Folge 16: Lektion 1 – Mord

«Ich möchte mit Ihnen jetzt einen realen Fall durchgehen, den ich vor Jahren selbst zu bearbeiten hatte», sagte Jürg Günters und blickte in drei Reihen aufmerksamer Gesichter. Alles Menschen am Beginn ihrer Zwanziger, die Polizist oder Polizistin werden wollten.

Severin Schwendener
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«Ich möchte mit Ihnen jetzt einen realen Fall durchgehen, den ich vor Jahren selbst zu bearbeiten hatte», sagte Jürg Günters und blickte in drei Reihen aufmerksamer Gesichter. Alles Menschen am Beginn ihrer Zwanziger, die Polizist oder Polizistin werden wollten. Nur ein Ausreisser hatte die Dreissig schon überschritten.

Meine Güte, dachte Günters und fühlte Wehmut. Ich bin mehr als doppelt so alt wie die meisten hier im Raum, und es ist eine Ewigkeit her, dass ich selbst an ihrer Stelle sass. Und trotzdem habe ich nicht den Eindruck, es sei besonders viel Zeit verstrichen. Er bemerkte, wie eine junge Frau dem neben ihr sitzenden Mann eindeutige Blicke zuwarf.

Turteltauben gibt es also auch noch, dachte Günters, seit genau 31 Jahren mit seiner Barbara verheiratet. Vieles ändert sich, aber im Grunde bleibt alles immer gleich. Nur die Rollen ändern sich. Der Alte vorne im Raum, der nicht mehr gut hört und dessen Kreuz schmerzt, der bin jetzt ich.

«Es ging um einen Mord», begann Günters und drückte auf die Fernbedienung, damit der Beamer ein neues Bild auf die Leinwand warf. Die Technik, die hatte sich allerdings fundamental verändert, und Günters hatte oftmals den Eindruck, als hechelte er ihr atemlos hinterher, ohne jemals zu ihr aufzuschliessen.

«Das Opfer war ein Mann, nennen wir ihn Klaus Meier.» Hinten ihm Raum ein kleines Quietschen, zwei weibliche Köpfe, die zusammengesteckt wurden. Günters unterdrückte ein Grinsen, er kam sich gerade vor wie im Film. Wie in seiner eigenen Vergangenheit. Er täuschte ein Husten vor, um sein aufbrandendes Gelächter zu überdecken.

«Meier wohnte in einem kleinen Dorf auf dem Seerücken, an der Strecke von Frauenfeld nach Steckborn. Er war im Kanton kein Unbekannter: Lautstark hatte er sich während Jahren vor allem in Sachen Einwanderung zu Wort gemeldet. Das war in den Neunzigern, als wegen des Krieges in Ex-Jugoslawien Tausende in der Schweiz um Asyl ersuchten.»

Günters machte eine Pause. Er war mittlerweile alt genug, um sehen zu können, wie sich die Geschichte wiederholte. In den Siebzigern die Italiener, die mittlerweile als Schweizer galten. In den Neunzigern die Jugos, die zwar noch nicht als Schweizer galten, aber 90% der Nationalmannschaft stellten. Und jetzt die Deutschen und die Portugiesen. Alles bleibt sich gleich, dachte Günters, nicht zum ersten Mal.

«Meier kämpfte an vorderster Front gegen die sogenannten <fremden Fötzel>, er schrieb Leserbriefe en masse, beschwerte sich bei allen Zeitungen wegen nichtobjektiver Berichterstattung und bei der gesamten Justiz wegen schwachen Vollzugs. Er stand sozusagen permanent vor Gericht und hatte Hausverbot bei der Thurgauer Zeitung. Am liebsten hätten auch wir ihm Hausverbot erteilt, aber damit hätten wir nur Öl ins Feuer gegossen.»

Zwei junge Männer lachten, gut möglich, dass sie jemanden kannten, der jemanden gekannt hatte, der… Der Thurgau war nun mal ein Dorf.

«Eines Tages wurde Klaus Meier mundtot gemacht», gestattete sich Günters ein kleines Wortspiel, «mit der Betonung auf tot. Er war von einer Parteiveranstaltung nach Hause gekommen, es war kurz vor Mitternacht. Man fand ihn am nächsten Morgen auf dem Plattenweg, der von der Garage zur Haustür führte. Man hatte ihm mit einer Axt den Schädel gespalten.» Günters sah die Szene noch vor sich, als wäre es gestern gewesen. Der kleine Mann lag am Boden, die Axt steckte im Schädel, der ganze Weg war voller Blut. Ein paar Flugblätter gegen Asylanten lagen im Garten, der Wind verfrachtete sie langsam gegen Osten.

«Ich habe den Fall zugeteilt bekommen, weil sich niemand sonst die Finger damit verbrennen wollte.» Er zeigte mit dem Finger in die Menge. «Das ist genau die Art Fälle, die man Ihnen zuschanzen wird, wenn sie noch jung sind, wenn Sie noch niemand sind.»

Jetzt war Ruhe im Raum, Günters genoss die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Zuhörerschaft.

«In einem Fall wie diesem, der politisch aufgeladen ist, können Sie eigentlich aus Prinzip alles nur falsch machen. Sie müssen damit umgehen können, dass jeder Furz, der Ihnen entwischt, in die Presse gelangt; dass jeder Fehler, den Sie machen, das Ende Ihrer Karriere bedeuten kann. Und dass Sie persönlich angefeindet werden, weil Sie es nie allen recht machen können.»

Günters lächelte. «Aber genau darum erzähle ich Ihnen das alles. Damit Sie lernen, wie man solche Herausforderungen meistert. Denn, wie Sie sehen, stehe ich immer noch hier.

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