FUSSBALL-EM: "Die Engländer waren schwach wie immer"

Die 1:2-Pleite der Engländer gegen Island ist die ultimative Demütigung für das Mutterland des Fussballs. Fredi Kurth, unser Fussball-Experte, erklärt im Interview den Grund für das frühe EM-Aus.

Alexandra Pavlovic
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Fussball-Experte Fredi Kurth. (Bild: Urs Jaudas)

Fussball-Experte Fredi Kurth. (Bild: Urs Jaudas)

Herr Kurth, das EM-Abenteuer geht für die Isländer weiter. Hätten Sie dieser Mannschaft das zugetraut?
Kurth: Nein. Ich hätte nicht gedacht, dass sie so weit kommen. Aber die Isländer haben sich von Spiel zu Spiel verbessert und jeder hat gesehen, dass sie ein gutes Turnier gespielt haben. Im Gegensatz zu den Engländern, die kaum etwas gezeigt haben.

Wie haben die Engländer denn gespielt?
Kurth: In der Gruppenphase hatten sie mit jedem Gegner Mühe. Gegen die Russen spielten sie unentschieden, gegen Wales siegten sie mit Ach und Krach und gegen die Slowakei reichte es nicht einmal für Tore. Es blieb beim 0:0. Deutschland beispielsweise fegte die Slowaken mit einem 3:0-Sieg vom Platz. So eine Leistung hätte ich auch von den Engländern erwartet.

Was haben die Isländer besser gemacht als die Engländer?
Kurth: Sie haben ihr Spiel gespielt. Jeder Spieler wusste, was er zu tun hatte. Sie haben sich optimal auf die Engländer eingestellt. Zwar haben die Isländer eher defensiv gespielt, aber durch ihr schnelles Umschalten kamen sie immer wieder zu gefährlichen Kontern. Bei den Engländern sah man hingegen, dass sie sich taktisch kaum auf die Isländer eingestellt hatten. England hat nach dem Motto "Wir machen unser Spiel" gespielt. Zudem haben sich die Engländer nach dem frühen Führungstreffer von Wayne Rooney zu sicher gefühlt.

Was sagt das über den englischen Fussball aus?
Kurth:
Business as usual.

Das heisst?
Kurth:Bei den Engländern gehört das frühe Ausscheiden an grossen Turnieren schon fast zum Standard. Seit 1966, also gut 50 Jahren, haben es die Engländer nicht mehr geschafft, in einem Endspiel dabei zu sein. Das aktuelle Kader der Nationalmannschaft hat seit langen wieder einmal viele gute Talente im Team. Und mit dem bekannten und geschätzten Trainer Roy Hodgson hatte man das Gefühl, dass die Mannschaft endlich wieder einmal etwas Grosses leisten kann. Aber auch diesmal waren die "Three Lions" schwach wie immer.

Woran liegt das?
Kurth:Viele Spieler können sich in der Premiere League nicht richtig entfalten. Viele Talente erhalten zu wenig Spielpraxis und haben immer mehr Konkurrenz durch Spieler aus dem Ausland. Zudem spielt kaum einer der Engländer in einer anderen europäischen Liga. Das wäre aber für die Entwicklung von einigen Spielern förderlich. Im Ausland könnten die Talente so vermehrt zum Einsatz kommen und gleichzeitig Erfahrungen sammeln. Das wiederum könnte ein Gewinn für die Nationalmannschaft sein. Ein weiterer Grund könnte in den konservativen Trainingsmethoden der englischen Manager liegen. Kaum einer ist offen für Neues.

War Roy Hodgson zu vorsichtig?
Kurth: Ja. Das sah man deutlich an seiner Aufstellung. Er hat jenen Spielern vertraut, die ihn während der Qualifikationsphase überzeugt haben. Einem Raheem Sterling zum Beispiel. Der Mittelfeldspieler hatte keine gute Saison gespielt und war meiner Meinung nach nicht in Form. Das hat sich dann in den Gruppenspielen bewahrheitet. Für mich gab es keinen Grund, ihn von Anfang an auflaufen zu lassen. Doch Hodgson tat dies. Der englische Coach wäre mit Jamie Vardy besser bedient gewesen. Der Stürmer, der mit Leicester Meister wurde, hatte deutlich mehr Zug aufs Tor und zeigte die bessere Leistung.

Wird die Niederlage Auswirkungen haben auf die englische Nationalmannschaft?
Kurth:Abwarten und Tee trinken. Ob der neue Coach viel ändern kann, ist aber fraglich.