FIFA-GAME: Profis – Amateur 7:0

Seit Dezember schickt der FC St. Gallen zwei Profis an E-Sport-Turniere, an denen die Besten ihres Fachs im Computerspiel «Fifa 17» gegeneinander antreten. Wie stark sie sind, zeigen sie im Vergleich mit einem langjährigen Hobbygamer aus der Redaktion.

Arcangelo Balsamo
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Der virtuelle FC St. Gallen von Bruno Bardelas (sitzend links) tritt gegen Juventus von Hobbygamer Arcangelo Balsamo an. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Der virtuelle FC St. Gallen von Bruno Bardelas (sitzend links) tritt gegen Juventus von Hobbygamer Arcangelo Balsamo an. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Arcangelo Balsamo

«Ä guets Spiel», wünscht Sandro Poschinger, alias Neysk11l, und reicht mir die Hand. Angespannt richte ich meinen Blick auf die Leinwand. Ich bin verabredet, um im Fussball-Computerspiel «Fifa 17» gegen die zwei Gamer des FC St. Gallen anzutreten. Seit vergangenem Dezember mischt der Super-League-Club im wachsenden Geschäft der E-Sport-Welt mit, der Welt der Computerspiel-Turniere. Der zweite im Team, Bruno Bardelas alias Brunisco, verfolgt mein Spiel gegen Poschinger stehend hinter den Sesseln, bevor er an der Reihe ist. Wir befinden uns im Kybunpark, den ich bisher nur aus der Espenblock-Perspektive kannte. Direkt hinter der «Gamestation» befindet sich die Türe, durch die man auf den Rasen gelangt. Für den 17-jährigen Poschinger «nichts Besonderes.»

Als der Teenager 1999 zur Welt kam, war ich als 13-Jähriger bereits der Welt des virtuellen Fussballs verfallen. Regelmässig spielte ich Fifa 2000, damals noch auf PC und Tastatur. Inzwischen hat sich das Computerspiel stark verändert. Heute können Taktiken bis ins Detail verändert, den Spielern Anweisungen auf den Weg gegeben werden. Poschinger und Bardelas nutzen diese Möglichkeiten, ich nicht. «Um erfolgreich zu spielen, sind diese Anpassungen extrem wichtig», sagt Thomas Temperli, der Coach der beiden.

Tagesziel des Amateurs: ein Tor!

Dass ich an diesem Nachmittag nicht mit Samthandschuhen angefasst werde, stellt sich bei der Teamauswahl heraus. Poschinger entscheidet sich für Real Madrid. Ausgerechnet! An den Madrilenen beisse ich mir zu Hause regelmässig die Zähne aus. Entmutigen lasse ich mich nicht, wähle Juventus Turin aus und spiele unbekümmert darauf los. Poschinger ist meist in Ballbesitz, ich halte aber einigermassen mit. Den Rückstand in der 25. Minute kann ich jedoch nicht verhindern. Poschinger, der bis dahin kaum ein Wort verloren hat, nimmt auch das 1:0 regungslos zur Kenntnis. Kurz vor der Halbzeitpause komme ich nach einer Kombination zu einem Abschluss – darüber! Ich hadere, schöpfe jedoch Hoffnung: Mein Tagesziel, ein Tor zu erzielen, ist nicht weit weg. Die Zuversicht nimmt nach der Pause ab. Temperli flüstert seinem Schützling Anweisungen ins Ohr. «Ich habe ihm gesagt, dass er nicht zu kompliziert spielen darf», verrät der Trainer später. Die Anweisungen greifen, und so baut Poschinger seine Führung aus. Ich verliere mit 0:4 und ärgere mich, dass ich meine Grosschance nicht verwerten konnte und gegen Ende der Partie den Faden in der Abwehr verlor.

«Ein Tor hättest du verdient», sagt mein Gegner beim Händedruck nach seinem Sieg. «Immerhin», denke ich. Schliesslich habe ich gegen einen Gamer verloren, der einige Tage zuvor den aktuellen Fifa-Weltmeister geschlagen hat. Besagte Partie wurde im Internet übertragen und von bis zu 2500 Personen verfolgt. «Es war natürlich ein tolles Gefühl, einen so renommierten Spieler zu besiegen», sagt Poschinger. Nervös sei er nicht gewesen. Auch Bardelas gibt an, dass das Kribbeln vor den Turnieren nicht mehr so gross sei wie zu Beginn seiner Karriere. Besonders nach ersten Siegen lege es sich. Seit Bardelas beim FC St. Gallen unter Vertrag steht, nehme die Nervosität jedoch wieder zu. «Die Erwartungshaltung ist gestiegen.»

Das Duo gehört mittlerweile zu den Gejagten. Kürzlich spielten die beiden in Bern erstmals gemeinsam gegen andere Spielerpaare. Sie scheiterten in der Vorrunde. Beunruhigt sei man deswegen nicht, sagt Temperli. «Sie standen im Fokus. Während der Spiele bildete sich hinter ihnen eine Menschentraube. Daran muss man sich gewöhnen. Ausserdem trainierten die beiden bisher nicht oft gemeinsam.» Er zieht den Vergleich zum Tennis: «Nicht jeder gute Einzelspieler ist auch gut im Doppel.»

Nichts geht ohne starke Defensive

Training heisst nicht, ein Spiel nach dem anderen zu spielen. «Die Videoanalyse danach ist deutlich länger als das Gamen selbst», erklärt der Coach. Besonders wichtig: die Defensivarbeit. «Sie ist wie im echten Fussball die Basis und erfordert Fleissarbeit.» Dass mein Defensivverhalten fehlerhaft ist, spüre ich zu Beginn der Partie gegen Bardelas: Mein Juventus gegen seinen FC St. Gallen. Kaum sind vier Minuten gespielt, setzt er sich lockerleicht auf der rechten Seite durch, passt zur Mitte und versenkt den Ball in meinem Kasten. «Das fängt ja gut an», murmle ich. Meine Abwehr bleibt löchrig, so dass Bardelas nach einer halben Stunde 2:0 führt. Auch in diesem Spiel erspiele ich mir zwei gute Chancen. Für meine Kurzpasskombinationen erhalte ich Lob. «Schöner Ball», heisst es von Temperlis Seite, doch das genügt nicht für einen Torerfolg. Stattdessen kassiere ich den dritten Treffer. Es hätten mehr sein können. Doch dank Goalie-Paraden und einem parierten Penalty – was für ein Glücksgefühl! – endet die Partie mit 3:0.

Mein Ziel, einen Treffer gegen die Profis zu erzielen, habe ich verfehlt. «Nach vorne ist dein Spiel ansprechend, dein Passspiel ist nicht schlecht. Aber in der Verteidigung bietest du zu viel an», analysieren Bardelas und Poschinger. Ich höre vor allem das Lob der beiden und verlasse den Kybunpark guter Dinge. «Da habe ich schon weit bitterere Momente erlebt in diesem Stadion», denke ich und steige in den Bus.