, in denen die Fanszene eine Situation bewusst eskalieren lassen kann. Das macht sie auch unberechenbar.

Gibt es zwischen diesen Fan-Gruppierungen in der Kurve Rivalitäten?
Gander: Vereinzelt und nicht überall. Wenn, dann geht es meist um die Vorherrschaft in der Kurve.

Gibt es regionale Unterschiede bei den Fans?
Gander: Eine Fankurve ist immer in Entwicklung. In der Schweiz sind die Kurven derzeit an unterschiedlichen Punkten. Das hängt auch mit der lokalen Situation zusammen, zum Beispiel wie ist die Beziehung zum Verein oder zur Polizei oder wie ist das Altersspektrum. Auffallend für mich ist, dass wenn eine Kurve weniger Energie für Konflikte mit der "Aussenwelt" aufbringen muss, zeigt sich das in grösserer Kreativität und Unterstützungsbereitschaft der Kurve.

Aber eine Kurve lebt doch auch von Konflikten.
Gander: Ein Mechanismus einer Subkultur ist, das sich abgrenzt bis hin zu einem gemeinsamen Feindbild. Heikel wird es dann, wenn damit Gewalt legitimiert wird.

Gibt es in den Kurven diese Akzeptanz gegenüber Gewalt?
Gander: Ein Teil der Fans würde wohl nüchtern sagen, dass es im Fussball schon immer Gewalt gegeben hat und der Fussball von aufgeladener Rivalität lebt.

Aber im Sport hat es noch die spielerische Komponente.
Gander: Klar. Aber wir wollen und schüren Emotionen und Rivalität an diesen Massenveranstaltungen und wundern uns dann, wenn es dann mal "klöpft". Hier unterliegen wir auch einer Doppelmoral

Müssen wir uns also mit Gewalt bei Sportveranstaltungen abfinden?
Gander: Wir dürfen uns nicht an der Zielsetzung Gewaltfreiheit auseinander dividieren lassen, die es auch in anderen Gesellschaftsfeldern nicht gibt. Was wir brauchen, ist eine realistische Zielsetzung, welche auf einer Eindämmung von Gewalt beruht. Aber wir dürfen uns auch nicht verrückt machen lassen, wenn es bei jugendlichen mit Testosteronüberschuss auch mal zu Reibereien kommt.

Was wäre dann die realistische Zielsetzung?
Gander: Dass Gewalt nicht zur Gewohnheit wird oder zunimmt. Dass die Gefahr von Eskalationen frühzeitig erkannt und gebannt werden kann. Oder, dass es keine unbeteiligte Personen trifft.

Packt die Politik die falschen Probleme an?
Gander: Die Diskussion fokussiert sich zu sehr auf die Pyros und vermischt sich mit dem Thema der Gewalt. Ich habe in meinen acht Jahren als Fanarbeiter in Basel vielleicht zehn leichtere Verbrennungen an Händen gesehen. Einen schwerwiegenden Zwischenfall erlebte ich nicht. Trotzdem diskutiert man hauptsächlich über Pyros. Der Gegenstand wurde zu ein Symbol für gewalttätiges Fanverhalten. Die Machtlosigkeit der Behörden und Vereine führt natürlich auch zu Frustrationen und kann bis zu einem Feindbild "Fan aus der Kurve" führen. Dabei, wenn die Polizei die Situation wirklich als so gefährlich einschätzen würde, so dass die öffentliche Sicherheit gefährdet wäre, müsste sie schon lange reagieren – trotz der Gefahr von Kollateralschäden. Sie hält sich aber aufgrund der Verhältnismässigkeit zurück und schätz demnach die Situation anders ein – das sollte doch auch Lösungswege aufzeigen.

Gibt es heute mehr Gewalt in den Stadien?
Gander: Alle Statistiken sprechen dagegen. Es gibt jedes Jahr mehr Zuschauer und immer weniger Zwischenfälle. Auch die prognostizierte Gefahr für Frauen und Kinder greift nicht. Immer mehr Frauen und Kinder gehen Fussball schauen.

Auch in den Kurven?
Gander: Kurven sind in ihrem Kern noch immer Männerbastionen. Das wird teilweise auch verteidigt. Viele Fans haben das Gefühl, dass Frauen in ihren Gruppierungen die Freundschaft untereinander verkomplizieren könnten.

Die Fronten zwischen den Fans und den Behörden sind verhärtet. Wo müsste man jetzt für eine Verbesserung ansetzen?
Gander: Das frage ich mich auch und lässt mich zuweilen ratlos zurück. Klar ist, dass Gesetze wohl kaum entschärft werden. Der Eventjournalismus wird auch weiter als Motor für Polemik funktionieren und das schlechte Bild über die Fankurven zementieren. Das Produkt Fussball strebt weiter nach mehr Perfektionismus und lässt so immer weniger Raum für „wildes“ und unvorhergesehenes... Sepp Blatter hat einem Referat mal gesagt, dass Fussball wie eine Theatervorführung sein sollte. Alles keine guten Voraussetzungen für eine Entspannung.

Da tragen die Fans ja auch ihren Teil dazu bei.
Gander: Das ist die Ironie in der „Geschichte“: Vereinfacht, je bessere Stimmung im Stadion, desto attraktiver des „Fussballevent“ und somit mehr Potential zu Vermarktung. Pointiert gesagt: Die Fankurve lebt von der Stimmung und die Geldgeber zehren davon.

Gibt es eine Patentlösung für die Zukunft
Gander: Die gibt es nicht. Die Hoffnung besteht darin, dass es viele vernünftige Leute im Fussball gibt, die nach intelligenten „Lösungen“ suchen. Ein nationale Einheitslösung führt nicht zum Ziel, zu unterschiedlich gestalten sich die lokalen Voraussetzungen. St. Gallen, Zürich, Bern, Luzern oder Basel ticken nun mal anders.

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