FERNSEHEN: Materialschlacht für die Skifans

Die SRG produziert die Skirennen für alle anderen TV-Stationen der Welt. Das bringt einen kaum überschaubaren Aufwand mit sich, wie ein Rundgang im Zielgelände zeigt.

Claudio Zanini/St. Moritz
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Der grosse Wagenpark des Schweizer Fernsehens im Zielgelände in Salastrains. (Bilder: Jean-Christophe Bott/Keystone (St. Moritz, 5. Februar 2017))

Der grosse Wagenpark des Schweizer Fernsehens im Zielgelände in Salastrains. (Bilder: Jean-Christophe Bott/Keystone (St. Moritz, 5. Februar 2017))

Claudio Zanini/St. Moritz

sport@tagblatt.ch

Im Zielgelände in Salastrains sitzt der Toggenburger Beni Giger im Regiewagen. Vor ihm eine Wand mit unzähligen Bildschirmen. Die 38 Kameras, welche die Rennen der Ski-WM einfangen, werden gerade getestet. Eine nach der anderen. Der 50-jährige Giger gibt mittels Headset seinen Leuten auf der Piste Anweisungen. «Go back ... More back. No. Not right», sagt der Regisseur, das Kamerabild folgt dem Kommando. Immer wieder wechselt er die Sprache. Vom Englischen ins Italienische, manchmal Deutsch. «Mmmh», Giger räuspert sich, «dieser Mast da ist nicht schön. Gut. Das schauen wir später an», funkt er einem Kameramann. Es meldet sich ein anderer Mitarbeiter vom Pistenrand, sein Anliegen ist akustisch unverständlich, im Gegensatz zu Gigers Antwort. «Jörg, ich habe grad 1000 Probleme. Das besprechen wir nachher», sagt er.

Giger ist ein erfahrener Sportregisseur, stand bei Schwingfesten, Fussballspielen und Olympia im Einsatz. 2003 war er bei der Ski-WM in St. Moritz ebenfalls dabei. Dazu kamen zahlreiche Auftritte im Weltcup. Er weiss, an welchen Positionen die Kameras entlang der Strecke stehen müssen und für welchen Kursabschnitt sie zuständig sind. Noch ist aber nicht alles perfekt. Was macht er denn, wenn der Mast eines Sessellifts der Ästhetik des Fernsehbildes schadet? «Vielleicht stellen wir dort ein Podest auf. Aber das ist vielleicht eines von 20 kleinen Problemen, die ich momentan in meinem Kopf habe», sagt er, ehe seine Hand in eine Kiste mit Sandwiches greift. Dann muss er weitergehen.

Giger ist einer von 150 Mitarbeitern der SRG (Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft), die während der Ski-WM im Einsatz stehen. Die SRG ist für das Weltsignal der Titelkämpfe verantwortlich. Heisst so viel wie: Von allen Trainings, Rennen sowie Siegerehrungen und der Eröffnungszeremonie produzieren die Schweizer die TV-Bilder für die anderen ausländischen Fernsehstationen. Nach der WM 1974 und 2003 ist die SRG zum dritten Mal sogenannter «Host Broadcaster».

Athleten müssen zuerst zum Schweizer Fernsehen

Szenenwechsel. Wir befinden uns hinter der riesigen Tribüne im Zielraum. Eigentlich könnten wir uns vom Warenlift ins oberste Stockwerk der Gerüstkonstruktion auf 25 Meter Höhe befördern lassen. Wir nehmen aber die Treppe, ist unkomplizierter. Oben erwartet uns das TV-Studio der SRG. Von hier aus wird das Kommentatoren-Duo Bernhard Russi und Matthias Hüppi die Rennen kommentieren. Die Aussicht auf die Pisten ist hervorragend. Nur die Österreicher vom ORF haben ein ähnlich geräumiges Zuhause auf dieser Höhe. Die ARD befindet sich ganz unten bei der Zieleinfahrt. Alle weiteren Kommentatoren müssen mit kleineren Boxen ein Stockwerk tiefer Vorlieb nehmen.

Lukas Studer, Sportmoderator des Schweizer Fernsehens, ist auch zugegen. Der 39-jährige Thurgauer wird bei den Frauen-Rennen im Einsatz stehen, vor allem in der halbkreisförmigen Mixed-Zone. Dort treffen Athleten auf Medienschaffende. Studer darf als Erster Fragen stellen. Anschliessend folgen die anderen 25 Radio- und TV-Stationen, die ebenso Interviews wollen.

Auf das Frage-Antwort-Spiel haben je nach Wettkampfverlauf aber längst nicht alle Athletinnen Lust, wie Studer erzählt. «In Cortina wollte Lara Gut nach ihrem Sturz verständlicherweise nichts sagen. Auch Corinne Suter gab uns dort kein Interview. Solche Dinge sind ganz normal.» Lange Gespräche werden es ohnehin nie, meist dürfe er etwa zwei Fragen stellen, sagt Studer.

Was beim Rundgang in Salastrains schnell offensichtlich wird: Das Weltsignal bringt eine regelrechte Materialschlacht mit sich. 287 Tonnen TV-Equipment werden an den Berg gekarrt, beziehungsweise geflogen, wie der immer wieder kreisende Helikopter veranschaulicht. 37 Kilometer Kabel wurden insgesamt verlegt, wobei ein Teil der Glasfaserleitungen bereits fix im Berg installiert ist und bei den Weltcuprennen beansprucht wird. Das Gesamtbudget der SRG für die Produktion beträgt 12, 5 Millionen Franken.

Eine Neuerung in der TV-Übertragung ist insbesondere die Wingcam, welche in der Schweiz erstmals zum Einsatz kommt. Es handelt sich dabei um eine Kamera an einem Drahtseil von einem Kilometer Länge. Die Wingcam kann mit einer Geschwindigkeit von bis zu 120 Stundenkilometern den Berg rauf und runter sausen. Es gäbe aber ganz klare technische Vorschriften für die Seilbahnkamera, lassen die SRG-Verantwortlichen durchblicken. Angesichts der Drohne, die im Dezember 2015 hinter Marcel Hirscher auf die Slalompiste donnerte, ist dies mehr als verständlich.