Fremde Schriften entdecken

FRAUENFELD. Alle Kulturen kommunizieren mit Sprache, aber nicht alle Kulturen haben eine eigene Schrift entwickelt. Wie Amharisch, Bengali oder Koreanisch aussieht – und gesprochen wird –, zeigt Frauenfelds Bibliothek der Kulturen in einer Ausstellung.

Dieter Langhart
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Ana Maria Witzig, Präsidentin Bibliothek der Kulturen. (Bild: Reto Martin)

Ana Maria Witzig, Präsidentin Bibliothek der Kulturen. (Bild: Reto Martin)

Wer hat nicht Antoine de Saint-Exupérys wunderschöne Geschichte «Der kleine Prinz» gelesen – auf Deutsch oder in seiner Muttersprache. In so vielen Sprachen der Welt ist sie bekannt – und in den Schriften gedruckt worden, die zu ihnen gehören. Für die Interbiblio, den Dachverein der interkulturellen Bibliotheken der Schweiz, ist es deshalb nahe gelegen, anhand eines Kapitels dieser Geschichte zu zeigen, wie fünfzehn Schriften aus der ganzen Welt aussehen. Die Ausstellung «Schriften der Welt» ist erstmals an der BuchBasel 2011 gezeigt worden, jetzt kommt sie nach Frauenfeld.

Anschaulich und sinnlich

Denn hier ist die Bibliothek der Kulturen daheim, in einem Raum des Saponehauses. Noch. «Im Mai oder Juni ziehen wir in den Quartiertreff am Talbachplatz», sagt Präsidentin Ana Maria Witzig. Für die Verzögerung waren Einsprachen gegen das Quartierzentrum verantwortlich (die TZ berichtete). Da wird mehr Platz für die bald dreitausend Bücher sein, und Bibliothek, Quartiertreff und die Fachstelle für Integration wollen im interkulturellen Bereich enger zusammenarbeiten.

Noch vor der Eröffnung des Treffs am 20. April lockt die Wanderausstellung – nicht ins Saponehaus, sondern ins Gebäude der kantonalen Verwaltung. Da stehen vom 4. März an dreissig Würfel zwischen den Glasfenstern, je zwei für die fünfzehn Schriften, die vorgestellt werden – die in den interkulturellen Bibliotheken am stärksten vertretenen. Die Schau konzipiert haben nicht Sprachwissenschafter, sondern Mitarbeiterinnen der interkulturellen Bibliotheken, und das macht sie anschaulich, begreiflich, sinnlich.

Eine kleine Tür lässt sich öffnen, dann erklingt ein Kapitel aus «Der kleine Prinz» in Amharisch aus Äthiopien oder Tigrinya aus Eritrea, in Arabisch oder Bengali, Tamilisch oder Tibetisch. Die Sprecherinnen und Sprecher geben am Schluss an, woher sie stammen. Vertreter der Sprachen werden zeigen, wie aus ihrem Alphabet Wörter und Sätze entstehen – und Besucher können ihr Lieblingswort nennen und es in der gewünschten Schrift mitnehmen, sagt Ana Maria Witzig-Marinho, die aus Portugal stammt und seit mehr als vierzig Jahren in der Schweiz lebt.

Wie schwierig ist Chinesisch?

Sie und ihr Team von der Bibliothek der Kulturen haben alle Schulleiter und Lehrerinnen eingeladen, mit ihren Schülern fremde Alphabete spielerisch zu entdecken. Ins Begleitprogramm gehören zwei Referate in der Kantonsbibliothek gleich nebenan. An der Vernissage zeigt Jürg Trippel von der PMS Kreuzlingen auf, wie sich die Schriften in Europa entwickelt haben; später erklärt Chin-Yunn Yang, ob Chinesisch superschwer oder kinderleicht ist. Und das Cinema Luna stimmt mit zwei Filmen aus Tunesien auf die Ausstellung ein (siehe Text unten).

Arabisch, Córdoba, 14. Jh. (Bild: pd)

Arabisch, Córdoba, 14. Jh. (Bild: pd)