Zuerst war der Fussball, dann der Fan

Der Fussball in der Super League wirft noch keine hohen Wellen. Hingegen fehlt es nicht an Anlässen, um Glanz und Elend der Fanszene zu beleuchten.

Fredi Kurth
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Was dürfen Fussballfans - was nicht? Anhänger des FC St.Gallen im März 2014 in Sion. (Bild: Keystone/Archiv)

Was dürfen Fussballfans - was nicht? Anhänger des FC St.Gallen im März 2014 in Sion. (Bild: Keystone/Archiv)

Fangruppierungen sind dieses Jahr schon verschiedentlich in die Schlagzeilen geraten. Chaoten, die unter der Flagge des 1. FC Köln ihr Unwesen treiben, stürmten nach der Niederlage in Mönchengladbach das Spielfeld. Anhänger des Grasshopper-Club provozierten einen Spielabbruch anlässlich eines Hallenturniers in Duisburg. Der Fan-Trupp des FC Luzern liess auf dem Weg zur AFG Arena einen als orthodoxen Juden verkleideten Mann vor sich herziehen. Und Rowdys des FC St.Gallen randalierten vor einem halben Jahr in der Innenstadt von Aarau und wüteten in einer Bar.

Positive Emotionen im Stadion
Nimmt man die Eröffnung der AFG Arena vor bald sieben Jahren als Zeitrechnung, so hat sich seither in der so genannten Fankultur manches verändert, aber insgesamt nicht unbedingt verbessert. Die Fanarbeit löste eine Entwicklung aus bei positiven Emotionen, bei der Inszenierung von Choreografien oder Aufmunterung der Mannschaft. Aktuelles Beispiel vom Match gegen GC: Vor dem Spiel traten auf dem Rasen Fahnenschwinger mit alten FCSG-Flaggen in Aktion oder nach der vergebenen Kopfball-Chance von Bunjaku in der zweiten Halbzeit stimmte der Espen-Block sofort in ein „Hopp San Gallä“ ein, während aus anderen Ecken noch Pfiffe der Enttäuschung zu hören waren.

FC Luzern: Grenzen der Fanarbeit
Generell hat sich die Szene in und im unmittelbaren Umfeld der Stadien dank Video-Überwachung und Polizeipräsenz beruhigt, abgesehen von der Pyro- und Knallkörper-Problematik. Hingegen wird von den Chaoten, beschönigend auch Ultras genannt, fast jede Gelegenheit benutzt, um anderswo Radau zu machen, sei es auf Fanreisen, in Bahnhöfen, Innenstädten oder auf längeren Wegen zum Stadion.

Die Aktion von Luzerner Fans war von besonderer Art. Denn jene wurde von einer grösseren Gruppe mitgetragen, also nicht bloss von der sonst verdächtigten „ganz kleinen Minderheit“, die zur Gewalt neigt. Hier blieb der Einfluss der Fanarbeit, welche die „Fasnächtler“ gewarnt haben soll, unwirksam.

Sion und Aarau: „Es reicht“
Langsam gibt es Anzeichen, dass die Vereine genug haben von der Nestbeschmutzung durch eigene Fans. Funktionäre und Spieler distanzieren sich öffentlich vor solchem Anhang. „Bleibt zu Hause, Jungs“, rief auch Sportschau-Moderator Reinhold Beckmann den Kölner Chaoten zu, „wir brauchen euch nicht.“ Der erste, der handelte, war just Christian Constantin. Der Präsident des FC Sion lässt seit Sommer 2013 nur noch Matchbesucher in die Fankurve, die ein personalisiertes Saisonabo haben und sich an den Eingängen mit einer ID-Karte ausweisen. Handlungsbedarf sieht auch Aaraus Präsident Alfred Schmid. Er habe Pyros, Rauchpetarden und den Radau satt, genug von diesem „Lölibubenzeugs“, zitierte ihn der Tages-Anzeiger vergangenen Samstag. Weil er „eine Fankultur ohne Ultraelemente“ anstrebt, blieb die Szene dem Spiel fern. „Sollen sie ganz fern bleiben, es geht gut ohne sie“, sagte Schmid. Der FC Sion bezahlte allerdings mit einem starken Zuschauerrückgang. So versteht sich auch, dass ein Verein wie der FC Zürich ihre Radaubrüder immer wieder in Schutz nimmt - weil sie gefühlt fast die einzigen sind, die noch zu den Spielen erscheinen.

Gefährliche Toleranz
Noch etwas sagte Aaraus Präsident: „Ich will nicht, dass unsere Gäste im Brügglifeld als Hurensöhne bezeichnet werden.“ Der verkleidete Jude des Luzerner Fanmarsches wollte nicht die Juden beleidigen, wie er sich in einem anonymen Schreiben zu entschuldigen versuchte. Aber den FC St.Gallen. Verbale Verunglimpfungen gehören zum allgemeinen Repertoire jeder Fankurve. Sie sind schon derart zur Gewohnheit geworden, dass ich sie bei meinen Matchbesuchen meistens gar nicht mehr wahrnehme. Es ist aber gerade diese Toleranz, auch gegenüber dem Abfeuern von Pyros, welche die einen ermutigt noch weiter über die Stränge zu hauen, andere Fussballfreunde aber, die ein Fussballspiel als Fest betrachten wie zum Beispiel eine WM-Endrunde, vom Besuch abhält.

Zuerst war der Fussball
Fussball ohne Ultras, Fussball ohne Fankurve. Daran können sich ältere Semester noch erinnern. Lange Zeit kam dieses weltumspannende Spiel ohne organisierte Fangruppierungen aus. Man kann sogar sagen: Zuerst war der Fussball, erst dann kam der Zuschauer. Ich entsinne mich an vage Anfänge. Als der FC St.Gallen Ende der 1960er-Jahre in Winterthur einen NLB-Spitzenkampf bestritt, versammelten sich die grün-weiss tragenden Anhänger auf der Empore vor dem Sulzer-Hochhaus.

Fans bunt gemischt
Spruchbänder mit harmlosem Text wie „Hopp San Gallä“ waren en vogue. In jener Zeit wurde die heutige Auffassung der Fankurve, dass ohne sie im Stadion tote Hose herrsche, quasi bereits dementiert. Bei den Stadtderbys auf dem Espenmoos oder Krontal drängten sich Städter wie Brühler bunt gemischt auf den Stehrampen. Niemand würde behaupten, dass bei jenen Spielen die Stimmung flau gewesen sei. Noch 1979 standen die Matchbesucher auf der südlichen Seite im Espenmoos ganz locker auf der Holzestrade, ein paar wenige schwenkten grün-weisse Fahnen, wie ein Bild in „Ein Jahrhundert FC St.Gallen“ dokumentiert.

Viele nehmen sich zu wichtig
Fussballfans nehmen sich heute wichtig, oft zu wichtig. Das kann harmlose Formen annehmen, zum Beispiel, wenn die eigene Mannschaft ausgepfiffen wird. Immerhin darf ein Zuschauer, der Eintrittsgeld bezahlt, seinem Unmut über schlechte Darbietungen Ausdruck geben. Ob das leistungsfördernd ist, sei dahingestellt. Problematischer finde ich, wenn ein ehemaliger Spieler wie Callà, Etoundi oder Winter noch nach Jahren ausgebuht und ausgepfiffen wird, nur weil er der zuweilen mit Tränen demonstrierten Klub-Verbundenheit nicht gerecht worden ist. Ein wahrer Fan wechselt seine Klubfarben nie; das von einem Fussballprofi zu verlangen, ist unsinnig.

„Kein Recht auf Siege“
Zu diesem Thema hat sich auch der bekannte WOZ-Kolumnist Pascal Claude in seinem Buch „Viele Grüsse aus dem Stadion“ geäussert. Er fragt: „Wem gehört der Fussball. Was ist die Rolle der Fans? Haben sie ein Recht auf irgendetwas?" Der Westschweizer mit St.Galler Wurzeln antwortet: „In den Anfängen des Spiels standen sich die Mannschaften einsam gegenüber. Je feiner sie ihr Spiel entwickelten, desto interessanter wurde es für Aussenstehende, ihnen dabei zuzuschauen. Irgendwann verlangten die Vereine Geld für das Zuschauen (…). Alles war darauf ausgerichtet, dass alle, die möchten, einem Fussballspiel beiwohnen können. An dieser Ausgangslage hat sich nichts geändert. Am Fussballplatz und im Stadion geht es darum, anderen beim Spielen zuzuschauen. Wer dieses Zuschauen emotional oder materiell aufladen möchte, mit Gesängen oder Fanartikeln, darf das gerne tun. Er leitet sich daraus aber weder ein Recht ab auf Siege der eigenen Mannschaft noch eine Sonderstellung anderen Zuschauerinnen und Zuschauern gegenüber, seien diese nun Mode- oder sogenannte Fans. Eine Zuschauerin wird nie mehr sein als eine Zuschauerin, und ein Zuschauer nie mehr sein als ein Zuschauer. Es geht nicht um sie, ist nie um sie gegangen und wird nie um sie gehen.“

Dennoch wollen wir inbrünstig hoffen, dass St.Gallens Fussballer diese sportliche Immunität gegenüber Misserfolg in nächster Zeit nicht mehr allzu häufig beanspruchen müssen.

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