Flüchtling und Topläufer: Wie Dominic Lobalu in St.Gallen für seine Karriere kämpft

Dominic Lobalu floh vor dem sudanischen Bürgerkrieg, dann vor korrupten Laufteam-Managern. Seine lange und komplizierte Reise führte ihn nach St.Gallen.

Ralf Streule
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Der Langstreckenläufer Dominic Lobalu vom LC Brühl: «Ich muss rennen!»

Der Langstreckenläufer Dominic Lobalu vom LC Brühl: «Ich muss rennen!»

Bild: Benjamin Manser

Er hätte es drauf. Doch ob Dominic Lobalu sein riesiges Läufer-Potenzial je an Olympischen Spielen wird ausleben können, steht in den Sternen. Denn da ist seine komplizierte Geschichte als Flüchtling. Und seine noch kompliziertere Vergangenheit im Refugee-Laufteam in Kenia.

In einem Café in St.Gallen erzählt er seine Geschichte – immer wieder mit einem herzlichen Lachen, das nicht zum Erzählten passen will. Er spricht von seiner Vergangenheit, leise, eindringlich, ohne Hast. Obschon er doch eigentlich nur nach vorne schauen will.

1998 wird Lobalu im Südsudan geboren. Neun Jahre später erlebt er die schlimmsten Momente seines Lebens. Soldaten dringen ins Dorf ein. Lobalu sagt:

«Es floh, wer fliehen konnte.»

Mit seiner Schwester schafft er es über die nahe Grenze nach Kenia, ins Flüchtlingslager Kakuma, wo bis heute 150'000 Menschen ausharren. Seine Eltern werden an jenem Tag Opfer des Bürgerkriegs, der bis zur Unabhängigkeit Südsudans 2011 über zwei Millionen Menschen das Leben kostete. Bis heute dauert die humanitäre Katastrophe mit Gewalt und Hungersnöten an.

Lobalu gewinnt Rennen – doch der Lohn bleibt aus

Lobalus neue Heimat auf Zeit wird jedoch Nairobi, Kenias Hauptstadt. Dort erhält das Waisenkind in der Grundschule seine Chance. Für die Highschool aber fehlt danach das Geld. Erst mit 15 Jahren beginnt Lobalu mit dem Laufsport. Dass er das Zeug zu einer grossen Karriere hat, sehen bald alle. Im kenianischen Refugee-Läuferteam, anerkannt vom internationalen Olympischen Komitee (IOC), ist er bald einer der besten.

An der WM in London 2017 nimmt er als 19-Jähriger für das Flüchtlingsteam teil. Er macht aber auch seine schlechten Erfahrungen mit der Läufergruppe. Geld, welches Mittelsmänner der Teamchefs einziehen, erhält er entgegen den Versprechungen nie zurück. Und die Preisgelder, die er gewinnt, verschwinden in irgendwelchen Taschen von Teammanagern. Ihm werden Anteile versprochen, ausbezahlt wird nie etwas, so erzählt es Lobalu.

Auf der Flucht nach einem Rennen in Genf

So ist es auch im Mai 2019, als Lobalu mit seinem Team zu einem 10-km-Rennen nach Genf reist. Er gewinnt das Rennen überlegen in 29:14 Minuten. In Sachen Preisgeld wird er vertröstet, wie so oft. Lobalu sagt:

«Man versprach mir, das Geld werde später in Kenia ausbezahlt. Ich wusste: Das sind wieder leere Versprechungen.»

Zusammen mit zwei Freunden setzt er sich am Morgen nach dem Rennen ab. Einen Tag lang irren die drei ziellos durch die Stadt, um am Abend zumindest für ihn, den jüngsten der drei, eine Schlafgelegenheit zu finden. Die anderen zwei verbringen die Nacht auf der Strasse. Doch wohin am nächsten Tag? Der eine Freund meldet sich bei der Polizei. Die falsche Entscheidung.

Er wird direkt zurück zum Läuferteam gebracht – und sitzt schon kurz darauf im Flugzeug zurück nach Kenia. Lobalu erhält von einem Freund in London per Western-Union-Überweisung Geld zugesendet. Und kann damit für sich und seinen Freund Thiep eine Fahrkarte nach Lausanne bezahlen. Dort hilft ihnen am Bahnhof eine Frau , sie schickt die beiden ins Asylzentrum in Vallorbe. Drei Tage später werden die zwei weiter zum Asyl-Empfangszentrum nach Chiasso verschoben. Dort erklärt Lobalu seinen Betreuern immer wieder:

«Ich muss rennen!»

Über einen dieser Betreuer, einem begeisterten Läufer, können Lobalu und Thiep Kontakte knüpfen, irgendwann auch mit dem St.Galler Markus Hagmann, einst selber ambitionierter Läufer und heute beim Stadtclub LC Brühl Chef des Langstreckenteams. Der Zufall will es, dass Lobalu und Thiep in der Ostschweiz untergebracht werden, in Ennetbühl im Toggenburg.

«Wir sahen sofort: Er ist extrem talentiert.»

Hagmann erinnert sich an den Tag, als Lobalu auf der Leichtathletikanlage im Neudorf im Osten St.Gallens seine ersten Runden drehte. Er sagt:

Markus Hagmann, Chef des Langstreckenteams beim Stadtclub LC Brühl.

Markus Hagmann, Chef des Langstreckenteams beim Stadtclub LC Brühl.

Bild: PD
«Es war beeindruckend. Dominics Bewegungen erinnern mich an den Marathon-Weltrekordhalter Eliud Kipchoge.»

Lobalu lacht bei diesem Vergleich. Und nickt gleichzeitig. Hagmann sagt: «Wir sahen sofort: Er ist extrem talentiert.» Zu Lobalu sagte er damals: «Komm’ wieder!» Lobalu tat es und war bald schon Teil des Brühler Laufteams.

Hagmann hat nicht nur den Läufer, sondern auch den Menschen Dominic Lobalu ins Herz geschlossen. Er erarbeitet Trainingspläne für ihn – lädt ihn aber auch mal zu seiner Familie nach Hause ein. 

Ist der Boden in Ennetbühl tief oder verschneit, gibt es für Lobalu gerade einmal eine Strasse, auf der er trainieren kann. Die Trainingsbedingungen sind nicht ideal, immer wieder reist er mit dem Zug nach St.Gallen, wo er mit den Brühlern Einheiten absolviert. 

«Roger Federer? Wer ist Roger Federer?»

Auf die Frage, was ihn an der Schweiz besonders überrasche, weiss Lobalu nicht, wo er beginnen soll. Hagmann erinnert sich an diese Episode: Als Lobalu bei Hagmanns zuhause in der Stube stand, wunderte er sich darüber, dass nicht nur eine Lampe den Raum ausleuchtete. «Eine Lampe, alleine für den Esstisch?» Der Afrikaner schüttelte sich vor Lachen.

Wie weit Lobalus Leben in einer anderen Welt spielte, zeigt ein anderes Beispiel. Als Hagmann mit ihm über Roger Federer sprechen wollte, fragte Lobalu: «Roger Federer? Wer ist Roger Federer?»

Die Rückkehr ist verbaut, die Zukunft offen

Grenzen sieht Hagmann für Lobalu kaum, und wenn der Flüchtling vom Ziel spricht, irgendwann den Halbmarathon-Weltrekord brechen zu wollen, findet er das nicht allzu abwegig. Laufen öffnet Lobalu in der Schweiz Türen – die Tür zu einem normalen Läuferleben steht dennoch nicht sehr weit offen.

Da er nicht mehr zum offiziellen Refugee-Laufteam gehört, wird er an den Olympischen Spielen nicht teilnehmen dürfen. Und eine Rückkehr kommt für ihn nicht in Frage. Da er sich von der Gruppe in Kenia abgewendet habe, gelte er dort als Abtrünniger. Sogar, als ihn jüngst ein weiterer Schicksalsschlag ereilte, widerstand er der Versuchung, nach Kenia ins Flüchtlingslager zu reisen. Er erhielt Nachricht vom Tod seiner Schwester, er hätte die Beerdigungszeremonie führen sollen. Doch er sagt:

«Würde ich zurückkehren, müsste ich um mein Leben fürchten.»

An seiner Angst änderte auch der Besuch von Tegla Loroupe in der Ostschweiz nichts. Die ehemalige kenianische Marathon-Weltrekordhalterin führt das Refugee-Team – und wollte Lobalu zu einer Rückkehr bewegen. Er weiss, dass es ein Fehler wäre.

In Sitten schneller als Tadesse Abraham

Seit dem vergangenen Mai lebt Dominic Lobalu als Flüchtling in der Schweiz. Seither machte er an etlichen Läufen auf sich aufmerksam. In Sitten hat er kürzlich den Schweizer Topläufer Tadesse Abraham hinter sich gelassen. Er gewann zudem den Murtenlauf wie auch Stadtläufe wie in Amriswil und in St.Gallen. Zuletzt siegte er an der Schweizer Hallenmeisterschaft im St.Galler Athletikzentrum – ausser Konkurrenz – im Rennen über 3000 Meter souverän.