Fünf Fahrer für einen Titel

Wenn es dunkel wird in Singapur, schieben die Formel-1-Piloten Nachtschicht. Der von Flutlicht erleuchtete Stadtkurs ist für die Fahrer eines der härtesten Rennen des Jahres. Und der perfekte Schauplatz, um den WM-Endspurt einzuläuten.

Ruth Müller
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Mark Webber, der australische WM-Leader, hat in seiner neunten Formel-1-Saison alle verblüfft. (Bild: epa/Srdjan Suki)

Mark Webber, der australische WM-Leader, hat in seiner neunten Formel-1-Saison alle verblüfft. (Bild: epa/Srdjan Suki)

Automobil. 125 WM-Punkte kann ein Fahrer in den letzten fünf Rennen maximal noch gewinnen – aber auch verlieren. Die Eventualitäten in der entscheidenden Phase der Formel-1-WM sind ohne technische Hilfsmittel nur von Könnern mit Kopfrechnen zu ermitteln. Kompliziert ist das diese Saison erfundene Punktesystem allemal, das Siege mit 25 Zählern belohnt.

Dass jedoch fünf Rennen vor Schluss noch acht Fahrer – drei davon allerdings nur in der Theorie – für den WM-Titel in Frage kommen, attestiert der neuen Formel ein gutes Zeugnis. Nach 14 von 19 Rennen führt überraschend Mark Webber im Red Bull die Gesamtwertung vor Lewis Hamilton im McLaren, Fernando Alonso im Ferrari, Jenson Button im zweiten McLaren und Sebastian Vettel im zweiten Red Bull an. Die fünf WM-Favoriten im Visier:

Mark Webber (187 Punkte)

Eigentlich war er bei Red Bull nur der alte Mann an der Seite von Titel-Favorit Vettel. Doch der australische WM-Leader hat in seiner neunten Formel-1-Saison alle verblüfft. Der 34-Jährige lieferte nicht nur sehr gute Rennen ab, er war auch weit weniger von technischen Defekten betroffen als sein ehrgeiziger Teamkollege. Vier Siege und fünf Pole Position hat Webber im RB6, dem besten Auto im Feld, herausgefahren.

Das hat nachhaltig Eindruck gemacht: Webber ist inzwischen der meistgenannte Favorit auf den WM-Titel.

Lewis Hamilton (182)

Wie Webber stand auch Hamilton bei 50 Prozent der bislang 14 Saisonrennen auf dem Podium. Der Engländer liefert dem WM-Leader ein Kopf-an-Kopf-Rennen, lediglich fünf Zähler beträgt sein Rückstand auf die Spitze.

In Singapur dürfte ihm sein Auto zum Nachteil geraten: McLaren tat sich dieses Jahr auf ähnlichen, wenig Abtrieb erfordernden Strecken wie Monaco und Budapest schwer. Aber der Weltmeister von 2008 und Vorjahressieger in Singapur ist immer für eine Überraschung gut.

Fernando Alonso (166)

Mit seinem Sieg in Monza hat sich der Spanier wieder ins Titelrennen zurückgebracht. Alonsos Saison ist geprägt von Hochs und Tiefs. Auf ein gutes Rennen folgte im Ferrari meist die Ernüchterung.

Aber Alonso ist im Aufwärtstrend: In den vergangenen vier Rennen holte er, trotz des Ausfalls in Spa, 68 Punkte – mehr als jeder andere Fahrer. In Singapur kehrt der WM-Dritte zurück an den Schauplatz eines der grössten Skandale der Formel-1-Geschichte, in den er verwickelt war. 2008 liess Renault-Teamchef Flavio Briatore Alonsos Kollegen Nelson Piquet gegen die Mauer fahren, um Alonso zum Sieg zu verhelfen. Die Konkurrenz ist gewarnt: Wenn es Erfolg verspricht, ist dem 29-Jährigen jedes Mittel recht.

Jenson Button (165)

Auch wenn es Button nicht gerne hört, dass ihm das alle immer wieder sagen: Der aktuelle Champion bleibt der unauffällige, farblose Fahrer, der sich aufs konstante Punktesammeln spezialisiert hat. Der Brite tut gut daran, in den letzten fünf Rennen aggressiver ans Werk zu gehen. Vom Gejagten zum Jäger, vielleicht fühlt sich der 30-Jährige in dieser Rolle wohler.

Auf seinen McLaren wird er erst nach Singapur wieder grosse Stücke setzen können, auf den Highspeed-Kursen in Japan, Südkorea, Brasilien und Abu Dhabi.

Sebastian Vettel (163)

In Monza vom dritten auf den fünften Rang der Gesamtwertung zurückgefallen, beträgt der Rückstand von Vettel auf Leader Webber mit 24 Punkten weniger als den Gegenwert eines Sieges.

Für technisches Ungemach, aber auch selbstverschuldete Strafen büsste der Deutsche mit Wohnsitz im Thurgau schon mit 100 sicher geglaubten Zählern. Mit 23 Jahren ist Red Bulls Liebling der Jüngste im Bunde der fünf Titelanwärter. Sollte es im Titelkampf zwischen Webber und Vettel noch eng werden, dürfte Vettel vom Team strategisch bevorzugt werden.