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ZWISCHENBILANZ: Reibereien im Nachwuchs

Wo steht das Fussball-Nachwuchsprojekt «Future Champs Ostschweiz»? Einerseits gibt es aus sportlicher Sicht viel Licht. Schatten werfen aber weiterhin jene Stimmen, die der FCO-Führung vorwerfen, sie handle nicht im Interesse des Clubs.
Ralf Streule
Hinter den Kulissen des Nachwuchsprojekts ist es seit längerem unruhig. (Bild: Ralph Ribi)

Hinter den Kulissen des Nachwuchsprojekts ist es seit längerem unruhig. (Bild: Ralph Ribi)

Ralf Streule

Wer mit Insidern über das Nachwuchsprojekt des FC St.Gallen spricht, wähnt sich im geheimnisvollen Krimi. Da wird die Stimme gesenkt, wenn Namen ausgesprochen werden. Es wird doppelt und dreifach gebeten, die Namen der Auskunftgeber nicht zu nennen. Oder es wird mit Bildern gearbeitet. Ein Querschnitt eines Eisbergs wird vor dem Journalisten auf den Tisch gelegt. «So viel weiss man», heisst es dann, während der Finger auf die Schneekuppe deutet. Der Rest bleibe im Dunkeln verborgen, wie neun Zehntel des Eisbergs unter Wasser.

So viel Geheimniskrämerei? Wo doch bei «Future Champs Ostschweiz» (FCO) auf den ersten Blick so vieles im Lot ist? Fünf eigene Nachwuchsspieler sind auf die kommende Saison hin beim FC St.Gallen neu unter Vertrag, ebenso viele beim FC Wil in der Challenge League. Zudem stellt man 19 Junioren-Nationalspieler im Alter zwischen 15 und 22 Jahren, mehr als je zuvor. Und die St.Galler U18 verpasste im Mai nur knapp den Final um den Meistertitel. Die Akademie in St.Gallen wird bald mit dem Campus ergänzt, der sich derzeit in Bürglen befindet. Dazu kommt: Der Schweizer Fussballverband lobt die «professionelle Arbeit» und macht das Projekt voraussichtlich Ende Jahr zu einem von wenigen nationalen Leistungszentren.

Trainerstaff im Nachwuchs zum grossen Teil ausgewechselt

Die Erfolge lassen sich sehen. Auch wenn sie im nationalen Vergleich noch klein sind – angesichts dessen, dass das Projekt schon seit sieben Jahren besteht. 2010 wurde Future Champs Ostschweiz auf Initiative des damaligen FC-St.Gallen-Präsidenten Dölf Früh lanciert – vielbeachtet war damals vor allem das Zusammenrücken des FC Wil und des FC St.Gallen in der Nachwuchsarbeit. 2014, als die Ungeduld im Umfeld wuchs und mehr hoffnungsvolle Talente gefordert wurden, wurde das Projekt auf Empfehlung einer Unternehmensberatung umstrukturiert. Die neue Stelle des Geschäftsführers übernahm Ferruccio Vanin. Marco Otero ersetzte Roger Zürcher als Technischer Leiter. Seither seien die jungen Spieler näher an die erste Mannschaft gerückt, sagen Involvierte. Und die Vorgaben der strategischen Kommission FCO seien bisher erfüllt, gar übertroffen worden.

Aber es gibt eben auch das andere Bild. Jenes, das in Hintergrundgesprächen mit gegen 20 ehemals oder aktuell Involvierten und vielen Beobachtern entsteht. Sie stören sich an den Umwälzungen der vergangenen drei Jahre – und vor allem an der Art, wie diese vorangetrieben worden seien. Damals blieb kein Stein auf dem anderen. Auf den Trainerlisten stehen heute etliche neue Namen. Von vielen Seiten wird seither – und bis heute – ein ungutes Gefühl beschrieben: Leute würden trotz guter Arbeit von einem Tag auf den anderen ohne Begründung gekündigt und durch Personen ersetzt, die dem Gespann Otero/Vanin näher stünden. «Wer Kritik übt, riskiert seinen Job», heisst es. Oder, viel gehört: «Viele Entscheide wurden nicht im Sinn des Clubs getroffen.» Und: «Viel Herzblut ging verloren.»

Es sind harte Vorwürfe, die Otero und Vanin bei einem Gespräch in einer Loge des Kybunparks weit von sich weisen und teilweise hart kontern. Gemachte Aussagen aber wollen sie in diesem Artikel nicht lesen (siehe Zweittext). Also auch keine Antworten auf die bis heute unbeantwortete Frage, wie und weshalb die Wechsel seinerzeit vor sich gingen. Für sie steht der neue Präsident hin, Stefan Hernandez. Er ist zwar erst seit Mai im Amt und ganz offensichtlich noch im Begriff, sich ein Bild der internen Kräfte zu machen und diese zu kanalisieren. Auch ohne bei den Umwälzungen dabei gewesen zu sein, wisse er aus seiner Erfahrung in der Geschäftswelt: «Umstrukturierungen können weh tun, da gibt es oft Verlierer.» Und: «Wären die Entscheide nicht im Sinne des Nachwuchsprojekts getroffen worden, wären die aktuellen Erfolge unmöglich.»

Ein Riss geht durch den Nachwuchs und den Club

Geht es am Ende um enttäuschte Abgetretene, die mit der neuen Situation nicht leben können? Zwei Dinge sprechen dagegen: Die Gruppe der Kritiker geht weit über jene der Enttäuschten hinaus. Und viele kritische Voten fallen unaufgeregt und deuten nicht auf eine Kampagne gegen die neue Führung, sondern auf eine ehrliche Sorge um die Entwicklung im Club hin. Was die vielen Rückmeldungen ziemlich deutlich aufzeigen: Mitten durch den Nachwuchs scheint ein Riss zu gehen, der zuletzt gross und grösser wurde. Ein Riss, der auch bis in die erste Mannschaft und bis in den Verwaltungsrat hinein reicht – was Aussagen von beiden Seiten vermuten lassen. Ein Riss also zwischen jenen, die von einer «Gruppe um Otero» mit wachsendem Einfluss ausgehen, der sie unter anderem auch Vanin, Trainer Giorgio Contini oder Berater Donato Blasucci zuordnen, der von den Yakin-Brüdern bis zum ehemaligen Präsidenten Dölf Früh enge Bande pflegen soll. Und jenen, die solche Verbindungen als «von Medien und Kritikern zusammenkonstruiert» bezeichnen, die von einer unerklärlichen Abneigung gegen die neue Führung reden.

Waren es Abgänge von Zürcher oder den Nachwuchstrainern Patrick Winkler und Armand Benneker, die den Kritikern sauer aufstiessen? Oder die Vermutungen von Insidern, dass auch die Abgänge von Martin Stocklasa, von Sportchef Christian Stübi oder von Physio-Chef Simon Storm jener Dynamik zuzuschreiben sind? Oder weht neu schlicht ein härterer Wind im Nachwuchs, mit dem einige in St.Gallen ihre Mühe haben? Oteros Auftreten wird als sec beschrieben, er spricht rhetorisch stark, aber auch angriffig – Interne sprechen von einem rauen Umgangston. Es gibt aber auch die Stimmen, die den Stil loben: «Einer muss den Ton angeben, will man vorwärts kommen», sagt zum Beispiel Pascal Thüler vom FCO-Stützpunkt im Bündnerland.

Lob gibt es auch aus Wil: FC-Wil-Präsident Roger Bigger spricht von einer verbesserten Zusammenarbeit im Nachwuchs. Oteros Fachwissen wird auch von Kritikern kaum in Frage gestellt. Er war in Basel im Nachwuchs tätig, danach ab 2012 bei den Grasshoppers – wo es jedoch zwei Jahre später zu einer sofortigen, öffentlich nicht begründeten Entlassung kam. Reibereien zwischen GC-Mitarbeitern und Otero sollen damals gemäss NZZ vorangegangen sein.

Das Organigramm heizt Kritik weiter an

Wohl sind Seilschaften – ob sie nun einflussreich sind oder nicht – schlicht normal im Geschäftsleben, besonders im Fussball. Die FCO-Führung brachte zuletzt, um dies zu unterstreichen, als aktuelles Beispiel den FC Basel vor, wo sich ebenfalls eine Führungsgruppe gebildet hat von Freunden und sich nahestehenden Personen. Kritiker der FCO-Führung sehen hier Unterschiede. Während in Basel die Führungsgruppe aus Personen bestehe, die eine Vergangenheit mit dem FC Basel vorweisen, ist es in St.Gallen eine der Öffentlichkeit wenig bekannte Gruppe. Eine Gruppe zudem, die zuletzt mit einer gewissen Öffentlichkeitsscheu auffiel – und laut Insidern eben dennoch zunehmend Einfluss auf die Geschicke der ersten Mannschaft zu haben scheint. Dies auch dank des neuen Organigramms der FC St.Gallen AG – von Früh als letzter Amtshandlung als Präsident abgesegnet. Darin nimmt FCO-Geschäftsführer Vanin die Rolle über dem derzeit vakanten Amt des Sportchefs ein. Weshalb Früh, der im Nachwuchsprojekt stets auf Ruhe bedacht war, den sich immer lauter entwickelnden Umwälzungen Tür und Tor öffnete, ist jene Frage, welche viele Involvierte am meisten umtreibt – und die von einem Informanten als der unsichtbare Teil des Eisbergs bezeichnet wird. Der ehemalige Präsident ist nicht zu erreichen in diesen Tagen. Er hob zuletzt aber das sportliche Know-how Oteros hervor.

Am Ende werden Erfolg oder Misserfolg entscheiden

Ob die vielen Wechsel im Nachhinein von der Öffentlichkeit als richtig beurteilt werden, dürfte letztlich mit dem Erfolg des Nachwuchsprojekts zusammenhängen. Erst langsam kommen die ersten Jahrgänge, die FCO komplett durchlaufen haben, in die entscheidende Phase. Setzen sich die kürzlich neu zur ersten Mannschaft gestossenen Fussballtalente durch, werden die Kritiker nur noch wenige Argumente haben. Anders gesagt: Glänzt die Spitze des Eisbergs, interessiert die wenigsten, wie es darunter aussieht.

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