Zauberer Zeidler und seine Schüler: Der FC St.Gallen hat eine Musterklasse, und Jordi Quintillà ist der Beste – hier sind die Zeugnisse für alle Spieler

Die starke Vorrunde des FC St.Gallen wirkt sich auf die Spielernoten aus. Eine persönliche Einschätzung.

Christian Brägger, Patricia Loher
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Magier Zeidler und sein Werk: Der Trainer des FC St.Gallen hat mit seiner Mannschaft die Fans der Ostschweizer in vielen Spielen verzaubert.

Magier Zeidler und sein Werk: Der Trainer des FC St.Gallen hat mit seiner Mannschaft die Fans der Ostschweizer in vielen Spielen verzaubert.

Illustration: Tom Werner

Torhüter

Dejan Stojanovic: Der Goalie hat laut Trainer Peter Zeidler in dieser Vorrunde nochmals Fortschritte erzielt. Stojanovic spielt mit dem Fuss in der «Liberorolle» nun bedeutend besser mit, zeigt auf der Linie starke Reflexe und pariert dann und wann beste Tormöglichkeiten. Der 26-Jährige hat im Vergleich zur Vorsaison die Fehlerquote gesenkt. Im Sommer, wenn der Vertrag ausläuft, dürfte eine Option für ein weiteres Jahr greifen. Note: 4,5

Verteidiger

Silvan Hefti: Nach einer Saison der Stagnation hat der Captain den erhofften Schritt gemacht, profitiert dabei auch von Lukas Görtler, dem anderen Anführer. Heftis Körpersprache und Präsenz sind eindrücklich, seinem Vorwärtsdrang schaut man gerne zu. Beim FC Rorschach-Goldach hoffen sie insgeheim, dass der 22-Jährige in der Winterpause den Verein verlässt. Weil es dann noch eine Ausbildungsentschädigung gäbe. Nur: Passieren wird dies kaum. Note: 5

Leonidas Stergiou: Der Toggenburger ist eine Perle aus dem eigenen Nachwuchs und gehört in der Super League zu den Aufsteigern der Vorrunde. Nach dem Début in der höchsten Liga im Februar bestritt er seit Sommer 15 von 18 Spielen über die volle Distanz. Der Innenverteidiger ist erst 17-jährig, wirkt aber erstaunlich abgeklärt. Seine grosse Stärke ist die Schnelligkeit, zudem verfügt er über die Gabe, ein Spiel lesen zu können. Note: 5

Leonidas Stergiou

Leonidas Stergiou

Martin Meienberger/Freshfocus

Yannis Letard: Schon nach den Testspielen im Sommer sollen Verantwortliche von gegnerischen Clubs gefragt haben: Wo habt ihr diesen Innenverteidiger gefunden? Der 21-jährige Letard kam vom 3.-Bundesligaclub Aalen, wo er meistens nicht spielte. In St.Gallen aber entwickelt er sich. Der Franzose ist ein geschmeidiger Verteidiger, der gut antizipiert und ein Spiel eröffnen kann. Letard absolvierte eine mehrheitlich gute Vorrunde, war aber noch nicht so konstant wie Stergiou. Note: 4,75

Miro Muheim: Nicht alle konnten verstehen, weshalb der FC St.Gallen den Vertrag mit dem routinierten Andreas Wittwer im Sommer nicht verlängerte. Nun aber hat der 21-jährige Miro Muheim den Berner vergessen gemacht. Stark sind seine Läufe und Flanken, defensiv und in der Konzentration besteht noch Luft nach oben. Der frühere FC-Zürich-Junior wurde bei Chelsea ausgebildet. Nach der Zeit in England gestaltete sich der Neuanfang in der Schweiz im Januar 2018 schwierig. Muheim zog sich einen Kreuzbandriss zu und fiel zehn Monate aus. Note: 4,75

Miro Muheim

Miro Muheim

Marc Schumacher/ Freshfocus

Alain Wiss: Der 29-Jährige kämpfte sich nach der Verletzung zurück, durfte einmal gegen Lugano beginnen. Oft brachte ihn Zeidler, wenn er Routine brauchte. Wiss’ Stimme auf und neben dem Platz zählt, offen ist, ob sie in St.Gallen nach dem (zumindest temporären) Vertragsende ganz verstummen wird. Note: 4,25

Mittelfeldspieler

Lukas Görtler: Der 25-Jährige kam im Sommer aus Utrecht mit der Aussicht, in St.Gallen eine tragende Rolle einzunehmen. Der Bayer hat die Erwartungen erfüllt, er geht auf dem Platz voran, die jungen Spieler schauen zu ihm auf. Sein Wort hat Gewicht, auch beim Trainer: Görtler brachte das Anliegen vor, die Vorbereitung erst am 2. Januar statt schon am 29. Dezember aufzunehmen. Das sei für ihn nun die «Lex Görtler», sagt Zeidler. Note: 5

Lukas Görtler (Mitte) gegen Zürichs Toni Domgjoni.

Lukas Görtler (Mitte) gegen Zürichs Toni Domgjoni.

Walter BieriKeystone

Jordi Quintillà: Auf dem Platz hebt er sich mit seiner Übersicht ab. Das Sprachentalent ist das Bindeglied zwischen Jung und Alt, zwischen Franzosen, Schweizern und Spaniern. Der frühere Barcelona-Junior Quintillà brillierte in der Vorrunde mit feiner Technik und vielen Toren, nur selten verschwand er ganz von der Bildfläche. Und so würde es verwundern, wenn der FC St.Gallen den 26-Jährigen über das Saisonende und den Sommer hinaus halten kann. Note: 5,25

Jordi Quintillà

Jordi Quintillà

Marc Schumacher, freshfocus

Victor Ruiz: Die Trouvaille eines Aktionärs und von Sportchef Alain Sutter ist zwar klein, aber oho. Ruiz führt den Ball eng am Fuss, man sieht, dass dieser sein Freund ist. Mit Spielwitz, den er nur selten übertrieb, und schönen Toren begeisterte er eine ganze Liga. Und brachte die Gegner zur Verzweiflung. Note: 5

Moreno Costanzo: Der Heimkehrer war im Herbst seiner Karriere ein Opfer des St.Galler Höhenflugs. Dem 31-jährigen Costanzo blieb nur die Reservistenrolle – das ist zu wenig für einen Spieler seines Rendements. Note: 3,75

Moreno Costanzo im Testspiel gegen Dortmund.

Moreno Costanzo im Testspiel gegen Dortmund.

Ralph Ribi

Betim Fazliji: Zehnmal kam der 20-jährige Rebsteiner zum Einsatz, und jedes Mal ging St.Gallen siegreich vom Platz. Der Glückskäfer setzt (noch) nicht die spielerischen Akzente, doch seine Leichtigkeit des Seins neben dem Platz ist auch auf dem Rasen spürbar. Ob als Innenverteidiger oder im zentralen Mittelfeld. Note: 4,5

Stürmer

Ermedin Demirovic: Der 21-jährige Leihspieler von Alavés stiess aus Zufall zum FC St.Gallen. Weniger Zufall ist, dass der Vollblutstürmer bislang bester Skorer der Ostschweizer ist. Keiner verkörpert mehr die Attitüde des Vollprofis, die lautet: Ich bin hier, ich bin gut, ich will vorwärtskommen, St.Gallen hilft dabei. Note: 4,75

Ermedin Demirovic (links)

Ermedin Demirovic (links)

Urs Bucher

Axel Bakayoko: Nach einer guten Phase in der Saison 2018/19 verschwand die Inter-Leihgabe auch wegen Verletzungen fast ganz von der Bildfläche. Natürlich kann der 21-Jährige am Flügel etwas bewegen – aber ihm stehen andere vor der Sonne. Note: 3,5

Jérémy Guillemenot: Als er von Rapid kam, sagte Fredy Bickel, sein damaliger Sportchef: «Jérémy muss nun spielen.» Guillemenot war zuletzt wieder öfters Ersatz, kann aber mit seinem Schwung und seiner Unerschrockenheit helfen. Dafür sollte der U21-National­spieler die Schwalben im Sechzehner abstellen. Note: 4,5

Cedric Itten: Mit seinen drei Länderspieltoren war Itten plötzlich in aller Munde. In St.Gallen ist er eine gute Aktie, überall beliebt. Gegen Ende der Vorrunde fehlte dem zweitbesten Torschützen der Ostschweizer aber etwas die Frische. Kann der 22-Jährige noch in der Wasserverdrängung zulegen, haben die St.Galler vielleicht endlich wieder einmal einen EM-Fahrer. Note: 4,75

Cedric Itten

Cedric Itten

Marc Schumacher/ freshfocus

Boris Babic: Seine Karriere drohte zu scheitern. Heute steht kein anderer mehr für die wundersame Verwandlung des FC St.Gallen wie der Walenstadter. Babic spielt frech, hat das gewisse Etwas, auch wenn seine Aktionen manchmal noch unfertig wirken. In der Rückrunde gilt für den 22-Jährigen, seinen Durchbruch zu bestätigen. Note: 4,75

Angelo Campos: Campos fiel in der Hierarchie weit zurück. Nach sechs Teileinsätzen in der Hinrunde wäre beim 19-jährigen Bündner ein Ausleihe sinnvoll – um über diesen Umweg doch noch irgendwann in der Super League anzukommen. Note: 3,5

In die Bewertung kamen nur Spieler mit mindestens 6 (Teil-)Einsätzen in der Super League. Nicht bewertet: Jonathan Klinsmann, Nico Strübi, Armin Abaz, Milan Vilotic, Adonis Ajeti, Slimen Kchouk, Nicolas Lüchinger, Vincent Rüfli, Fabiano, Musah Nuhu, André Ribeiro, Alessandro Kräuchi, Fabio Solimando, Tim Staubli, Dereck Kutesa (neu: Reims).

Die St.Galler Topskorer

Alle Stürmer vorne dabei

Ermedin Demirovic 8 Tore 4 Assists
Jordi Quintillà 9 Tore 2 Assists
Cedric Itten 8 Tore 2 Assists
Victor Ruiz 2 Tore 8 Assists
Boris Babic 7 Tore 2 Assists
Lukas Görtler 2 Tore 4 Assists
Silvan Hefti 2 Tore 3 Assists
Jérémy Guillemenot 2 Tore 3 Assists
Miro Muheim 0 Tore 3 Assists

Der FC St.Gallen ist so gut wie seit Jahren nicht mehr – und muss nun versuchen, einen Ausverkauf im Winter zu vermeiden

Der FC St.Gallen schliesst die Hin­runde auf dem dritten Rang ab. Das ist so gut wie seit sieben Jahren nicht mehr. Die Punkteausbeute ist nach 18 Partien gar so hoch wie letztmals in der Meistersaison 1999/2000. Spannend wird sein, in welche Richtung sich das Team entwickelt – ob es zusammenbleibt und die hohe Intensität aufrecht erhalten kann.
Patricia Loher