Freiheit und Vielfalt als Luxus

KREUZLINGEN. Jürg Schoop blickt zurück auf gegen sechzig Jahre Schaffen: Seine vorläufig letzte Werkschau zeigt vor allem seine gesamte Malerei – das Konzentrat einer langen Auseinandersetzung mit der Frage: Wie mache ich Kunst?

Barbara Fatzer
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«Die Malerei ist nicht die Spitze, zu der die Existenz drängt, sondern die Existenz selber», schrieb Jürg Schoop 1962 in seinem selbst verlegten Buch «Paintings 1951–2004». (Bild: Nana do Carmo)

«Die Malerei ist nicht die Spitze, zu der die Existenz drängt, sondern die Existenz selber», schrieb Jürg Schoop 1962 in seinem selbst verlegten Buch «Paintings 1951–2004». (Bild: Nana do Carmo)

Ob die Venenklinik Bellevue ein geeigneter Ort sei für diese Werkschau, diese kritische Frage weist Jürg Schoop sofort ab: Als das Bellevue noch ein Sanatorium war, wurden da die schwierigen Männer weggeschlossen. «Das passt gut zu mir», meint der Künstler feinsinnig, «da hätten mich früher gern einige gesehen, als ich mit dem künstlerischen Schaffen anfing.»

Das war denn auch Jürg Schoops Einzigartigkeit wie Auffälligkeit. Er ging von den 60er-Jahren an einen ganz eigenen Weg, ohne Rücksicht auf Gewinn oder Anerkennung. Nicht nur beschränkte er sich nicht einzig auf die bildnerische Ausdrucksweise, wozu auch Filmen und Fotografieren gehörte; hinzu kamen auch literarische Arbeiten und Musik, später mit der Wiedingpress in Frauenfeld noch ein verlegerischer Einsatz.

Die Ästhetik des Abfälligen

In der jetzigen Übersicht – wenn auch nicht konsequent chronologisch – ist die Entwicklung des suchenden Malers nach der eigenen Ausdrucksweise gut ablesbar. Anfangs noch expressionistisch inspiriert, zeigen sich erste farbige Bilder und Zeichnungen aus den 50er-Jahren, um dann zwischen 1960 bis 1970 konsequent in abstrakte Farbgebungen zu wechseln. Und schon bald tauchen Collagen auf, die Jürg Schoop bis heute als eine für ihn brauchbare Technik einsetzt und sie bis jetzt konsequent durchzieht.

Hier zeigt sich auch am besten, was das Charakteristische, das Erkennbare in seinem gesamten bildnerischen Werk ist: Er löst bestimmte Ordnungen auf, bedient sich dessen, was andere entsorgt oder zerstört haben, um damit, frisch angeordnet, eine ästhetisch ansprechende, neue Bildordnung mit einer starken Aussage zu machen. Besonders augenfällig ist das bei den Assemblagen aus ehemaligen Verpackungen mit ihren Gebrauchsspuren und malerischen Eingriffen. Sie hat Jürg Schoop 1985 im Kunstmuseum ausgestellt, als er nach den wilden Zürcher Jahren in den Thurgau zurückkehrte.

Das Ende der Malerei

Anfang der 90er-Jahre spürte Jürg Schoop, dass sich das Malen für ihn erschöpfte. Er ging deshalb dazu über, das Bildhafte in seiner nächsten Umgebung zu suchen und hervorzuheben in seinen «Found Paintings». Damit schärfte er für sich wie die Betrachter den Blick für das, was scheinbar der Zufall produzierte. Da gibt es die rätselhaften Zeichen auf Wänden oder Puffern (Fotografien), abblätternde Farbschichten auf Alltagsgegenständen oder ganz neu eine ungewohnte Sicht auf Böden in Kunsträumen, die so wohl noch niemand gesehen hat.

Dies ist auch ein Charakteristikum in Schoops Werken, dass solche ironischen Zwischenbemerkungen oder Gesellschaftskritisches in seinen Kompositionen aufblitzen. Und dann heisst es 1992: «End of Paintings», es gibt ein paar letzte Malereien, und dann ist dieses Thema abgeschlossen. Damit fordert sich der Künstler auch selbst auf, die nicht mehr brauchbaren Bilder aus seinem Depot zu entfernen. Er zerreisst solche Blätter, um sie wegzuwerfen, und siehe da: Sie formen sich wie von selbst zu einer Collage, die so der Malerei ein Denkmal setzt. Und es geht weiter, aus dem Verbrauchten entsteht wie in der Natur wieder etwas Neues, das für eine Weile Bestand hat.