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Die Frauenfussball-WM zieht Fernsehzuschauer in den Bann – und die Schweiz droht, hinterherzuhinken

Nie haben mehr TV-Zuschauer ein Turnier der Frauen verfolgt. Doch was muss die Schweiz tun, um nicht den Anschluss zu verlieren?
Sébastian Lavoyer
Fussball wird in den USA vor allem von Frauen praktiziert. (Bild: Philippe Perusseau/Keystone, Reims, 24. Juni 2019)

Fussball wird in den USA vor allem von Frauen praktiziert. (Bild: Philippe Perusseau/Keystone, Reims, 24. Juni 2019)

Die Frauen kicken in Frankreich und die Welt schaut gebannt zu. 433 Millionen Mal wurden die offiziellen Fifa-Kanäle während der Gruppenphase geklickt, insgesamt rechnet die Fifa mit über einer Milliarde TV-Zuschauern während des Turniers, noch vor vier Jahren waren es 750 Millionen. Nie hat der Frauenfussball mehr Leute in seinen Bann gezogen, nie hat er mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Gut möglich, dass all dies erst der Anfang ist. Schon vor mehr als einem Jahr schwärmte Uefa-Präsident Aleksandar Ceferin: «Frauenfussball hat ein unbegrenztes Potenzial.» Nicht ganz so weit geht Tatjana Haenni. Sie ist seit letztem Sommer Ressortleiterin Frauenfussball beim Schweizerischen Fussballverband. Aber auch Haenni spürt Aufwind für den Frauenfussball. Sie sagt:

«Ich sehe bei den Frauen das gleiche Potenzial wie bei den Männern.»

Die Zahlen dazu: Von 282'000 registrierten Fussballerinnen und Fussballern im Jahr 2017 waren nur knappe 10 Prozent Frauen. Ganz anders das Bild der kickenden Frauen in den USA. 1,7 Millionen registrierte Fussballerinnen gibt es dort, das entspricht bei total 4,2 Millionen Fussballern 40 Prozent. Die Amerikanerinnen sind im Fussball die Weltnummer 1, die Ami-Männer dagegen belegen bloss Platz 30. Das macht die USA zu einem Vorbild, wenn auch zu einem unerreichbaren.

«Enorm viele Fans aus den USA»

So gab es gesetzliche Entwicklungen, die dem Frauenfussballs zugute kamen. Wie die Einführung von «Title IX», einem Gesetz, das im Jahr 1972 in Kraft trat und die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts an Schulen und Universitäten verbietet, die öffentliche Gelder bekommen. Er gilt für alle Fächer, also auch Sport.

Der Frauenfussball hat speziell profitiert, weil zwar die Strukturen vorhanden waren, der Sport aber nicht männlich dominiert war. Während sich die Männer in Europa über ihre Fussballerinnen lustig machten, holten die Amerikanerinnen 1991 den ersten Weltmeistertitel im Frauenfussball. «Damit haben sie einen Boom ausgelöst. Frauenfussball wurde in den USA zum Sport der Mittelschicht», sagt Martina Voss-Tecklenburg, die deutsche Nationaltrainerin (siehe rechts).

Der Boom hält an. Schon vor Turnierstart haben die Amerikaner 130'000 Tickets verkauft. Mehr als die restlichen 22 Teilnehmerländer (ohne Gastgeber Frankreich) zusammen. «Es ist enorm, wie viele Fans aus den USA dabei sind», sagt Voss-Tecklenburg. Die Spielerinnen sind in der Heimat Stars, grosse Figuren. WM-Topskorerin Alex Morgan verdient mit Werbeverträgen Millionen. Capitaine Megan Rapinoe ist eine Ikone und legt sich mit dem Präsidenten an.

Natürlich, auch die Schweiz hat ihre Stars. Rekord-Nationalspielerin Lara Dickenmann, Ramona Bachmann, Ana-Maria Crnogorcevic oder Shootingstar Alisha Lehmann. Im Grossen und Ganzen aber hinkt die Schweiz hinterher. Letztes Jahr waren nur zwei Spielerinnen von Servette als Profis registriert, ein Grossteil der Nationalspielerinnen (derzeit 16 von 25) sind im Ausland unter Vertrag. Der Lohn ist dort besser, die Bedingungen auch. Was braucht es, damit unsere Frauen nicht den Anschluss verlieren? Haenni sagt:

«Wir müssen mehr Spielerinnen ausbilden, das vereinfacht die Talentförderung.»

Darum müsse es für Mädchen und Frauen einfacher werden, Sport und Ausbildung oder Beruf gleichzeitig auszuüben. Denn Vollprofis wie in den USA wird es im Schweizer Frauenfussball so schnell kaum geben. Zu klein ist der Markt, zu wenig entwickelt sind die Strukturen. Vor allem im Footeco-Bereich, der Talentförderung bis 14 Jahre, sieht Haenni grosses Potenzial. Die Frauenfussball-Verantwortliche sagt:

«Das Bewusstsein ist noch nicht da, dass da auch Mädchen reingehören.»

Nicht zuletzt aber braucht es Erfolg. Haenni weiss: «Wir müssen uns unbedingt für die EM in zwei Jahren qualifizieren.» Das wird schwierig genug, der Sport entwickelt sich derzeit in ganz Europa rasant.

Verpasste das SRF eine Chance?

Der Erfolg ist zentral für die Sichtbarkeit des Sports. Das SRF zeigt zwar fast die Hälfte der WM-Spiele, aber nur das Eröffnungsspiel, die Halbfinals und der Final werden im TV und mit Kommentar ausgestrahlt. Den Rest der Partien gibt es unkommentiert im Online-­Livestream. 2015 hat das SRF alle Spiele der Schweizer Frauen-Nationalmannschaft und 15 weitere WM-Spiele live gezeigt. «Der Schweizer Aspekt fehlt dieses Mal und der ist für unsere Berichterstattung sehr zentral», so SRF-Sportchef Roland Mägerle.

Für Haenni haben die Fernsehmacher «eine Chance verpasst». «Der Frauenfussball bewegt die Massen. Es ist weltweit der grösste Frauensportanlass.» Trotz der Konkurrenz von ARD, ZDF oder dem französischen TV, die viele Spiele mit Live-Kommentar zeigen, kommt auch das SRF auf durchschnittlich 15'000 Stream-Starts pro Spiel. Deutschland gegen China verzeichnete gar mehr als 60'000. Hat das SRF den Boom nicht erkannt? Mägerle wehrt sich: «Wir haben noch nie so umfangreich von einer Frauenfussball-WM gesendet.» Zudem zeige man alle Spiele der Frauen-Nati live.

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