Freundschaftsspiel
Urs Fischer und die Vergangenheit – zwischen Erfahrung und Erinnerung

Der FC St.Gallen testet heute gegen den 1. FC Union Berlin. Der Schweizer Urs Fischer ist Trainer des Bundesligisten. Und hat eine Ostschweizer Vergangenheit. Er blickt vor dem Spiel zurück auf seine Zeit in der Ostschweiz.

Renato Schatz
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Steht seit Sommer 2018 für Union Berlin an der Seitenlinie: Urs Fischer.

Steht seit Sommer 2018 für Union Berlin an der Seitenlinie: Urs Fischer.

Bild: Andreas Gora/dpa

Wenn Urs Fischer am Telefon über seine Zeit in St.Gallen spricht, sagt er häufig «Erfahrung» und nur einmal «Erinnerung». Damals, 1987, verliess Fischer erstmals Zürich. Er sagt: «Ich habe das erste Mal allein gewohnt, musste mich durchsetzen, das Alleinsein und auch Vorurteile aushalten. Das hat mich geprägt.» Er trug acht Jahre Grün und Weiss und blieb elf Jahre in der Ostschweiz, in Flawil. Fischer:

«Es war eine fantastische Zeit, an die ich mich gerne zurückerinnere»

Da ist sie, die Erinnerung.

Dass der 55-Jährige ansonsten viel von Erfahrung statt von Erinnerung spricht, liegt wohl an Fischers Wesen. Es ist, als begreife er die Erfahrung als das, was passiert, wenn man aus den Erinnerungen die richtigen Schlüsse zieht. Lernen statt schwelgen. Vielleicht hat man als Fussballtrainer auch keine Wahl. Denn Fischer sagt: «Mannschaften und Trainerteams verändern sich laufend. Das ist nun einmal so.» Überdies sei das Leben als Fussballtrainer «zeitintensiv». Er habe zwar noch Kontakte in die Ostschweiz. «Aber natürlich verliert man sich irgendwann auch aus den Augen.»

Im Januar 2020 gewann St. Gallen 2:1 gegen Union

Also: Lernen statt schwelgen. Und doch: Fischer vergisst nicht. Über das Spiel gegen den FC St.Gallen sagt er: «Im Januar 2020 hat er mit 2:1 gegen uns gewonnen.» Damals trafen Cedric Itten und Ermedin Demirovic für die St.Galler. Diese beiden Stürmer, die dem Klub noch immer fehlen, weil sie vorletzte Saison zusammen 33 Tore schossen und ein Selbstverständnis in diese Mannschaft brachten, das sie seither nicht mehr fand. Schöne St. Galler Erinnerungen.

Der FC St.Gallen trat damals mit seiner Stammformation an. Wohl auch deshalb sagt Fischer: «Sie nehmen dieses Spiel ernst. Das ist genau, was ich mir wünsche.» Es gehe vor allem um die Spieler, «die nicht so viele Minuten bekommen haben». Union wird entsprechend nicht in Bestbesetzung auflaufen.

Die Bestbesetzung der Köpenicker hat am vergangenen Wochenende mit 2:1 in Mainz gewonnen. Es ist Unions dritte Saison in Folge in der Ersten Bundesliga. Vergangene Saison schloss der Klub auf Rang sieben ab, der zur Qualifikation für die neu geschaffene Conference League berechtigte. Die Qualifikation hat Union überstanden, die Berliner stehen in der Gruppenphase, wo sie unter anderem auf Feyenoord Rotterdam treffen.

Max Kruse ist der Star des Teams.

Max Kruse ist der Star des Teams.

Bild: Torsten Silz/dpa

Viel ist passiert, seitdem Fischer im Sommer 2018 übernahm. Aufstieg, Klassenerhalt, Qualifikation für den Eurocup. Hat sich der Verein, der mit seinen drei Stehrampen und den lauten Zuschauern gerade von Romantikern gemocht wird, verändert? Fischer: «Nein, so nehme ich zumindest das nicht wahr.» Doch sie hätten all das, Aufstieg, Klassenerhalt und Europapokal genutzt, «um Erfahrungen zu sammeln».

Spiele gegen die Berliner sind unangenehm

Union gilt nach wie vor als unangenehmer Gegner. Nur drei Mannschaften in der Bundesliga haben in der bisherigen Spielzeit weniger Ballbesitz als die Köpenicker. Dafür laufen die Unioner sehr viel, Platz drei im ligaweiten Vergleich. Wer gegen Union spielt, hat häufig den Ball, aber selten Chancen. 40 Prozent ihrer Tore erzielten die Berliner vergangene Saison nach ruhenden Bällen. Union ist sich treu geblieben und hat doch aus den Erfahrungen Schlüsse gezogen. Die Mannschaft ist schwerer auszurechnen als während der Aufstiegssaison. Das liegt auch am auf und neben dem Platz auffälligen Max Kruse.

Und wie hat sich Fischer verändert, seitdem er Bundesligatrainer ist? Er sagt: «Da muss man andere fragen. Wichtig ist, dass man überall, wo man tätig ist, Erfahrungen sammelt.»

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