«Wir hätten den Sieg verdient gehabt»: YB gleicht in der Nachspielzeit zum 3:3 aus – St.Galler sind nach umstrittenem Penalty-Entscheid enttäuscht

Auch nach dem Direktduell zwischen St.Gallen und YB führt kein Team die Super League klar an. Die Espen und die Berner trennen sich nach einem umkämpften Spiel 3:3. Auch wenn der FC St.Gallen damit an der Tabellenspitze bleibt, fühlt sich das Unentschieden wegen eines umstrittenen Penaltyentscheids in der Nachspielzeit ein bisschen wie eine Niederlage an.

Stephanie Martina
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Die Tore

  • 1:0, 10. Minute, Betim Fazliji: Lukas Görtler verlängert einen Freistoss von Jérémy Guillemenot mit dem Kopf und Fazliji befördert den Ball zum 1:0 ins Tor.
  • 1:1, 44. Minute, Jean-Pierre Nsame: Nicolas Ngamaleu spielt einen schönen Pass auf Nsame, der souverän einnetzt.
  • 1:2, 47. Minute, Nicolas Ngamaleu: Felix Mambimbi legt im Strafraum zurück auf Ngamaleu. Dieser schlenzt den Ball in die weite Ecke. Keine Chance für FCSG-Goalie Lawrence Ati Zigi.
  • 2:2, 76. Minute, Jordan Lefort (Eigentor): Lukas Görtler flankt vors Tor, dort steigt Demirovic hoch. Via YB-Verteidiger Lefort landet der Ball im Netz.
  • 3:2, 90. Minute, Lukas Görtler: Nach einem Eckball versenkt Görtler den Ball per Kopf im Tor.
  • 3:3, 99. Minute, Guillaume Hoarau: Wegen eines Handspiels von Miro Muheim spricht der VAR den Bernern einen Penalty zu. Den ersten Elfmeter von Hoarau kann Lawrence Ati Zigi am Tor vorbeilenken. Doch weil Zigi sich zu früh von der Linie weg bewegt haben soll, lässt der Schiedsrichter den Penalty wiederholen. Beim zweiten Anlauf trifft der Berner.

Die Spielanalyse

Viele der 19'024 Fans dürften bei der Präsentation der Startelf inzwischen nur auf eine Info warten: Spielt Fazliji? Denn immer, wenn der 20-Jährige bisher auf dem Platz stand, gewann der FCSG. Letzte Woche gegen Luzern sass Betim Fazliji auf der Bank – und die St.Galler verloren. Und beinahe hätten alle, die in Fazliji St.Gallens Glücksbringer sehen, in der vierten Spielminute die Bestätigung erhalten. Nach einem Eckball der Espen herrscht im Berner Strafraum Chaos. Cedric Itten kommt völlig frei zum Abschluss, hämmert den Ball aber an den Pfosten. Der Ball kullert an der Torlinie vorbei, bevor Jordan Lefort das Leder aus der Gefahrenzone bringen kann.

In der 10. Minute dann der Beweis: Fazliji ist nicht nur der Glücksbringer der Espen, sondern auch ihr erster Torschütze! Lukas Görtler verlängert mit dem Kopf einen Freistoss von Jérémy Guillemenot mit dem Kopf und Fazliji befördert den Ball zum 1:0 ins Tor.

Betim Fazliji jubelt über seinen ersten Treffer zum 1:0.

Betim Fazliji jubelt über seinen ersten Treffer zum 1:0.

Bild: Freshfocus

Der ausverkaufte Kybunpark tobt. 19'000 Fans (mit Ausnahme der Berner) goutieren die starke Startphase ihrer Mannschaft mit einer Standing Ovation. Bereits in der 13. Minute kommt der FCSG durch Yannis Letard zu seiner nächsten guten Torchance, doch der Ball rollt knapp am rechten Pfosten vorbei.

Die St.Galler halten das Tempo hoch, sodass YB zunächst etwas überfordert scheint. Doch im Laufe der ersten Halbzeit kommen auch die Hauptstädter immer besser ins Spiel. In der 27. Minute fehlt nicht viel und die Berner hätten den Ausgleich erzielt. Doch der Schuss von Christian Fassnacht geht nur an den Pfosten.

In der 35. Minute wechselt Trainer Peter Zeidler Verteidiger Yannis Letard aus. Dieser war zuvor mit Jean-Pierre Nsame zusammengeprallt und erhielt die gelbe Karte. Für Letard kommt der 19-jährige Tim Staubli zu seinem dritten Teileinsatz. An der Pressekonferenz nach dem Spiel wird Zeidler erklären, dass Letard eine Gehirnerschütterung erlitten habe.

Yannis Letard muss nach einem Zusammenstoss vom Feld.

Yannis Letard muss nach einem Zusammenstoss vom Feld.

Bild: Keystone

Obwohl YB jetzt mehr Druck macht, hält die Führung des FC St.Gallen – bis kurz vor der Pause. In der 44. Minute erzielt Nsame nach einem schönen Zuspiel von Nicolas Ngamaleu den Ausgleich. Drei Minuten später kommt es noch schlimmer: Ngamaleu erzielt den Führungstreffer zum 2:1 für die Berner. 

Ein unhaltbarer Schuss für Lawrence Ati Zigi: Nicolas Ngamaleus Schuss zum 2:1.

Ein unhaltbarer Schuss für Lawrence Ati Zigi: Nicolas Ngamaleus Schuss zum 2:1.

Bild: Keystone

Die Ernüchterung in St.Gallen ist gross:

Ein schwer zu verkraftender Doppelschlag von YB: Jérémy Guillemenot liegt nach dem Pausenpfiff auf dem Rasen.

Ein schwer zu verkraftender Doppelschlag von YB: Jérémy Guillemenot liegt nach dem Pausenpfiff auf dem Rasen.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Die St.Galler wirken zu Beginn der zweiten Halbzeit leicht verunsichert. Die erste vielverprechende Chance erarbeiteten sich die Espen in der 58. Minute. Zunächst versucht Jordi Quintillà einen Freistoss in die weite Ecke zu schlenzen, Goalie David von Ballmoos ist aber zur Stelle. Gleich darauf versucht Ermedin Demirovic sein Glück, doch sein Schuss geht am Tor vorbei.

Die zweite Halbzeit ist geprägt von Fouls auf beiden Seiten, St.Gallen und YB schenken sich nichts. Beide Teams kommen immer wieder zu hochkarätigen Chancen, es fallen aber keine weiteren Tore. Erst in der 76. Minute bricht das ganze Stadion in Jubel aus: Nach einer Flanke von Lukas Görtler steigt Demirovic hoch, sein Kopfball landet via YB-Verteidiger Jordan Lefort im Tor. 2:2.

Ermedin Demirovic bejubelt sein Tor zum 2:2.

Ermedin Demirovic bejubelt sein Tor zum 2:2.

Bild: Keystone

Damit wollen sich die Ostschweizer aber nicht zufrieden geben – weder die Fans noch die Mannschaft auf dem Platz. Das Publikum steht, die Espen werfen alles nach vorne. Und es scheint zu wirken: Lukas Görtler erzielt das 3:2 für den FC St.Gallen. Ist es der Siegestreffer?

Lukas Görtler trifft für den FCSG in der 90. Minute zum 3:2.

Lukas Görtler trifft für den FCSG in der 90. Minute zum 3:2. 

Bild: Keystone

Die Nachspielzeit ist dann aber Dramatik pur: YB erhält wegen eines Hands von Miro Muheim und nach einer VAR-Konsultation einen Penalty zugesprochen. Zigi pariert, der Jubel ist grenzenlos – und kurz. Denn Schiedsrichter Alain Bieri lässt den Penalty wiederholen. Zigi habe sich zu früh von der Torlinie weg bewegt, entscheidet Bieri. Beim zweiten Anlauf trifft Guillaume Hoarau. 3:3 Endstand.

Lawrence Ati Zigi hält den ersten Penalty durch Guillaume Hoarau, beim zweiten Versuch war er machtlos.

Lawrence Ati Zigi hält den ersten Penalty durch Guillaume Hoarau, beim zweiten Versuch war er machtlos.

Bild: Keystone

Für die St.Galler ist dieser späte Ausgleich aufgrund einer umstrittenen Schiedsrichter-Entscheidung besonders bitter. Da fällt es schwer, dem Unentschieden, das sich eher wie eine Niederlage anfühlt, etwas Positives abzugewinnen. Wir versuchen es trotzdem:

  1. Der FCSG bleibt Leader der Super League.
  2. Die Serie hält: Mit Fazliji auf dem Platz hat der FCSG noch nie verloren.

Der Beste

Lukas Görtler. Der Deutsche peitscht nicht nur das Publikum, sondern auch seine Teamkollegen an. Unglaublich, was für ein Pensum er abspult. Die Belohnung: Zwei Assists und ein Treffer.

Silvan Hefti: Note 5. Der Captain hilft nach der Pause mit, die Baisse zu überwinden. In der zweiten Hälfte mit sichtlich mehr Offensivdrang.
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Lawrence Ati Zigi: Note 4,5. Hat lange wenig zu tun und ist am Schluss für einige Sekunden der Held, als er einen Penalty abwehrt – doch der Elfmeter wird wiederholt, Zigi bleibt ohne Abwehrchance.
Leonidas Stergiou: Note 4,5. Ihm gelingt eine erstaunlich abgeklärte Leistung. Nur vor dem 1:2 geht der 17-Jährige einmal zu wenig resolut zur Sache.
Yannis Letard: Note 5. Muss in der 34. Minute verletzt ausgewechselt werden. Bis dahin der gewohnt sichere Wert.
Miro Muheim: Note 4,5. Wie schon gegen Luzern der Pechvogel. In der Nachspielzeit springt ihm im Strafraum der Ball an die Hand. Es gibt Penalty. Sonst aber eine gute Leistung.
Jordi Quintillà: Note 5. Der Spanier bestimmt den Rhythmus des Teams. Sein Corner führt zum zwischenzeitlichen 3:2 für die St.Galler.
Lukas Görtler: Note 5,5. Der Deutsche peitscht nicht nur das Publikum, sondern auch seine Teamkollegen an. Die Belohnung: ein Treffer und zwei Torbeteiligungen.
Betim Fazliji: Note 5. Stark, wie er das 1:0 erzielt. Findet sich nach Letards Verletzung nach Anfangsschwierigkeiten auch in der Abwehr zurecht.
Jérémy Guillemenot: Note 4,5. Sein Freistoss steht am Ursprung des 1:0-Führungstors. Wirkt manchmal etwas fahrig.
Ermedin Demirovic: Note 4,5. Lange ohne Einfluss. Bedrängt in der 73. Minute seinen Gegenspieler aber derart, dass diesem ein Eigentor unterläuft.
Cedric Itten: Note 4. Nach einem guten Start taucht er ab. In der 76. Minute verpasst Itten eine Hereingabe knapp.
Tim Staubli: Note 4. Ersetzt Letard, macht seine Sache gut, bringt aber über links zuwenig offensive Impulse.
André Ribeiro: keine Note. Kommt in der 89. Minute. Der Einsatz ist zu kurz für eine Note.
Axel Bakayoko: keine Note. Ersetzt Görtler. Auch dieser Einsatz reicht nicht für eine Note.

Silvan Hefti: Note 5. Der Captain hilft nach der Pause mit, die Baisse zu überwinden. In der zweiten Hälfte mit sichtlich mehr Offensivdrang.

Der Schlechteste

Nach einer ansprechenden Startphase taucht Cedric Itten ab. In der 76. Minute aber hätte er sich aber noch zum Matchwinner krönen können, doch der Basler verpasst eine Hereingabe knapp.

Die Fans

Zum ersten Mal in der bald zwölfjährigen Geschichte war das St.Galler Stadion bereits vier Tage vor einem Spiel ausverkauft. Zuletzt war der Kybunpark, der damals noch AFG Arena hiess, am 7. April 2013 gegen den FC Basel bis auf den letzten Platz besetzt – also vor fast sieben Jahren. Dazwischen war das Stadion zwar noch zwei weitere Male ausverkauft, allerdings wurden die Tickets im Rahmen des 140-Jahr-Jubliäums des FC St.Gallen damals vergünstigt angeboten.

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Bild: Urs Bucher

Nicht nur auf dem Platz lieferten sich die Berner und die St.Galler ein Duell auf hohem Niveau – auch neben dem Platz: Beide Fanblöcke liessen sich für den Spitzenkampf nicht lumpen. Vor allem die FCSG-Anhänger hatten sich eine Choreografie der Extraklasse ausgedacht. Auf den Transparenten rund um eine gigantische Batman-Figur steht:

«Always be yourself. Unless you can be the FCSG. Then always be the FCSG.»

Die Choreos der beiden Fanlager

(Bild: Freshfocus)

Hier gibt's die FCSG-Choreo in voller Länge im Video:

Video: Daniel Walt

Die schönste Geste

Boris Babic wird heute operiert. Aus Solidarität zu ihrem Teamkameraden tragen die FCSG-Spieler beim Aufwärmen ein Babic-Shirt.

Boris Babic wird heute operiert. Aus Solidarität zu ihrem Teamkameraden tragen die FCSG-Spieler beim Aufwärmen ein Babic-Shirt.

Bild: Urs Bucher

Dass der FCSG am letzten Sonntag die erste Niederlage der Rückrunde kassiert hatte, verkam anfangs Woche zur Nebensache. Denn am Dienstag wurde bekannt, dass sich Stürmer und Leistungsträger Boris Babic im Spiel gegen Luzern einen Kreuzbandriss zugezogen hat und für ein halbes Jahr ausfällt. Heute wird der 22-Jährige operiert. Und man fragte sich: Wie wird der FCSG auf den Ausfall von Babic reagieren? Die Antwort lieferte die Mannschaft bereits vor dem Spiel: Aus Solidarität zu ihrem abwesenden Teamkollegen trugen alle FCSG-Spieler beim Aufwärmen ein schwarzes Shirt mit der Nummer 34 – Babic' Nummer – und der Aufschrift «Chicos Locos». Übersetzt: verrückte Jungs.

Der Rückblick

Gestern vor 16 Jahren jährte sich ein Ereignis, das wohl kein FCSG-Fan vergessen wird. (Nein, nicht die 3:11-Niederlage in Wil.) Am 22. Februar 2004 war ebenfalls YB zu Gast in der Ostschweiz, damals noch im Espenmoos. Die St.Galler zogen einen grottenschlechten Tag ein und unterlagen den Bernern mit 1:3. Ein Espe überragte jedoch alle: Verteidiger Marc Zellweger. Nach der roten Karte gegen Torhüter Stefano Razzetti in der 75. Minute streifte sich «Zelli» das Goalieleibchen über, stellte sich zwischen die Pfosten – und hielt den Penalty von Gürkan Sermeter. Nach dem Spiel sagte Verteidiger-Goalie Marc Zellweger: «Ich kann nur in den rechten Ecken springen, also sprang ich in den rechten.»

Die Reaktionen

Stürmer Cedric Itten: «Es war sehr bitter für uns, dass der Schiedsrichter den Penalty wiederholen liess. Damit hatte ich nicht gerechnet. Wir hätten den Sieg verdient gehabt. Wir bewiesen eine grossartige Moral vor einer grossartigen Kulisse. Jeder ging für jeden.»

Captain Silvan Hefti: «Solch ein Wechselbad der Gefühle habe ich in meiner Karriere noch nie erlebt. Unser Plan ging bis kurz vor der Pause gut auf. Dann aber war YB einfach YB. Wir zeigten aber viel Moral und kämpften uns zurück.»

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Er spielt im rechten Mittelfeld des FC St.Gallen, ist Vorkämpfer, Antreiber, ein Fels in der Brandung, deutsche Eiche halt. Doch Lukas Görtler ist noch viel mehr: Ansprechperson für Trainer Peter Zeidler und trotz der erst 25 Jahre eine Vaterfigur für die jungen Mitspieler. Keiner könnte seine Teamgefährten vor dem Hit gegen YB besser beschreiben als Görtler.
Christian Brägger