Zigi lässt FC St.Gallen weiterträumen +++ Victor Ruiz bittet Fans um Entschuldigung +++ Liga sperrt ihn für drei Spiele

Meisterkandidat oder nicht? Nach dem 1:0-Sieg und etlichen hervorragenden Paraden von Goalie Ati Zigi gegen Servette bleibt der FC St.Gallen mindestens für eine weitere Woche an der Tabellenspitze. Victor Ruiz entschuldigt sich nach seiner Tätlichkeit per Instagram-Post bei den FC-St.Gallen-Fans. Von der Liga wird er für drei Spiele gesperrt. 

Ralf Streule
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Nur dank ihm kassiert St.Gallen nicht noch ein Gegentor: Goalie Lawrence Ati Zigi.

Nur dank ihm kassiert St.Gallen nicht noch ein Gegentor: Goalie Lawrence Ati Zigi.

Bild: Gian Ehrenzeller/KEY (St.Gallen, 9. Februar 2020)

Die Bilder in dieser Saison nach den Partien im Kybunpark gleichen sich: Junge, tanzende St.Galler feiern vor dem Espenblock ausgelassen ihren Sieg. Eines war am Sonntag nach dem 1:0-Erfolg gegen Servette aber anders. Diesmal schwang neben Übermut auch viel nervöse Erleichterung über einen knappen, zu zehnt mühsam über die Zeit gebrachten Sieg mit. Der Leaderthron ist wieder erklommen. Doch die Gewissheit einiger Fans, St.Gallen tänzle nach dem Sieg in Basel nun durch die Liga, musste nach diesen harten 95 Minuten revidiert werden.

Das Team, der Trainer und die über 16000 Zuschauer wussten am Ende genau, bei wem sie sich zu bedanken hatten. Der neue Lieblingsruf des Publikums, ein langgezogenes «Zigiiii», war an diesem Nachmittag sehr oft zu hören gewesen. Der neue St.Galler Torhüter Lawrence Ati Zigi rettete gleich viermal bravourös – und zeigte auch bei hohen Bällen keine Schwächen. Zeidler sagte danach:

«Ein Goalie in Weltklasseform, der auch im Training immer so gut spielt.»

Und beschwichtigte in bekannter Manier gleich wieder: «Auch er wird wieder Tore erhalten.»

Genfer Tempo gegen St.Galler Pressing

Natürlich hatten auch die St.Galler Spieler ihres zum Sieg beigetragen. In der ersten Hälfte zogen sie ihr druckvolles Spiel zeitweise auf wie zuletzt. Im Vergleich zum Sonntag in Basel aber waren diese Phasen von kürzerer Dauer. Was zunächst nach Genfer Überforderung aussah, war eher Genfer Geduld. Die Romands präsentierten im hochstehenden, attraktiven Spiel eine Waffe gegen das St.Galler Dauerpressing: das Tempo. Mit schnellen Passfolgen und Läufen entgingen sie spätestens nach 20 Minuten immer wieder der Umklammerung. Und sie kamen zu Chancen. Die grösste vereitelte Zigi gegen den alleine heranstürmenden Miroslav Stevanovic.

Auf der anderen Seite scheiterte Jordi Quintillà vor der Pause zweimal mit starken Distanzversuchen, er und später Lukas Görtler trafen nur den Pfosten. Für das Siegtor brauchte es einen unwiderstehlichen Vorstoss von Silvan Hefti. Sowie einen Cedric Itten, der den Angriff in der 38. Minute kompromisslos mit einem Schuss in die lange Torecke abschloss. Die stärkste Abwehr der Liga war bezwungen – vielleicht auch, weil Servettes Aufsteiger Park Jung-Bin in jenem Moment gerade gepflegt wurde und so auf der linken Seite fehlte.

Lawrence Ati Zigi, Note 6. St. Gallens Goalie rettet viermal hervorragend vor heranstürmenden Servettiens. Er markiert zudem Präsenz im Strafraum. Ein sehr starker Rückhalt.
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Silvan Hefti: Note 5,5. Vor allem in der ersten Halbzeit zeigt er einen hervorragenden Auftritt. Defensiv stabil, offeniv kreativ und mit Wucht. Bereitet das 1:0 stark vor.
Yannis Letard: Note 4,5. Auch er zeigt viele starke Momente, ist für einmal aber etwas weniger stilsicher als Stergiou.
Leonidas Stergiou: Note 5. Immer wieder Retter in heiklen Situationen. Der 17-Jährige spielt ruhiger als manch ein Routinier.
Betim Fazliji:Note 4,5. Seine Kreativität zeigt er auch als Aussenverteidiger. Bei schnellen Genfer Gegenstössen in der ersten Halbzeit aber nicht immer sattelfest.
Victor Ruiz: Note 4. Ihm lief's auch schon besser. Wirkt etwas überhastet in vielen Situationen. Unverzeihlich ist seine Tätlichkeit eine Viertelstunde vor Schluss.
Lukas Görtler: Note 4,5. Das Kämpferherz, wie eh und jeh. Ist damit vor allem in den Schlussminuten Gold wert.
Jordi Quintillà, Note 5. Einmal mehr mit herausragender Übersicht – scheitert zwei Mal mit hervorragenden Distanzversuchen.
Cedric Itten: Note 5. Seine Entschlossenheit und Genauigkeit beim 1:0 sind beeindruckend.
Boris Babic: Note 4,5. Er kommt erst nach 70 Minuten für Guillemenot zum Zug. Wirbelt und kämpft, treibt Mannschaft und Publikum an.
Jérémy Guillemenot: Note 4,5. Kämpft stark, zeigt die eine oder andere elegante Aktion. Ist aber weniger zwingend und entscheidend als seine Offensivkollegen.
Ermedin Demirovic: Note 4. Seine Präsenz in der Offensive war schon weit grösser. Deutet seine Stärken für einmal nur an.
Vincent Rüfli, Note: - .  In den zehn letzten Minuten verteidigt und kämpft er solid mit – kann aber keine Akzente setzen.
Axel Bakayoko. Kurzeinsatz: Kommt erst in der 92. Minute.

Lawrence Ati Zigi, Note 6. St. Gallens Goalie rettet viermal hervorragend vor heranstürmenden Servettiens. Er markiert zudem Präsenz im Strafraum. Ein sehr starker Rückhalt.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Zeidler: «Da gab es taktische Fehler»

Zum vom Publikum erhofften St.Galler Schaulaufen wurde die zweite Hälfte aber nicht. Servette blieb aufsässig, schnell und gefährlich. Drei weitere Grosschancen wurden zur Beute von Goalie Zigi. Und so gab gemäss Servette-Trainer Alain Geiger am Ende allein die Effizienz den Ausschlag zu Gunsten der St.Galler. «Ja, wir hatten auch Glück», so Zeidler. Weshalb sie derart viele Chancen zugelassen hätten, sei ihm ein Rätsel, es komme einiges an Videoanalyse auf ihn zu:

«Da gab es mannschaftstaktische Fehler. Und auch offensiv können wir es noch besser. Das alles liegt aber mit Sicherheit auch am guten Gegner, der schliesslich kürzlich YB und Basel besiegt hat.»
St. Gallens Victor Ruiz sieht Rot. (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY)

St. Gallens Victor Ruiz sieht Rot. (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY)

Nicht im Sinne des Trainers konnte jene Szene 15 Minuten vor Schluss sein, als Victor Ruiz nach einem Foul gegen Steve Rouiller nachtrat und dafür zurecht die rote Karte erhielt. «Das ist in keinster Weise zu entschuldigen», befand Zeidler, fügte aber auch an, dass Ruiz sich beim Schiedsrichter entschuldigt habe und nach dem Fauxpas den Tränen nahe gewesen sei.

Später am Abend postete Ruiz zudem eine Entschuldigung auf Instagram, unter anderem mit den Worten:

«Auch wenn ich das ganze Spiel über provoziert wurde, war mein Verhalten nicht richtig.»

Am Montagnachmittag hat die Liga schliesslich bekannt gegeben, wie lange Ruiz gesperrt wird. Der FC St.Gallen muss für die nächsten drei Pflichtspiele auf den Mittelfeldspieler verzichten. 

Zeidler: «Ein Wermutstropfen, dass Ruiz nun fehlen wird. Aber wir sehen ja, dass stets andere auf ihre Chance brennen.»

Betim Fazliji bleibt der Siegesgarant

Am Sonntagnachmittag war es einmal mehr Betim Fazliji gewesen, der in der Stammformation hatte aushelfen müssen. Auf der ungewohnten Aussenverteidigerposition ersetzte er den gesperrten Miro Muheim. Fazliji tat dies über weite Strecken stark, hatte aber zu Beginn der Partie einige Fehler im Stellungsspiel, wie er am Ende selber analysierte.

St. Gallens Betim Fazliji. (Bild: Gian Ehrenzeller/Key)

St. Gallens Betim Fazliji. (Bild: Gian Ehrenzeller/Key)

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Dafür bleibt der Rheintaler der Siegesgarant. 13 Mal kam er in diesem Jahr zum Einsatz, 13 Mal gewannen die St.Galler. Die umgekehrte Bilanz ist noch eindrücklicher: Achtmal spielte der 20-Jährige nicht, in jenen Partien gab es fünf Niederlagen, zwei Unentschieden und nur einen Sieg. «Ein guter Junge», sagte Zeidler und lachte. Abergläubisch ist der Trainer nicht. Gut möglich aber, dass Fazliji in einer Woche in Luzern im Mittelfeld für Ruiz aufläuft, wenn es zum zweiten Mal darum geht, den Leaderthron zu verteidigen.

Womit wir bei der Frage sind, die landauf, landab gestellt wird: Ist St.Gallen nun wirklich Meisterkandidat? Der erkämpfte und glückhafte Sieg lasse daran zweifeln, findet der Pessimist. Der Optimist sagt: Ebensolche Siege, die mehr mit Arbeit als Eleganz zu tun haben, machen einen Meisterkandidaten aus. Fortsetzung folgt.