Fest für Bleiorgler Brechbühl

FRAUENFELD. Die Lyrik hat der Frauenfelder Waldgut-Verlag gefeiert, den es ohne Beat Brechbühl nicht gäbe, den Bleisetzer, Dichter, Schriftsteller und Verleger – mit Kurzlesungen, Galgevögel-Liedern und der Enthüllung eines Gedichts im Eisenwerk.

Dieter Langhart
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50 Jahre Beat Brechbühl: Christian Uetz (l.) begleitet, der Dichter und Verleger Beat Brechbühl liest eines seiner eigenen Gedichte. (Bilder: Dieter Langhart)

50 Jahre Beat Brechbühl: Christian Uetz (l.) begleitet, der Dichter und Verleger Beat Brechbühl liest eines seiner eigenen Gedichte. (Bilder: Dieter Langhart)

So voll war die Eisenbeiz schon lange nicht mehr, und die Stimmung war ausgelassen wie sonst nur bei Konzerten. Musik gab's denn auch reichlich: Hansjörg Enz und seine Galgevögel spielten vor, zwischen und nach den Lesungen und machten den Donnerstagabend zu einem Fest – einem Fest für Beat Brechbühl und seine Verlage Waldgut und Atelier Bodoni, die im Eisenwerk daheim sind. Und zu einem Fest für die Lyrik, das Stiefkind der Literatur, das um seine Leserschaft kämpfen muss. Zu Unrecht, wie die zwölf Dichterinnen und Dichter bewiesen.

Ihnen waren je fünf Minuten zugestanden, dann ging der Spot über dem Lesepult wieder aus. Wohltuend kurz die Zeit, wohltuend das Lesetempo, raffiniert die Leseorte links und rechts auf der Galerie, wenngleich nur wenige die Lesenden sahen – doch Lyrik ist zum Hören da, nicht zum Schauen. Einzig Iren Baumann mochte ihre Zeit nicht nutzen und las zwei Gedichte je zweimal.

Hymne auf einen Poesiepan

Mannigfaltig war die Lyrik, die die zwölf Dichter ausbreiteten. Jochen Kelter hielt sich an die Region mit Gedichten über Salem, Ittingen oder Fischingen, Ingrid Fichtner nicht zwingend an ihre österreichische Heimat. Oskar Pfenninger mochte es deftig bis besinnlich; Sinan Gudževic nannte das Übersetzen «das zweitälteste Gewerbe der Welt». Er hat Ivo Ledergerber ins Serbokroatische übertragen, der als zwölfter dran war und aus seinen «Frommen Gedichten» las und mit einer Kaskade aus hymnischen Bezeichnungen für Beat Brechbühl den stärksten Beifall einheimste. Er nannte ihn – unter anderem – so: Seltener Branchensänger, Alphabetler, Zungenwedler, astreiner Ohrkitzler, Gefühlsabwickler, Poesiepan, Dorfprediger, pausenloser Satzverknüpfer, Wanderschreiber, geübter Steuersegler, unerschrockener Klippenumsegler, Bremsklötzler, Wortregisterzieher, mehrmanualiger Bleiorgler, tiefgründiger Nachsinner, vielsträngiger Spinner, Traumhämmerer, inständiger Buchstabenstreichler, Schrecken aller Wortklauber, Handsetzler, Bleilustdrucker, Satzspiegelakrobat, unerbittlicher Seelenföhn, Balsaminensammler, allfällige Stütze des Regenbogens, wundersames Ideenreservoir, zeitweiser Halbmünchner.

Lesen? Nie!

Raffael Keller schrie ein chinesisches Gedicht in den Saal, Eduard Klopfenstein las Shun Suzukis «Herbst» im Original und in der Übersetzung und eines von Beat Brechbühls Haikus. Elisabeth Wandeler-Decks Wortschöpfungen sind kaum im Duden zu finden, Barbara Traber nannte das ganze Leben einen Wartsaal, und Irène Bourquin wanderte nach Island und in die Bretagne und rief: «Tanze weiter, Beat.»

Zuvor war Christian Uetz dran, Sprachakrobat und Wortperformer, 1963 in Egnach zur Welt gekommen, wo ein Jahr davor Beat Brechbühls erstes Werk erschienen war. Uetz hielt sich nicht an ein Lesepult, er schnappte sich ein Mikrophon und las. Las? Nie! Denn Uetz rezitiert frei. Immer. Auch in der Eisenbeiz in einem Tempo, dass seine Wortverdrehungen, Alliterationen und Hölderlin-Anspielungen kaum auseinanderzuhalten sind. Dann bittet er den Gefeierten auf die winzige Bühne, und zusammen lesen sie eines von Brechbühls Gedichten. Zusammen? Der Dichter liest, Uetz bläst einen rauschenden Wind ins Mikrophon.

Was bleibt nach dem Fest der Poesie? Ein Gedicht Beat Brechbühls, das Staufer & Hasler als Kunst am Bau dem Eisenwerk geschenkt haben. So beginnt der «Eisenwerk Baobab» an der Säule im Foyer: Ein leeres Haus ist ein leeres Haus. Ein Baobab in der Steppe ist ohne Tiere ohne Menschen ein einsamer Baum.

Die Galgevögel sangen und spielten in der Eisenbeiz zu Ehren Beat Brechbühls und seines Waldgut-Verlags. (Bild: dieter langhart)

Die Galgevögel sangen und spielten in der Eisenbeiz zu Ehren Beat Brechbühls und seines Waldgut-Verlags. (Bild: dieter langhart)