FUSSBALL-EM: «Der Sieg hat Energie freigesetzt»

Das Schweizer Nationalteam braucht heute gegen Frankreich einen Sieg, um die Viertelfinals zu erreichen. Lara Dickenmann trifft dabei auf alte Bekannte. Die Luzernerin spielte sechs Jahre bei Lyon.

Christian Finkbeiner (sda), Breda
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Die Nationalspielerinnen Lara Dickenmann (rechts) und Viola Calligaris fahren mit dem Velo zum Training. (Bild: Salvatore Di Nolfi/KEY)

Die Nationalspielerinnen Lara Dickenmann (rechts) und Viola Calligaris fahren mit dem Velo zum Training. (Bild: Salvatore Di Nolfi/KEY)

Christian Finkbeiner (SDA), Breda

Die grössten Erfolge ihrer Karriere feierte Lara Dickenmann mit Olympique Lyon. Sechs Meistertitel und zwei Champions-League-Trophäen gewann die 31-jährige Fussballerin aus Kriens während ihres Engagements bei der französischen Equipe, die auch in dieser Saison wieder in der europäischen Königsklasse triumphierte. Dickenmann hat mit den Stars von Les Bleues wie Captain Wendie Renard, Eugénie Le Sommer oder Amandine Henry zusammengespielt. Noch heute pflegt sie mit ehemaligen Teamkolleginnen Kontakt, einige sind zu guten Freundinnen geworden. «Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich bei Lyon spielen durfte.» Sie bewundere das Land, liebe die Art des Fussballs und die Kultur. «Es war eine sehr schöne Erfahrung.»

Heute schlägt Dickenmanns Herz für einmal aber nicht für Frankreich. Die Freundschaften werden für 90 Minuten ausgeblendet. Im Zweikampf zwischen der Schweiz und Frankreich heisst es für beide Teams Verlieren verboten, wobei die Schweiz gewinnen muss, um in die Viertelfinals einzuziehen. Klar sei es ein spezielles Spiel, sagte Dickenmann. Sie freue sich, alle wieder einmal zu sehen. «Aber sonst ist es ein Gegner wie jeder andere auch.»

Immer Favorit, immer gescheitert

Auch für die Französinnen verlief das bisherige Turnier noch nicht nach Wunsch. Nach dem 1:0 gegen Island dank eines umstrittenen Penaltys in der Schlussphase mühten sie sich gegen Österreich trotz Chancenplus nur zu einem 1:1. «Wenn eine Mannschaft tief steht und die Räume eng macht, bekunden sie Mühe», so Dickenmann. «Auch sie sind nicht zufrieden und befinden sich in einem Prozess.» Einmal mehr tut sich Frankreich an einer Endrunde mit der Mitfavoritenrolle schwer. Ob an der EM 2014, an der WM 2015 oder an den Olympischen Spielen 2016, immer scheiterten die Französinnen in den Viertelfinals. «Sie haben eine Weltklasse-Mannschaft, schaffen es aber trotzdem nicht zu überzeugen.» Ein Grund, warum die Nationalmannschaft nicht ähnlich erfolgreich wie die Clubteams ist, liegt laut Dickenmann im mentalen Bereich.

«In Deutschland musst du jedes Wochenende kämpfen. Lyon hingegen liegt in der Liga meistens nach zehn Minuten bereits mit 1:0 in Führung.» Zudem verfügt Lyon mit der Deutschen Dzsenifer Marozsan, der Norwegerin Ada Hegerberg, Alex Morgan aus den USA und der Kanadierin Kadeisha Buchanan über sehr starke Ausländerinnen. «Diese fehlen in der französischen Nationalmannschaft.» Dickenmann ist überzeugt, dass die Schweiz Frankreich besiegen und ihr Ziel, die Viertelfinals, trotz der Auftaktniederlage gegen Österreich noch erreichen kann. Je länger es 0:0 steht, desto nervöser werde Frankreich, so Dickenmann. «Zudem hat der Sieg gegen Island bei uns Energie freigesetzt.» Dickenmann selbst hatte als Captain Verantwortung übernommen und gehörte in ihrem 121. Länderspiel zu den Besten. «Ich hatte mir vorgenommen, als Leaderin voranzugehen und zu kämpfen.»

Keine körperlichen Probleme mehr

Mit ihrem Tor, dem ersten einer Schweizerin in der EM-Geschichte, löste sie die Verkrampfung im Schweizer Offensivspiel. «Es war ein sehr emotionaler Moment», sagte Dickenmann, die in der ewigen Schweizer Bestenliste wieder zu Ana-Maria Crnogorcevic aufschloss (47 Tore). «Ich wollte unbedingt zeigen, dass ich da bin und für das Team entscheidend sein kann.»

Wie bereits an der WM vor zwei Jahren in Kanada kämpfte Dickenmann auch im Vorfeld des Turniers in den Niederlanden mit muskulären Problemen. Erst zehn Tage vor Turnierstart konnte sie voll ins Training einsteigen, die beiden Partien gegen Österreich und Island verdaute ihr Körper aber zum eigenen Erstaunen gut. Zum Glück für die Schweiz, denn eine fitte Dickenmann ist nicht ersetzbar – vor allem gegen Frankreich nicht.