FORTSCHRITTT: Selbstverständliches Wunder

Davos besiegt Jekaterinburg 3:1 und spielt heute gegen Lugano um den Einzug in den Spengler-Cup-Final. Das spricht für die Qualität des Schweizer Eishockeys.

Klaus Zaugg/Davos
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Klaus Zaugg/Davos

Zwei Titanen des helvetischen Hockeys aus dem vergangenen Jahrhundert haben das Spiel als Studiogäste unseres staatstragenden Fernsehens begleitet. Was zum Nachdenken anregt. Mit ein bisschen Boshaftigkeit – wofür wir uns sogleich entschuldigen – können wir sagen: Der 51-jährige Felix Hollenstein und der 53-jährige Roman Wäger wirkten bei der Betrachtung des Spektakels ein wenig wie die Herren Walldorf und Statler in der Loge der Muppet Show. Die beiden Zürcher personifizieren eine Zeit, als wir gegen die Russen chancenlos waren. Wenn wir zurückblicken auf diese Zeit, kann es einem ob der Entwicklung unseres Hockeys fast schwindlig werden.

1984 besiegte Davos am Spengler-Cup erstmals ein russisches Team. Trainer Dan Hober führte den HC Davos zu einem wundersamen 5:4 gegen Chimik Woskresensk – und im Frühjahr 1985 zum zweiten Meistertitel in Serie. Die Väter des Sieges waren allerdings die Gäste: Fünf aus­ländische Verstärkungsspieler, meistens in einem Block zusammengefasst. Die Analysen in den Medien, die damals noch ausschliesslich gedruckt wurden, waren seitenlang. Der Preis für das Wunder war hoch – anschliessend verloren die entkräfteten Bündner gegen Team Canada 2:9 und gegen Dukla Jihlava 2:13. Dieser Blick zurück lohnt sich, um den gestrigen Triumph des HC Davos zu würdigen. 3:1 gegen Jekaterinburg. Eine Mannschaft aus der grossrussischen Liga KHL. In einer der besten Partien dieser Saison spielte der HC Davos in jedem Bereich auf Augenhöhe mit dem Vertreter der Eishockey-Weltmacht. Technisch, läuferisch und taktisch.

Nicht mehr mit fünf, sondern nur noch mit drei Feldspielern verstärkt – oder besser gesagt: ­ergänzt. Wir haben an diesem Spengler-Cup schon spektakulärere Partien gesehen – aber taktisch noch keine bessere. Zu keiner Zeit ist der HC Davos in Gefahr geraten, die Spielkontrolle zu verlieren. Ja, heute sind wir so weit, dass ein Sieg über eine russische Mannschaft als Selbstverständlichkeit betrachtet wird – Sieg gegen die Russen – na und? Ein selbstverständliches Hockey-Wunder.

Fast wie die erste Mondlandung

Deshalb ist es wieder einmal an der Zeit, die Fortschritte unseres Eishockeys zu würdigen. Hätten wir zu den grossen Zeiten von Felix Hollenstein und Roman Wäger eine solche Leistung prophezeit, wäre die Antwort gewesen: «Ja, ja und die Schweiz feiert mit einem Raumfahrtprogramm die erste Mondlandung.»

Arno Del Curto hat viel Anteil an dieser Entwicklung. Der HC Davos hat gestern jenes Eishockey zelebriert, das er Trainingseinheit für Trainingseinheit einübt und von dem er sich auch durch Rückschläge nicht abbringen lässt: schnell, direkt, präzis – in gewisser Weise total. Und beinahe hätten wir übersehen, dass der erst 20-jährige Gilles Senn im Tor ein sicherer, ruhiger, ja unerschütterlicher Titan war. Senn 1,95 Meter gross und 87 Kilogramm schwer. Goalietrainer Marcel Kull ist drauf und dran, das Goalieproblem der Davoser zu lösen.

Was auch für das Schweizer Eishockey spricht: Der HC Davos ist zurzeit nicht einmal ein Spitzenteam – und spielt heute gegen den Vorjahresfinalisten Lugano um den Einzug in den Final. Lugano hat auf dem direkten Weg in den Halbfinal auch eine russische Mannschaft besiegt. Jekaterinburg unterlag den Tessinern 2:4. Und auch Lugano ist kein Spitzenteam. Wir können nun argumentieren, der Spengler-Cup sei ja kein Titelturnier wie eine WM. Alles sei ein bisschen lockerer. Es werde nicht taktisch gnadenloses Resultateishockey gespielt. Aber es ist durchaus möglich, dass die aktuellen Spengler-Cup-Halbfinalisten Davos und Lugano auf den Plätzen sieben und acht das Playoff in der NLA erreichen und den SC Bern, die ZSC Lions oder Zug herausfordern werden.

Der Spengler-Cup 2016 lehrt uns: Wer die Russen nicht fürchtet, dem muss vor Bernern, Zürchern oder Zugern nicht bange sein. Auch das ein Fortschritt gegenüber der «guten alten Zeit». Als Felix Hollenstein und Roman Wäger die Liga mit dem EHC Kloten in den 1990er-Jahren dominierten und viermal hintereinander – 1993, 1994, 1995 und 1996 – Meister wurden. Da waren die Klotener so überlegen, dass sie die Playoff-Viertelfinalgegner jahrelang in der Pfeife rauchen konnten.