Wenn Fussballer in die Schule gehen

Im Profi-Fussball erhalten die Spieler auch Noten. Und wie in der Schule sind diese manchmal diskutabel.

Fredi Kurth
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Ungenügend, genügend, sehr gut? Für Fussballer gibt's Noten. (Bild: Keystone)

Ungenügend, genügend, sehr gut? Für Fussballer gibt's Noten. (Bild: Keystone)

Der Beruf des Journalisten hat gewisse Ähnlichkeit mit jenem des Lehrers und das besonders ausgeprägt, wenn Fussballjournalisten die Spieler benoten. Dabei sind sie eher Deutschlehrer, die Aufsätze begutachten, als Mathematiklehrer. Sie müssen die Story bewerten, die jeder Spieler während 90 Minuten selber schreibt. Er hat pro Match Dutzende von Aktionen. Und darüber muss der Berichterstatter befinden, vielleicht noch am Abend spät in aller Eile. Wenn er Glück hat, muss er nur die Akteure einer Mannschaft im Auge behalten, im ungünstigen Fall jene von beiden Teams.

Keine leichte Aufgabe. Denn im Gegensatz zum Lehrer, der sich vom Stapel der Aufsätze einen um den andern zu Gemüte führen kann, liefern die Spieler ihre Arbeit wild durcheinander ab und meistens in rasch folgenden Sequenzen. So stützt sich der Journalist dann doch gerne auf Fakten ab, wird dann auch ein bisschen korrigierender Mathematiklehrer: Der Spieler, der ein Tor oder gar mehrere erzielt, hat schon mal ein paar Pluspunkte gesammelt.

Nur zwei Abweichungen
Was ist das Ergebnis? Vergleichen wir die Benotungen der Super-League-Partie FC Zürich gegen FC St.Gallen (1:3) vom vergangenen Samstag. Im "Sonntagsblick" erhält Scarione mit Note 6 den Höchstwert, bei Ostschweiz am Sonntag teilen sich die beiden Torschützen Scarione und Wüthrich mit je 5,5 den besten Eintrag. Wüthrich erhält beim "Sonntagsblick" eine 5. Kein St.Galler riskiert bei "Ostschweiz am Sonntag“ sozusagen die Promotion für den nächsten Match, wird mit „ungenügend“ zensuriert. Beim "Sonntagsblick" verpasst Nushi mit der Note 3 sozusagen das Klassenziel. Totale Übereinstimmung in beiden Publikationen besteht einzig bei Montandon, Martic (je 4) und Lopar (5), wobei beim "Sonntagsblick" keine halben Noten verteilt werden. Markante Abweichungen von einer Note gibt es bei Nater: 4 beim "Sonntagsblick" und 5 bei OaS, bei Janjatovic ist die Bewertung gerade umkehrt (5 beziehungsweise 4).

Kommentar: Die markanten Abweichungen liegen im Rahmen. Nicht zufällig bestehen sie bei den beiden "Sechsern" im Mittelfeld. Es ist jene Position, in der die Spieler von Match zu Match nicht immer häufig auf sich aufmerksam machen. Das war auch am Samstag der Fall. Es ist jene Position, auf der defensive Fleissarbeit und oft unauffälliges Ballverteilen über kurze Distanz gefragt sind. Auch bei prominenten Mannschaften gibt es Spieler dieser Art: Lucas bei Liverpool, Mikel bei Chelsea, Carrick bei Manchester United. Früher war es in klassischem Sinn Daniel Imhof beim FC St.Gallen.

Fleissig, aber glücklos
Daraus lässt sich generell ein Dilemma der benotenden Person ableiten. Zum Beispiel auch dann: Wie bewerte ich einen Spieler, der unheimlich fleissig ist, häufig ein Dribbling riskiert, dem aber immer wieder etwas misslingt? Ist er nun schlechter als ein Spieler, der irgendwo im Abwehrzentrum eher eine ruhige Kugel schiebt? Wie bewerte ich einen Torhüter, der kaum beschäftigt ist und dessen "Aufsatz" sich auf ein paar Sätze beschränkt? Die Erfahrung lehrt, dass Torhüter in der Regel besser benotet werden als die Feldspieler. Es sind ja auch zwei ziemlich verschiedene "Fächer". Im deutschen "Kicker" gibt es deshalb eine spezielle Noten-Durchschnittswertung für Torhüter.

Unterschiede in der Notenskala
Typisch war im erwähnten Spiel, dass sich bei der Boulevard-Zeitung die benützte Notenskala über drei ganze Noten erstreckte (3 bis 6), bei der Regionalzeitung bloss über 1,5 Noten (4 bis 5,5). Der Lokaljournalist, der immer "seine" Mannschaft begleitet, mag vom Wunsch geleitet sein, keinen Spieler, vor allem im Erfolgsfall, als ungenügend zu bewerten. Umgekehrt sieht er den Star in der Mannschaft etwas kritischer, sieht auch seine Fehlpässe und nicht bloss die Glanzlichter. Ich mag mich an frühere Zeiten erinnern. Da hatte man sich im "Tagblatt" auf drei Klassifizierungen beschränkt: Stark, durchschnittlich, schwach, entsprechend wurden die Spieler drei grafisch dargestellten Fussballern zugeordnet. Das war etwas einfacher, doch auch hier versuchten wir wenn möglich zu vermeiden, dass ein einziger Spieler in die schwache Grauzone fiel.

Zur Benotung vom Samstag möchte ich auch noch meinen Senf beisteuern: Bei Scarione hätte ich ebenfalls die "Sechs" ausgepackt. Bei Wüthrich wäre ich hingegen etwas zurückhaltender gewesen, auch wenn seine Auftritte gegen Lausanne und Zürich vielversprechend waren. Einen Stürmer, der da entschlossen aus dem Halbfeld antritt und dann auch noch trifft, hat man beim FC St.Gallen zuletzt selten gesehen. Besle hätte ich wie in der OaS etwas höher eingestuft als Montandon, Pa Madou ebenfalls etwas höher als im "Sonntagsblick". Dafür Etoundi ebenfalls mit einer 5 statt mit 4,5 wie in der regionalen Sonntagszeitung, auch wenn er in 17 Spielen in dieser Saison erst einmal getroffen hat. Wenn der Kameruner jeweils loszieht, möchte ich nicht gegnerischer Verteidiger sein. Da er im Winter die volle Vorbereitung bestreiten konnte, ist Etoundi wieder auf Touren gekommen. Nicht zuletzt dank ihm hat die Mannschaft nach der Winterpause die Torproduktion steigern können.

FC Basel-Match verspricht Spektakel
Gespannt darf man nun sein, was für eine Spielqualität wir nun am nächsten Sonntag beim "Schlager" mit dem FC Basel zu sehen bekommen werden. Mit Ausnahme beim 0:0 vor zwei Jahren im Abstiegskampf des FC St.Gallen boten diese Mannschaften im Espenmoos und in der Arena immer Spektakel. Beide können im jetzigen Stadium der Saison unbeschwert auftreten. Basel wird auf dem Weg zum Titel kaum noch aufzuhalten sein. St.Gallen hat sein Soll schon lange übertroffen. Eins dürfte jetzt schon feststehen: Am Schluss entscheiden nicht Einzel-, sondern die Teamnoten über den Ausgang.