FORMEL 1: «Wir wollen keine brutale Stallorder»

Nach drei einsamen Jahren an der Spitze ist für den Rennstall Mercedes im Frühling 2017 vieles anders. Der Vergleich mit Ferrari bringt ungeahnte Herausforderungen.

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Der Motorsportchef von Mercedes, Toto Wolff, spricht über Gründe für das neue Kräfteverhältnis in der Formel 1 und über eine mögliche Stallorder für den Titelgewinn.

Herr Wolff, nach vier Saisonrennen sehen wir einen spannenden Titelkampf, Ferrari hat zu Mercedes aufgeschlossen. Lewis Hamilton ist im WM-Klassement nur Zweiter. Wie kam das? Hat die jahrelange Überlegenheit Ihr Team gemütlich werden lassen?

Wir haben in den vergangenen Jahren kaum Fehler gemacht, auch keine kleinen. Daran sieht man, dass sich keine Bequemlichkeit eingeschlichen hat. Aber beim neuen Reglement fing alles wieder bei null an. Ferrari hat einen aussergewöhnlich guten Job gemacht, und nur Mercedes fährt jetzt auf Augenhöhe mit. Das ist der eindeutige Beweis unserer Stärke als Team, besonders nach all dem Erfolg in den vergangenen Jahren. Jetzt stehen wir bei Mercedes vor der Herausforderung, besser und schneller zu entwickeln und gleichzeitig unsere Kinderkrankheiten mit dem neuen Auto zu lösen.

Für die Spannung ist all das eine schöne Sache. Welche Rolle spielen zurzeit Lewis Hamilton und Sebastian Vettel für die Aussenwahrnehmung der Sportart?

Die beiden sind einfach zwei der grössten Fahrerpersönlichkeiten der modernen Formel 1. Zusammen sieben Fahrertitel, zusammen fast 100 Siege. Ein Titelkampf zwischen so grossen Fahrern ist natürlich besonders spannend.

Mit dem Sieg in Russland wurde auch Valtteri Bottas zum Titelkandidaten. Dabei sahen ihn einige als Nummer-zwei-Fahrer.

Den Begriff «Nummer-zwei-Fahrer» haben wir bei Mercedes nicht. Es ist schon verrückt, dass man nach drei Rennen über seine Position spekuliert hatte. Man muss dem Kerl auch mal Zeit geben. Es war ein riskanter Schritt für ihn, Lewis Hamiltons Teamkollege zu werden und das Auto des amtierenden Weltmeisters zu übernehmen. Nach nur vier Rennen hat er schon eine Pole-Position und einen Sieg vorzuweisen, in Sotschi war er der hochverdiente Gewinner.

Zuvor in Bahrain war Bottas langsamer als Hamilton gewesen und musste ihn vorbeilassen. Welche Rolle wird die Teamorder im Titelkampf spielen?

Das Thema ist zu Recht sehr kontrovers. Niemand will sehen, dass die Teams in den Wettkampf eingreifen. Es kann aber wie in Bahrain Situationen geben, in denen der eine Fahrer aus verschiedenen Gründen schneller unterwegs ist. Das muss man dann berücksichtigen mit dem Ziel, als Team das Rennen zu gewinnen.

Ein Zurückpfeifen des einen zu Gunsten des anderen Fahrers bei gleichen Möglichkeiten wird es nicht geben? Wie Ferrari es einst mehrfach bei Michael Schumacher und Rubens Barrichello machte?

Nein. Ich glaube, dass es damals auch ein anderes Umfeld war. Heute ist alles transparenter. Deshalb wäre eine so brutale Stallorder nichts, was wir machen wollen oder machen würden.

Thomas Weitekamp (SID)