Fünf Erkenntnisse, wie Nati-Trainer Petkovic das Nationalteam seit der WM 2018 verändert hat

Die Schweizer Fussballer haben Sehnsucht nach der Weltspitze. Aber wie ist der Umbruch nach der WM 2018 tatsächlich gelungen? Hat Vladimir Petkovic seine Versprechen eingelöst? Eine Analyse vor dem Testspiel in Belgien am Mittwochabend (ab 20:00 Uhr im Liveticker).

Etienne Wuillemin
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Wo steht die Schweizer Nati im Vergleich zur WM 2018?

Wo steht die Schweizer Nati im Vergleich zur WM 2018?

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Die Erinnerung ist schmerzhaft. Das 0:1 im WM-Achtelfinal gegen Schweden. Die verpasste Gelegenheit, endlich einmal einen Viertelfinal zu erreichen. Doppel-Adler statt Rasen-­Zauber. Es war Nationaltrainer Vladimir Petkovics Glück, dass sein Vertrag bereits bis 2019 verlängert war, und er darum noch eine Chance erhielt, der Schlinge zu entfliehen.

Petkovic versprach, die Schweizer Nati werde künftig mutiger und dynamischer auftreten, den Fans mehr Freude bereiten. Hat er sein Versprechen erfüllt? Das Testspiel gegen Belgien von heute Abend ist der ideale Zeitpunkt für eine Bilanz. Die Erinnerung an diesen Gegner ist süss. Im November 2018 besiegte eine euphorisierte Schweizer Nati die Belgier 5:2, nach 0:2-Rückstand – es war ein wegweisender Abend.

1. Das System – Dreierkette

Die Liebe von Petkovic zur Dreierkette war schon bekannt, als er 2014 Nationaltrainer wurde. Doch nie in den kommenden vier Jahren befand er den Zeitpunkt für richtig, das neue System auch auszuprobieren. Zu wenig valable Innenverteidiger standen zur Verfügung. Zu eingespielt war das 4-2-3-1-System von Ottmar Hitzfeld.

Doch nun haben sich die Zeiten geändert. Mit Schär, ­Elvedi und Akanji stehen drei spielstarke Innenverteidiger zur Verfügung. Zudem kommt auch Rodriguez im Zentrum besser zur Geltung. Das bedeutet: Die Schweiz kann das Geschehen von hinten heraus diktieren.

Im Herbst 2018 probierte Petkovic das System zuerst ­sporadisch aus. Das 5:2 gegen Belgien markierte den Wendepunkt. Die Schweiz begann mit Viererkette, bis zum 0:2. Danach stellte Petkovic auf Dreierkette um – und wurde sofort ­belohnt.

Seither ist er von diesem Grundgerüst nicht mehr abgewichen. Und das Team fühlt sich offensichtlich wohl damit. Dank der spielstarken Verteidigung gelingt es mit wenigen Ausnahmen auch gegen grosse Gegner, optisch dominant zu sein. Die Partie in Spanien vor einem ­Monat war die Ausnahme.

2. Die Verjüngung

Lichtsteiner, Behrami, Dzemaili, Gelson Fernandes, Djourou – es sind fünf Gesichter, welche die Nati lange Jahre prägten. Manch einer fragte sich schon vor der WM, ob nicht die Zeit für einen Umbruch gekommen wäre. Doch es brauchte die Enttäuschung von Russland, ehe sich Petkovic dazu durchrang.

Rücktritt im Sommer: Nach dem Karrierenende von Stephan Lichtsteiner ist der Umbruch in der Nati abgeschlossen.

Rücktritt im Sommer: Nach dem Karrierenende von Stephan Lichtsteiner ist der Umbruch in der Nati abgeschlossen.

Keystone

Dafür ging er den Umbruch nun umso entschlossener an. ­Etwas zu entschlossen für den Geschmack von Behrami, der verärgert zurücktrat, als er von Petkovics Plänen hörte. Der Umbruch war gewiss nicht souverän moderiert. Auch Captain Lichtsteiner wusste lange nicht mehr, woran er bei Petkovic war, ehe er diesen Sommer zurücktrat. Dzemaili und Djourou wurden einfach nicht mehr aufgeboten. Ohne ein Zeichen des ­nahenden Endes zu erhalten.

Nun ist der Umbruch abgeschlossen und man darf feststellen: Von den Teamstützen ist keiner älter als 29 Jahre alt, Torhüter Sommer ausgenommen. Mit Xhaka, Schär, Rodriguez, Freuler (alle 28), Shaqiri und ­Seferovic (beide 29) bilden Spieler im besten Fussballalter das Gerüst. Ergänzt werden sie von Akteuren, die ihre besten Tage noch vor sich haben und trotzdem schon immense Erfahrung aufweisen, Beispiele Zakaria, Embolo (beide 23), Elvedi (24) oder Akanji (25). Es ist in der Summe eine Mannschaft, die in dieser Zusammensetzung noch einige Jahre spielen könnte. Das sind erfreuliche Aussichten.

3. Die Rolle von Shaqiri

Dass die Zeit von Xherdan Shaqiri als Flügelspieler abgelaufen ist, hätte Petkovic schon vor dem WM-Achtelfinal gegen Schweden erkennen müssen. Sein Spielwitz kommt in der Mitte am besten zur Geltung. Ein genialer Pass hier, eine überraschende Drehung da – Shaqiri ist noch immer jener Akteur, der in der Offensive am ehesten für den Unterschied sorgen kann.

Am besten in der Mitte: Xherdan Shaqiri

Am besten in der Mitte: Xherdan Shaqiri

Keystone

Nun ist Petkovic daran, Shaqiris Rolle weiter zu justieren. Die Frage ist: Wie viele Freiheiten verträgt es für ihn auf dem Feld? Weil Shaqiri bei Liverpool noch immer nur wenig Spielzeit erhält, streut er entsprechend auch einmal schlimme Fehlpässe ein. Doch Petkovic ist bereit, Risiken einzugehen. In Deutschland stellte er Shaqiri gar zusammen mit zwei Stürmern auf. Der Einsatz ist hoch, aber die Wette könnte aufgehen.

4. Die erweiterte Stammelf

Jahrelang war die fehlende Ausgeglichenheit eines der grössten Schweizer Probleme. Sobald das Team mit Verletzungen oder Sperren zu kämpfen hatte, folgte der Qualitätsverlust. Darum hat Petkovic als Ziel ausgerufen, bis zur EM mindestens «14 oder 15 Stammspieler» zu haben.

Ein Beispiel für die neue Ausgeglichenheit: Mario Gavranovic überzeugte in den letzten Spielen.

Ein Beispiel für die neue Ausgeglichenheit: Mario Gavranovic überzeugte in den letzten Spielen.

Martin Meissner / AP

Es könnte tatsächlich gelingen. Akanji ergänzt die Abwehr zum gleichwertigen Quartett, Zakaria das Mittelfeld und ­Gavranovic den Sturm jeweils zum Trio. Die Aussenläuferpositionen sind doppelt besetzt. Und vielleicht gelingt ja weiteren Jungen wie Vargas, Itten, Ajeti oder Sow der baldige, dauerhafte Durchbruch.

5. Immer wieder: Ausprobieren – zum Beispiel beim Pressing

Manchmal hatte man in diesem Herbst das Gefühl, die Schweizer wollten sein wie Bayern München, derart exzessiv betrieben sie ihr Pressing teilweise. Gut gegangen ist es nicht immer. Manch ein Fehler war unnötig. Doch vermutlich muss man solche Erfahrungen auf dem Weg zur Weltspitze machen. Entscheidend ist, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Heisst: An einer EM nicht plötzlich etwas erzwingen zu wollen.

In dieser Woche will Petkovic in den Duellen mit Belgien, Spanien und der Ukraine noch einmal einige Dinge ausprobieren. Sowohl personell wie taktisch. Bei aller Unbill, falls die Schweiz tatsächlich aus der Nations League Liga A absteigen sollte - es ist der richtige Zeitpunkt für Experimente. Schliesslich beginnt im März bereits die WM-Qualifikation für Katar 2022.

Das Fazit:

Fakt ist aber auch: Die Schweizer Sehnsucht nach der Weltspitze ist ungebrochen. Im Jahr 2020 steht in fünf Spielen noch kein Sieg zu Buche. Gleichwohl sagt Petkovic: «Wir sind im Vergleich zur WM 2018 näher an der Weltspitze dran.» Das hat durchaus mit seiner guten Trainer-Arbeit zu tun. Aber Petkovic ergänzt eben auch: «Es sind die Kleinigkeiten, die am schwierigsten zu verbessern sind.»

Zu einem Exploit fehlte zuletzt stets etwas. Aber vielleicht haben sich die Schweizer die perfekte Leistung ja noch aufgespart.

Zur Erinnernung: Das war die 5:2-Gala der Schweizer gegen Belgien