Zellis Nachfolger dürfen hoffen

Das Thema ist heikel, weil man rasch mit dem Rassismus-Gesetz in Konflikt geraten könnte. Aber die Häufung fremdländischer Namen in den Schweizer Auswahlen ist auffällig. Der FC St. Gallen leistet zum Teil Gegensteuer.

Fredi Kurth
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Roy Gelmi wurde an der Nacht des Ostschweizer Fussballs zum Spieler des Jahres gekürt. (Bild: Urs Bucher)

Roy Gelmi wurde an der Nacht des Ostschweizer Fussballs zum Spieler des Jahres gekürt. (Bild: Urs Bucher)

Anfang September gewann das U-21-Team der Schweiz das Ausscheidungsspiel in Kasachstan mit 1:0. In der Startformationen kamen die folgenden Spieler zum Einsatz: Mvogo; Hadergjonaj, Gülen, Akanji, Angha; Bertone, Zakaria, Tarashaj, Rodriguez, Janko, Tabakovic. Die beiden ersten eingewechselten Akteure hiessen Khelifi und Kamberi. Der dritte Ersatzmann, der ab der 90. Minute spielte, trug einen eigenartigen Namen: Sutter.

Herzlich willkommen
Es geht hier nicht um die Spieler, die vor der 90. Minute das Vertrauen des Trainers genossen. Sie alle sind selbstverständlich herzlich willkommen auf Schweizer Fussballfeldern. Und das nicht erst seit Angela Merkel, sondern seit Jahren. Die meisten reden Schweizerdeutsch, allenfalls Französisch,  sind hier aufgewachsen und haben selbstverständlich einen Schweizer Pass. Junge Leute mit Migrationshintergrund bereichern den Fussball hierzulande und sind wesentlich daran beteiligt, dass sich das Nationalteam fast immer für eine Endrunde qualifiziert.

Missverhältnis
Es geht hier um den dritten Ersatzmann, Nicola Sutter vom FC Thun, und alle andern jungen Fussballer hierzulande, welche die scheinbar übermächtige Konkurrenz von Secondos nicht scheuen, aber auch die vielen anderen, die sich nicht in die strenge Struktur einer Nachwuchsförderung einfügen wollen und lieber einen anderen Beruf mit mehr Freizeitmöglichkeiten anstreben. Damit ist schon angedeutet, was denn die Gründe sein könnten für das Missverhältnis, wie es sich im eingangs erwähnten Beispiel widerspiegelt. Junge Schweizer ausländischer Herkunft und ihre Eltern sähen im Fussball eine grosse Chance, sich zu profilieren und zu integrieren, seien eher bereit, zeitliche Opfer zu erbringen und auf manche Erleichterung im Alltag zu verzichten. Zudem seien Südländer talentierter, was Beweglichkeit und Ballbehandlung betreffe, und damit von Gottes Gnaden bevorteilt.

Eine Studie, welche solche Vermutungen bestätigte, habe ich keine gefunden. In Bezug auf den Breitensport hingegen schon: Die Migrationsbevölkerung hierzulande, vor allem die Frauen, sind gemäss einer eidgenössischen Erhebung von 2014 weniger aktiv als das im Durchschnitt sehr sportliche Schweizer Volk.

Fussball und bürgerlicher Beruf
Die geringe Aussicht auf eine glanzvolle Fussballer-Laufbahn mögen junge Schweizer helvetischer Herkunft davon abhalten, sich durch das Nadelöhr der Nachwuchsförderung zu zwängen. Dabei ist das Risiko, bei einem Scheitern mit leeren Händen dazustehen, gering. Just der FC St. Gallen bietet mit seiner Akademie eine Garantie, dass sich der berufliche Werdegang nicht nur auf den Sport konzentriert. Die Organisation „Future Champs“ bietet ihre Ausbildung parallel zur schulischen an. Junge Fussballer erlangen schliesslich häufig einen Lehrabschluss, manchmal auch Maturität.

Von Abegglen bis Zellweger
Der FC St. Gallen ist es auch, der Gegensteuer leistet zur allgemeinen Entwicklung. Im Nachwuchsteam U21, das in der Promotion League engagiert ist, tragen nicht weniger als 15 der 25 Kaderleute Namen wie Albrecht, Eugster, Alder, Eisenring, Gasser, Hefti und so weiter. Zwei der Erwähnten, Eisenring und Hefti, sind auf dem Sprung ins Fanionteam, Gelmi (auch holländischer Nationalität) hat sich zum Stammspieler entwickelt und wurde in der Nacht des Ostschweizer Fussballs als bester Fussballer ausgezeichnet. Es gibt also Hoffnung für all jene jungen Leute mit Namen wie Abegglen oder Zellweger, Brander oder Rietmann, die sich Gedanken machen, ob sie die Last, aber auch Freude und Zielorientiertheit, einer Nachwuchsförderung schultern möchten.

Schiefes Bild im Schweizer Nachwuchs
Es mag sein, dass Südländer und Spieler aus dem Osten technisch etwas begabter sind. Bei globaler Betrachtung setzen sie sich aber nicht häufiger durch als ihre Mannschaftskollegen aus andern Kulturkreisen. In der Bundesliga nehmen Pirmin Schwegler, Valentin Stocker (zurzeit verletzt) und Fabian Lustenberger tragende Rollen ein. Fabian Schär und Fabian Frei (verletzt) könnte dies langfristig ebenfalls gelingen. Weitere Feldspieler mit häufigen Einsätzen sind Timm Klose und Steven Zuber. Ihnen stehen Leute wie Ricardo Rodriguez, Granit Xhaka, Haris Seferovic, Admir Mehmedi, Johan Djourou, Josip Drmic und Ulisses Garcia gegenüber. Hier stimmt das Verhältnis einigermassen, anders als in der U21 und anderen nationalen Auswahlen. Es macht den Anschein, dass sich dort einige Selektionäre vom spielerischen Vermögen gewisser Nachwuchsleute blenden lassen. Spannt man den Bogen etwas weiter, sind es nicht Secondos, die aus Schweizer Sicht im Ausland berühmt wurden. Vielmehr war es Stéphane Chapuisat, der bei Borussia Dortmund als einziger das Prädikat Weltklasse verdiente. Ihm nahe kamen/kommen Alex Frei und Stephan Lichtsteiner. Tranquillo Barnetta war in der Bundesliga während Jahren überdurchschnittlich. Von den Secondos mit Schweizer Pass und Muttersprache hat sich Ivan Rakitic (spielt für Kroatien) bei Barcelona beeindruckend durchgesetzt. Ricardo Rodriguez ist auf dem Weg dorthin. Hakan Yakin hingegen, der bis heute vermisste geniale Passgeber des Nationalteams, hatte nur kurze Aufenthalte im Ausland.

FC Zürich – St. Gallen beispielgebend
Der Betrachter ausländisch klingender Namen bewegt sich so oder so in einer heiklen Grauzone. Das zeigt sich anhand von Spielern mit italienischen Vorfahren. Meistens ist deren Stammbaum in der Schweiz schon fest verwurzelt. Es könnte sich zudem um einen Tessiner handeln wie einst Vittore Gottardi, den Internationalen des FC Lugano.

Anders als die Nachwuchsauswahlen widerspiegeln die meisten Teams der Super League die faszinierende Globalisierung der (Fussball-)welt. Am Samstag auf dem Letzigrund präsentierten beide Teams ebenfalls angenehme Balance, und das sogar mit „echten“ Ausländern: Beim FC Zürich mit Brecher, Koch, Nef, Brunner und Schneuwly neben Spielern wie Vinicius, Cabral, Etoundi und so weiter, beim FC St. Gallen mit Lopar, Hefti, Thrier, Gelmi und Lang neben Angha, Everton, Janjatovic, Tafer, Aleksic und Salli in der Startformation.
 

Aufgefallen

Ich weiss, dass ich nichts weiss. Der berühmte Satz von Sokrates trifft immer mehr auf den Fussball zu. Scheinbar gesicherte Erkenntnisse werden von einem Spiel zum andern, manchmal sogar einer Minute zur andern, widerlegt. So war mir bisher unbekannt, wie viele Gesichter der FC St. Gallen in einem einzigen Match zeigen kann. Doch gegen den FC Zürich flossen die Aktionen in der Anfangsphase wie zu seiner besten Europa-League-Zeit. Danach verfiel die Mannschaft in seltsame Passivität. Dass sie nach der Führung weiter auf Transition aus der eigenen Abwehr baute, war verständlich. Doch standen die Spieler viel zu weit vom Gegner weg, der zu hochkarätigen Chancen kam. Déja vu war hingegen, dass zuvor bei den Kontern die Räume zu schlecht genutzt worden waren. Für Zürich war es ein bitterer Abend. Es zeigte eines seiner besseren Leistungen dieser Saison, und wie für andere Teams (Lugano vor einer Woche zum Beispiel) war St. Gallen der Gegner, der als Wendepunkt hätte dienen können. Doch nun hängt der FCZ nach dem Remis, vor einem Jahr noch Leader, auch mit neuem Trainer am Tabellenende. Ich weiss, dass ich nichts weiss. Das gilt generell für Prognostiker, welche den Spielausgang des FC St. Gallen vorhersagen möchten. Denn dieser holte bisher Punkte gegen fast alle Gegner in der Super League. Nur gegen Baselund natürlich Vaduzhat es nicht geklappt. Paradoxerweise war die Niederlage im Fürstentum der einzige Match, den die St. Galler in dieser Saison deutlich dominierten. In den andern Partien ging es fast immer eng zu und her, wobei sich Glück (bei Luzern und GC) und Pech (Gegentor gegen YB und Sion kurz vor Schluss) ungefähr die Waage hielten. Ich weiss, dass ich nichts weiss. Das gilt auch für die internationale Bühne. Lange Zeit schienen die Topteams von Europa in ihrer Position unangefochten. Dortmundals Tabellenletzter in der Winterpause schien vor einem Jahr eine Ausnahme zu sein. Doch diese Saison gibt es in den nationalen Meisterschaften auch Abstürze von Chelsea, Juventusund Liverpoolzu bestaunen. Umgekehrt überraschte Bayern München lange Zeit positiv. Ohne Robben und Ribéry sei der Deutsche Serienmeister nur die Hälfte wert, hiess es. Stattdessen spielte er besser als zuvor, weil Lewandowski nun plötzlich ins Angriffsspiel eingebunden war. Gegen Arsenalallerdings kam alte Problem zum Vorschein – auf höchster Ebene schwächelt die Abwehr. Die Londoner derweil beantworteten eine interessante Frage: Können Spieler, die jahraus, jahrein auf Offensive eingestellt sind, plötzlich eine solide, nur schwer zu überwindende Mauer bilden? Yes, they can. Sehr viel wissen die Ehemaligen des FC St. Gallen, die sich jeden Monat in der AFG-Arena treffen. Werden sie doch aus erster Hand informiert. Im September war Joe Zinnbauer zu Gast, und der verriet, dass sich der Alltag der Spieler so ziemlich verändert hat. Die Trainings finden nun zuweilen auch am Abend statt, so vergangene Woche um 17.45 Uhr, also zur Anspielzeit des Spiels am Wochenende. Die Trainings an den beiden Spieltagen vor dem Match sind nicht mehr öffentlich, und der Kader wird häufig schon am Tag vor dem Match mit anschliessender Hotelübernachtung zusammengezogen, verstärkt gibt es individuelles Training. Wie schon unter Jeff Saibene jedoch trifft sich die Mannschaft manchmal zum gemeinsamen Morgenessen. (th).