Zinnbauer: «Kommt eine Reaktion, ist alles gut»

Im Heimspiel gegen Luzern bekommt der FC St.Gallen morgen ab 16 Uhr die Chance, sich nach der ungenügenden Leistung im Cup-Achtelfinal gegen die Zentralschweizer zu rehabilitieren. St.Gallens Trainer Joe Zinnbauer über Wut im Bauch, alte Muster und den Mentalitätswechsel.

Patricia Loher
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Joe Zinnbauer sagt, die Ballverwaltung und das Passspiel seines Teams seien verbesserungswürdig. (Bild: Urs Bucher)

Joe Zinnbauer sagt, die Ballverwaltung und das Passspiel seines Teams seien verbesserungswürdig. (Bild: Urs Bucher)

Herr Zinnbauer, wie haben Sie in den vergangenen Nächten geschlafen?

Joe Zinnbauer: Ich schlafe nach Siegen besser. Aber die Fakten waren klar: Am Mittwoch hat der Bessere gewonnen. Wir müssen nun die Köpfe hochbekommen und versuchen, am Sonntag alles besser zu machen.

Wie hat Ihre Mannschaft reagiert? Haben Sie eine Wut im Bauch festgestellt?

Zinnbauer: Ja, die habe ich gespürt. Wenn ich Fussballer wäre, würde ich nun keinen Trainer mehr brauchen, keine Motivationsansprachen, keine taktische Schulung. Ich wüsste ganz genau, was zu tun wäre. Das Spiel am Sonntag ist eine Partie der Ehre. Nicht wegen des Ergebnisses vom Mittwoch. Das 2:3 schaut noch gut aus, da könnte man ja glatt denken, das war knapp. Aber es war nicht knapp. Die Spieler müssen dem Publikum nun etwas zurückgeben. Wenn sie eine Reaktion zeigen, ist alles gut. Wenn sie keine Reaktion zeigen, ist es schlecht. Und dann müssen wir uns Gedanken machen.

Wie erklären Sie sich die dürftige Leistung Ihrer Mannschaft?

Zinnbauer: Wir haben nach Gründen gesucht, die Mannschaft nach Gründen gefragt. Wir brauchen die Ergebnisse aber nicht an die Öffentlichkeit zu tragen. Wir arbeiten nun daran, dass so etwas nicht mehr vorkommen wird.

Wie aber kann es passieren, dass sich eine Mannschaft in solch einem Cupspiel phasenweise lethargisch präsentiert?

Zinnbauer: Wenn nur ein Teil der Mannschaft die Vorgaben umsetzt, der Gegner dann zu zwei, drei sehr guten Aktionen kommt, wird es immer schwieriger. Das Positive ist, dass wir reagierten und zurückkamen, obwohl es schon 0:2 stand. Weshalb aber machen wir das nicht schon vorher? In schwierigen Phasen sagen Spieler wie Everton: Komm, wir kehren zurück. Er setzt ein Zeichen. Andere aber lassen sich einschüchtern. Wenn die einen dann nach vorne gehen und die anderen hinten stehen bleiben, passt es eben nicht.

Was können Sie unternehmen?

Zinnbauer: In Bezug auf die Spielweise müssen wir uns umstellen. Keiner will immer wieder in alte Muster zurückfallen. Wir werden der Mannschaft ein bisschen Zeit geben. Wir müssen auf dem Platz auch lauter werden. Dann gibt es nicht mehr das Problem, dass die einen nach vorne rennen und die anderen hinten stehen bleiben.

Nach dem Ausfall von Alain Wiss für mindestens vier Wochen fehlt Ihnen ein Spieler, der ein Leader sein könnte.

Zinnbauer: Wir können solche Leute nicht aus dem Hut zaubern. Everton ist aufgrund seiner Spielweise ein Leader. Aber er ist nicht lautstark. Und am Sonntag fehlt auch er. Im Moment leiden wir darunter, dass stets Spieler verletzt ausfallen oder gesperrt sind. Wir müssen immer wieder umstellen. Natürlich können andere in die Bresche springen. Vielleicht kristallisiert sich ein Spieler als Leader heraus, den wir bis anhin noch nicht so wahrgenommen haben.

Ist es allenfalls möglich, dass die Mannschaft vom Mentalitätswechsel von Jeff Saibene zu Joe Zinnbauer überfordert ist?

Zinnbauer: Als wir gegen die Grasshoppers ein 1:1 erreichten, sagte man: Mensch, super, diese Mannschaft lebt, sie war mutig. Auch nach dem 1:0 gegen Thun sagte man: Da sieht man schon Ansätze nach vorne. Auch zu Hause gegen Sion haben wir ein gutes Spiel abgeliefert. Nun ist uns eine schlechte Partie unterlaufen, das wissen wir alle. Man kann alles hinterfragen. Wenn ein neuer Trainer kommt, entstehen neue Strukturen. Wir haben gewisse Vorstellungen und die werden wir durchziehen. Ich glaube nicht, dass man im Profifussball von Überforderung sprechen kann. Ein 4-1-4-1 wie am Mittwoch im Cup ist eigentlich ein einfaches System.

Aber Sie haben doch einiges umgestellt. Sie lassen beispielsweise abends trainieren, wenn Spiele am Abend ausgetragen werden.

Zinnbauer: Der Spieler muss sich immer anpassen bei einem neuen Trainer. Der eine kommt schneller damit zurecht, der andere weniger schnell. Aber wir wollten ja etwas Neues machen. Wir sprechen mit den Spielern und sie sagen mir nicht: Nein, das wollen wir nicht. Im Gegenteil, die Mannschaft will das, sie will mitziehen. Wenn die Spieler alle um 20 Uhr schlafen gehen wollten, würden sie mir das schon sagen. Aber die meisten sind um diese Uhrzeit sehr aktiv.

Aber das einzige was zählt, ist der Erfolg. St. Gallen wartet seit fünf Pflichtspielen auf einen Sieg.

Zinnbauer: Das ist richtig. Die Spieler sagen mir, dass sie diese Spielweise wollen. Nun werden wir sehen, wer meine Idee mit viel Ballbesitz umsetzen kann und wer nicht. In fünf Wochen setzen wir uns hin. Wir machen uns ein Bild davon, wer in unser Konzept passt und wer nicht. Es gibt Gründe, weshalb mein Vorgänger gegangen ist. Er hatte wahrscheinlich ein Bild von seinem Spiel im Kopf, das er nicht mehr durchbekommen hat. Ich muss nun einen Einblick erhalten. Ich muss das Team kennenlernen und herausfinden, was ich mit ihm spielen kann.

Sie wechselten am Mittwoch Dejan Janjatovic ein und nach 55 Minuten wieder aus. Wie sieht seine Zukunft unter Ihnen aus?

Zinnbauer: Er hat alles versucht. Aber die Bindung zum Team fehlte. Ich wechselte Janjatovic nicht aus, weil er miserabel gespielt hatte, sondern weil ich taktisch etwas verändern wollte. Ich kenne Janjatovic noch nicht so gut. Aber alle, die ihn besser kennen, sagen mir, dass er mehr kann. Verfügt ein Spieler über so viele Qualitäten, wird er immer auch an diesen gemessen.

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