Federer-Gegner Tennys Sandgren hetzte gegen Schwule und sagt: «Ich bin nur Christus Rechenschaft schuldig»

Als er sich 2018 bei den Australian Open in die Viertelfinals und damit ins Rampenlicht spielt, macht Roger Federers nächster Gegner in Melbourne auch Bekanntschaft mit den Schattenseiten des Ruhms.

Simon Häring, Melbourne
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Tennys Sandgren spielte sich 2018 erstmals ins Rampenlicht.

Tennys Sandgren spielte sich 2018 erstmals ins Rampenlicht.

Bild: Keystone

Er habe in seinem Leben schon viel Tennis gespielt, sagte Roger Federer, «aber noch nie gegen Tennys.» Und meinte damit den 28-Jährigen, auf den er in den Viertelfinals der Australian Open zum ersten Mal trifft, Sandgren heisst und tatsächlich auf den klingenden Namen Tennys getauft wurde. Der Amerikaner besiegte in den Achtelfinals Fabio Fognini (ATP 12) und hatte in der zweiten Runde bereits den Italiener Matteo Berrettini (ATP 8) ausgeschaltet. Sandgren steht erst zum zweiten Mal in den Viertelfinals eines Grand-Slam-Turniers, zum zweiten Mal nach 2018 bei den Australian Open, wo er mit Stan Wawrinka und Dominic Thiem besiegt hatte. Ohnehin hat Sandgren bei Grand-Slam-Turnieren eine bemerkenswerte Bilanz gegen Spieler aus den Top Ten: Vier Siegen stehen nur zwei Niederlagen gegenüber. «Liegt wohl daran, dass ich meistens verliere, bevor ich auf diese Spieler treffe», kommentiert Sandgren den Umstand lakonisch.

Als er sich 2018 erstmals ins Rampenlicht spielte, machte er auch mit den Schattenseiten des Ruhms Bekanntschaft. Jeder wollte wissen, wer er ist. Und weil das Internet fast nichts vergisst, zeichnete man mit Verweis auf sechs Jahre alte Äusserungen das Bild eines Mannes, der mit politischen Rechten sympathisiert, antisemitisch, homophob und sexistisch, und ein bekennender Anhänger von Donald Trump ist. Sandgren hatte in den sozialen Medien unter anderem über Serena Williams gelästert und beschrieb einen Besuch in einem Club für Homosexuelle mit folgenden Worten: «Zufälligerweise in einem Schwulenklub gelandet. Meine Augen bluten noch immer.» Er löschte die besagten Einträge zwar, doch das Etikett wird der Texaner Sandgren so schnell nicht mehr los.

Sandgrens bemerkenswerte Bilanz

Nach seinem Ausscheiden in Melbourne verlas Sandgren ein Statement mit folgendem Inhalt: «Ihr versucht, die Leute in Schubladen zu stecken, damit ihr eure Weltanschauung nicht verliert. Dabei lasst ihr keine Individualität mehr zu. Mit einer Hand von Followers und Likes auf Twitter ist mein Schicksal in euren Köpfen schon besiegelt. Um eine knackige Geschichte, einen Sensationsbericht zu verfassen, habe ihr eine vorgefasste Meinung von mir. Ihr entmenschlicht mit Stift und Papier und hetzt die Nachbarn gegeneinander auf. Dabei wollt ihr die Hölle beschleunigen, der ihr selbst entfliehen wollt. Es ist mein fester Glaube, dass jedes Individuum von höchstem Wert ist, unabhängig von Geschlecht, Rasse, Religion oder sexueller Orientierung. Es mein Job, aus mir das Beste zu machen und die Liebe von Christus zu verinnerlichen, denn nur IHM bin ich Rechenschaft schuldig.» Danach verschwand Sandgren von der Bildfläche und tauchte in der Anonymität der Tennis-Karawane unter.

Er blieb ein Grenzgänger zwischen Challenger-Turnieren, bei denen es ums nackte Überleben geht, und jenen Turnieren, bei denen der grosse Reibach winkt und wo Millionen umgesetzt werden. Während Roger Federer gegen Fucsovics seinen 101. Sieg in Melbourne feierte, kommt Sandgren in seiner gesamten Karriere auf 36 Profi-Siege. 2019 gewann er in Auckland seinen ersten Titel. Wer in Melbourne spielen sieht, stellt sich die Frage, weshalb sich Sandgren nicht schon früher auf der grossen Bühne durchgesetzt hat. Sein Gegner Federer sagt: «Er spielt eher wie ein Spieler aus den Top 20». Der Amerikaner musste sich 2003 an der Hüfte operieren lassen, gilt aber als grosser Kämpfer. Als Inspiration diente auch Roger Federer. 2018 sagte Sandgren: ««Ich zögere ja, mich mit ihm zu vergleichen – aber auch er hat sich noch mit 30 verbessert!» Federer und Sandgren treffen in Melbourne erstmals aufeinander. Nicht nur Sandgrens streitbaren Äusserungen wegen dürften die Sympathien klar verteilt sein.