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Federers Spielverderber gewinnt weiter

Stefanos Tsitsipas lässt sich auf dem Weg nach oben nicht aufhalten. Der 20-jährige Grieche steht an den Australian Open in den Halbfinals.
Jörg Allmeroth, Melbourne
«Wenn du gross denkst, kannst du auch Grosses erreichen», sagt Stefanos Tsitsipas. (Bild: Kin Cheung/AP (Melbourne, 22. Januar 2019))

«Wenn du gross denkst, kannst du auch Grosses erreichen», sagt Stefanos Tsitsipas. (Bild: Kin Cheung/AP (Melbourne, 22. Januar 2019))

Als Stefanos Tsitsipas letztes Jahr bei den Gerry Weber Open im ­beschaulichen Halle zu Gast war, geriet er eines Morgens unversehens ins Schwärmen: «Diese wunderbare Ruhe hier, die sich nachts immer über den Ort senkt. Fantastisch.» Es war so ganz anders auf dem flachen ostwestfälischen Land als in New York. Dort, im Big Apple, hielt der feinsinnige Grieche unlängst am Rande der US Open einmal mit kindlichem Staunen fest: «Es ist verrückt, wie viele Gerüche, Geräusche, Farben und Formen es hier gibt. Es gibt wohl keinen verrückteren, lauteren Ort auf diesem Planeten.»

Tsitsipas, dieser etwas andere Tennis-Wanderarbeiter, verursacht allerdings an seinem aktuellen Einsatzort Melbourne auch gerade selbst eine Menge Aufruhr, Aufregung und Lärm. Am Dienstag zog der 20-Jährige mit einem erneut mitreissenden Viersatz-Sieg (7:5, 6:4, 4:6, 7:6) gegen den unbequemen Spanier Roberto Bautista-Agut in die Halbfinals der Australian Open ein, als jüngster Spieler bei einem Grand-Slam-Turnier seit Novak Djokovic 2007 bei den US Open, als jüngster hier in Melbourne seit Andy Roddick vor 16 Jahren.

«Es ist wie ein Märchen. Ich lebe meinen Traum», sagte ­Tsitsipas. Es war eine knifflige Reifeprüfung, die Tsitsipas gegen Bautista-Agut bestand, denn der Spanier verkörpert jenen nüchtern-effektiven Spielertypus, der einen nach sportlichen Höhenflügen wie dem zuvor in Szene gesetzten Sturz von Maestro Federer äusserst unsanft ins Turnier-Aus befördern kann.

Tsitsipas: «Gross denken, Grosses erreichen»

Doch Tsitsipas glänzte auch bei seinem schon fünften Australian-Open-Auftritt, in dieser nun zugespitzten Turnierphase, mit glänzender Spielübersicht, zu­packender Entschlossenheit und einer Abgebrühtheit bei den Big Points. «Wenn du gross denkst, kannst du auch Grosses erreichen», sagte Tsitsipas.

Tsitsipas sieht nicht nur ­etwas messianisch aus mit seiner langen, wilden, wehenden Lockenmähne und dem dezent wuchernden Jesus-Bärtchen, er gilt vielen Marketingstrategen in der Branche inzwischen auch als eine Art charismatischer Erlösungs­figur für die Zeit nach den aussergewöhnlichen, aber in die Jahre kommenden Gentlemen um ­Federer, Djokovic oder Nadal. Tsitsipas hat die lässige Erscheinung eines Beach Boys, er hat Charme und Intellekt, längst ist er ein Held der Fans auch in den sozialen Medien. Und er spielt ein einnehmendes, anziehendes Tennis mit Finten und Finessen, mit Power und Ungestüm. Sein Triumphmoment gegen Federer im Achtelfinal dieser Australian Open galt Experten als historisches Ereignis, als Wink für eine nahende Wachablösung, als kräftigstes Ausrufezeichen einer ganz neuen Tennisgeneration. Ähnlich jenem Sieg, den Federer im Jahr 2001 gegen den alten Meister Pete Sampras in Wimbledon gefeiert hatte, damals auch im Achtelfinal, mit 19 Jahren, als Nummer 15 der Weltrangliste.

Konsequenz und Konzentration ...

Tsitsipas verbreitet manchmal eine Hippie-Aura um sich. Doch in Wahrheit ist der Youngster ein äusserst harter, methodischer Arbeiter, dem es an Konsequenz und an Konzentration auf seinen Job nicht mangelt. «Das hat mit meiner Mutter Julia zu tun», sagt Tsitsipas, «sie legte früh den Schwerpunkt darauf, dass ich mit Disziplin und Köpfchen spiele.» Ähnlich bei wie Tsitsipas’ potenziellem Rivalen um einen Führungsplatz in der Tennis-Zukunft, dem Hamburger Alexander Zverev, ist Tennis eine Familienangelegenheit im Hause des Jungstars: Die Mama mit russischen Wurzeln gehörte einst zu den Top 200 der Welt, Papa Apostolos wirkte auch als Tennislehrer – er ist bis heute auch der Coach des steil aufstrebenden Sohnemanns. Was er von ihm geerbt hat, beschreibt Tsitsipas schmunzelnd so: «Das positive Denken. Bei ihm ist das Glas immer halb voll.»

... aber auch Klamauk und Nonsens

Die Familie hat inzwischen ihre zweite Tennis-Heimat in der ­südfranzösischen Akademie des ­umtriebigen Patrick Mouratoglu. Der schillernde Impresario, einst Freund, nun nur noch Coach von Serena Williams, hält grosse Stücke auf Tsitsipas: «Er hat das ­Gesamtpaket, um die Tenniswelt zu erobern. Er ist cool, er ist kreativ, er hat fast immer die richtige Lösung für ein Problem.» Und, so Mouratoglu: «Er ist bereit, jeden Tag Schwächen auszumerzen. Und dazuzulernen.»

Seine Abenteuer auf der harten Tingeltour hält Tsitsipas seit mehr als einem Jahr auch auf einem eigenen Youtube-Kanal fest, er präsentiert sich da als Mann für Klamauk, Nonsens und schrillen Humor. Aber auch als ernsthaften, nachdenklichen Zeitgenossen, der sich zum Klimawandel oder der Vermüllung der Weltmeere äussert. Manche seiner Mitspieler halten ihn für spleenig, abgedreht, aber Idealist Tsitsipas hat keine Mühe damit, wenn man ihm das Etikett des Weltverbesserers aufdrückt.

Nun wartet der nächste grosse Brocken

Wird er nun auch zum Weltveränderer im Tenniskosmos? Tsitsipas ist da zuallererst Realist, im Hier und Jetzt: «Die Spieler da ganz vorne, die sind unglaublich beharrlich, sie gehen nicht einfach so weg.» Im Halbfinal trifft er ja auch auf einen von ihnen, auf ­Rafael Nadal. Der trat dem Tennis-Apoll voriges Jahr als Spiel- und Spassverderber entgegen, in Toronto. Da hatte Tsitsipas einen seiner stärksten Karriereauftritte, er schlug vier Top-Ten-Spieler hintereinander, ehe Nadal ihn im Final aus den Titelträumen stürzte. Einmal bei jenem Turnier hatte Tsitsipas auf die Scheibe der TV-Kamera geschrieben: «Es wird nie einfacher. Du wirst nur besser.» Gut genug nun auch für Nadal, das ist die Frage.

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