Der FC St.Gallen ist so gut wie seit Jahren nicht mehr – und muss nun versuchen, einen Ausverkauf im Winter zu vermeiden

Der FC St.Gallen schliesst die Hin­runde auf dem dritten Rang ab. Das ist so gut wie seit sieben Jahren nicht mehr. Die Punkteausbeute ist nach 18 Partien gar so hoch wie letztmals in der Meistersaison 1999/2000. Spannend wird sein, in welche Richtung sich das Team entwickelt – ob es zusammenbleibt und die hohe Intensität aufrecht erhalten kann.

Patricia Loher
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Patricia Loher

Patricia Loher

Hanspeter Schiess

Der Exploit der jungen Mannschaft kam aus dem Nichts, weil das Team doch auf vielen Positionen verändert wurde. St.Gallen hat mit mutigen und angriffigen Auftritten während Monaten überrascht, die jungen Wilden lösten Begeisterung aus. Der einzige Dämpfer, nebst dem Cup-Out in Winterthur, war die Niederlage zum Vorrundenschluss gegen Zürich im ausverkauften Stadion.

Keiner vergisst, woher der FC St.Gallen kommt

Es war ein aussergewöhnlicher Moment. Und er stand für alles, was den FC St.Gallen ausmacht. Das Publikum liess die Spieler trotz der 1:3-Niederlage gegen den FC Zürich hoch­leben. Dabei hatte die Mannschaft soeben die Leaderposition verspielt. Trotzdem mochte an diesem Abend keiner vergessen, woher der FC St.Gallen kam – und was er in kurzer Zeit trotz bescheidener finanzieller Mittel zu Stande gebracht hat.

Es gab in St.Gallen eine Zeit, als sich Publikum und Club entfremdeten, als die Zuschauer immer weniger wurden, weil Machtkämpfe den Verein zu zerfressen drohten. Seither sind nur etwas mehr als zwei Jahre vergangen. Matthias Hüppi, Alain Sutter und dann auch Trainer Peter Zeidler ist es gelungen, all die Scherben zu einem grossen Teil zusammenzukehren.

Der FC St.Gallen hat sich seiner Basis wieder angenähert. Die volksnahen Hüppi und Zeidler versprühen Begeisterung, Sutter wirkt unaufgeregter und verlässt sich im Transfergeschäft oft auf sein Gefühl. Die Konstellation im Führungsgremium wirkt unkonventionell, aber scheint zu passen. Natürlich, die Regeln im Fussball sind nicht kompliziert: Erfolge vereinfachen einen Wiedervereinigungsprozess zwischen Club und Publikum.

Viele Geschichten haben St.Gallens Aufstieg geprägt

Der überraschende Aufstieg des FC St.Gallen hat viele Namen. Viele Geschichten haben seinen Weg seit Sommer geprägt. Boris Babic, der einst in Vaduz während eineinhalb Saisons nur wenig zum Einsatz kam und kein einziges Tor erzielte, ist bei seinem zweiten Anlauf in St.Gallen zu einer treffsicheren Teamstütze geworden.

Der frühere FC-Zürich-Junior Miro Muheim, der bei Chelsea in die Ausbildung ging, schien nach seiner Rückkehr in die Schweiz und einem Kreuzbandriss nur Ergänzungsspieler, ehe er sich als linker Verteidiger unverzichtbar machte.

Leonidas Stergiou ist erst 17-jährig und stieg aus dem eigenen Nachwuchs steil auf. Mit Betim Fazliji steht ein nächster St.Galler Junior vor dem Durchbruch. Jordi Quintillà, der einst aus Puerto Rico kam, ist St.Gallens Taktgeber. Neben ihm hat sich Landsmann Victor Ruiz, der zuletzt in der vierthöchsten spanischen Liga spielte, zum besten Assistgeber der Super League entwickelt. Cedric Itten wurde ein Jahr nach seinem Kreuzbandriss zum Schweizer Nationalspieler.

Ein Dämpfer zur richtigen Zeit?

Das Team ist bunt zusammengewürfelt, funktioniert aber, weil sich die Spieler prächtig verstehen. Zu hoffen bleibt, dass nicht schon jetzt ein Ausverkauf droht. Es wird spannend zu beobachten, wie sich diese Mannschaft in der Rückrunde entwickelt, wenn sie zusammenbleibt und weiter marschiert und marschiert. Das letzte Spiel gegen Zürich hat aber aufgezeigt, was passieren kann, wenn nicht mehr alles wie am Schnürchen läuft, wenn das Wettkampfglück fehlt und nicht jeder sein Leistungsniveau erreicht. Vielleicht kam der Dämpfer zur richtigen Zeit.

Übel nahm den St.Gallern die Niederlage jedenfalls niemand. Als sich Trainer Zeidler am Samstagabend noch unter das Volk mischte, riefen ihm drei junge Männer zu: «Ihr habt uns sehr viel Freude gemacht.»