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«Was wir machen, ist hochriskant – wir könnten scheitern»: Alain Sutter und Peter Zeidler über Widerstände auf dem Weg zum neuen FC St.Gallen

Sportchef Alain Sutter und Trainer Peter Zeidler wollen die DNA des FC St.Gallen verändern und dem Club auf dem Rasen ein neues Gesicht geben. Mit einem anderen Fussball. Sie wissen, dass dies Geduld erfordert. Doch Zeit ist ein rares Gut.
Christian Brägger, La Manga
Sportchef Alain Sutter (links) und Trainer Peter Zeidler sehen sich mit dem FC St.Gallen auf einem Weg, der niemals endet. (Bild: Christian Brägger)

Sportchef Alain Sutter (links) und Trainer Peter Zeidler sehen sich mit dem FC St.Gallen auf einem Weg, der niemals endet. (Bild: Christian Brägger)

Es sind anstrengende Tage für die Spieler des FC St.Gallen. Das intensive Training in La Manga zehrt an den Kräften. Es trägt erste Früchte, wie das 3:0 im Test gegen den Hamburger SV zeigte; das Ergebnis kam bei den Norddeutschen nicht gut an, am Morgen danach mussten die Profis zum Straftraining antraben. Während die Ostschweizer am nahen Strand ausliefen.

Intensiv sind die Tage ebenfalls für Alain Sutter und Peter Zeidler, den Sportchef und den Trainer der Ostschweizer. Es gilt, den Verein in die Zukunft zu führen, ihm nächste Impulse und Inputs zu geben für ihre Vision, die lautet: Der FC St.Gallen soll eine neue, fortwährende DNA erhalten. Tempofussball, überfallartige Angriffe, keine Rückpässe, Aktivität statt Passivität. Hat der Gegner den Ball, soll er durch Pressing spätestens nach fünf Sekunden wieder in den eigenen Reihen sein. Volle Pulle von der ersten bis zur letzten Minute. Auch das sei Leidenschaft, Überzeugung und Solidarität, sagen die beiden – aber nicht messbar wie Laufwege oder die Anzahl Torschüsse.

Mit Blick auf diese Spielkultur, die auch den korrekten Umgang miteinander einbezieht, machten Sutter und der Verwaltungsrat im vergangen Mai Zeidler zum Chefcoach des FC St.Gallen.

Die aktuelle Saison ist ein Übergangsjahr

An diesem Nachmittag in La Manga bittet Zeidler um Geduld und sagt: «Wir sind immer noch im Umbruch. Es ist meine Aufgabe, die Spieler besser zu machen und etwas zu bewegen.» Für Sutter ist die aktuelle Saison ein Übergangsjahr. Auch wenn es irgendwann tabellenmässig nach oben gehen muss. Darum steht im FC St.Gallen vorerst das Entwickeln und Verändern im Vordergrund. Vor allem geht es darum, einen Wiedererkennungswert zu schaffen. Damit Zeidlers Worte greifen:

«Wir wollen ein besonderes Team sein. Wir wollen ein FC St.Gallen sein, den man erkennt, auch wenn er ohne Leibchen spielt.»

Alain Sutter, Sportchef des FC St.Gallen (Bild: Urs Bucher)

Alain Sutter, Sportchef des FC St.Gallen (Bild: Urs Bucher)

Es gibt zahlreiche Mannschaften, die mit Tempofussball Erfolg haben, Salzburg, Hoffenheim oder Leipzig, aber auch Weltmeister Frankreich. Und nun soll ausgerechnet der FC St.Gallen etwas Ähnliches zustande bringen? Es gibt Zweifel. Sutter sagt:

«Was wir machen, ist hochriskant. Wir könnten scheitern, weil wir nicht wissen, wie es kommt, ob es klappt. Es wäre einfacher gewesen, hätten wir die alten Strukturen und damit den Status quo behalten.»

Bis heute muss das Duo gegen allerlei Widerstände kämpfen. Es gab verkrustete Strukturen, Überbleibsel früherer Führungen, auf und neben dem Platz. Und es gab und gibt kritische Fans. Hier, in St.Gallen, hatte man ja schon immer diese eine Spielidee: Kämpfen bis zum Umfallen, doch schöner Fussball musste es nicht unbedingt sein. Weshalb das mit der Geduld so eine Sache ist, und je weiter man entfernt ist vom Tagesgeschäft des FC St.Gallen, desto schwieriger wird es, diese aufzubringen.

«So früh wie möglich Klarheit schaffen»

Will man etwas verändern im Fussball, gibt es zwei Lösungen: Entweder passt man die Spieler dem System an oder das System den Spielern; mit Zeidler, der aus der Rangnick-Schule kommt, geht nur die erste Variante. Der Deutsche ist kein Bewahrer, vielmehr ein Erneuerer. Für den FC St.Gallen, im Jahr 1879 gegründet, ist er gar ein Revolutionär. Am Mut zum Risiko ist grundsätzlich nichts Falsches. Sutter schreckte denn auch nicht vor Entscheiden zurück, die bis heute im Umfeld des Vereins heftig diskutiert werden. Viele neue, günstige Spieler aus dem In- und Ausland, die er fürs System passend oder als Projekte sah, fanden den Weg in die Ostschweiz. Andere verliessen den Club. Peter Tschernegg wusste bald einmal, dass es für ihn nicht weitergeht. Im Sommer müssen sich Andreas Wittwer, Roman Buess, Alain Wiss und Philipe Koch verabschieden. Sutter sagt:

«Wir wissen, warum wir bei diesen Spielern so entschieden haben, erklären das Weshalb aber nicht. Wir wollten einfach so früh wie möglich Klarheit schaffen.»

Wittwer spielte bisher immer und war für die Übergangssaison wichtig. Doch darüber hinaus geht es nicht, weil man in ihm wie in den anderen wohl wenig Gewinnendes für die neue Spielphilosophie sieht.

Koch wird von der Kontingentsliste gestrichen

Koch darf sich schon jetzt einen Verein suchen, zum Einsatz mit St.Gallen kommt er nie mehr. Er wird von der Kontingentsliste gestrichen; dies ist beim Verteidiger möglich, weil er in dieser Saison nie auflief. Damit sind bei den Ostschweizern 24 von 25 Plätzen vergeben auf besagter Liste, auf der Schweizer im Alter von mehr als 21 Jahren oder die Ausländer einen Platz einnehmen. «So ist noch eine Möglichkeit vorhanden für einen Transfer, falls es nötig sein sollte oder sich ergibt», sagt Sutter. Sein Konzept sieht vor, noch etwa sechs Routiniers im Kader zu haben. Und, wie im Trainingslager, Akteure aus dem Nachwuchs. Der 50-Jährige kann es sich bei nicht ganz acht Millionen Franken Budget nicht leisten, dass wie zuletzt zu ­viele Arrivierte auf der Tribüne sitzen.

«Die Nummern 17 und 18 dürfen keine vermeintlichen Stammspieler sein.»

Peter Zeidler, Trainer des FC St.Gallen (Bild: Mareycke Frehner)

Peter Zeidler, Trainer des FC St.Gallen (Bild: Mareycke Frehner)

Nach der Vorrunde sprach Sutter vom Reset-Knopf, den man drücken müsse. Zeidler sieht darin eine Rück­besinnung auf das eigene Spiel, das vor dem Winter teilweise verloren ging. Hier in La Manga frischt er es wieder auf. Der Coach und der Sportchef, der jedes Training besucht, stehen sogar in der Fremde in ständigem Austausch. Ist das nicht zu intensiv, gehen sich die beiden nie auf die Nerven? Sie verneinen – da scheinen sich zwei gefunden zu haben. Auch beim Thema Co-Trainer. Zeidler wollte ein neues, belebendes Element an seiner Seite, einen Mann seines Vertrauens; der 56-Jährige bekam ihn mit dem Griechen Ioannis Amanatidis, der ein grosses Fussballherz und ein gewisses Mass an Emotionalität mitbringt.

Das Team muss zusammenwachsen, leben, nur schon beim Torjubel. Es geht darum, Prozente herauszuholen. Also beschreitet man neue Wege, schickt die Spieler zum Optiker, will, dass sie eigenverantwortliche Persönlichkeiten werden. Und sensibilisiert sie für gesunde Ernährung. Alain Sutter sagt:

«Dem besten Springpferd gibt man auch nicht das schlechteste ­Essen.»

Ginge es nach ihm, müsste jeder einen eigenen Mentaltrainer und einen eigenen Ernährungsberater haben. Und auch selber bezahlen.

Sutter und Zeidler wissen, dass sie irgendwann liefern müssen

Ein holländischer Szenekenner an Ort sagt, der FC St.Gallen sei ein schöner Verein. Er spricht von fünf Jahren, bis ein solcher Wechsel der Kultur greife. Sutter und Zeidler nennen keinen Zeitplan. Sie wissen, dass sie irgendwann liefern müssen, weil Zeit etwas ist, das es ausser bei Liebhaberprojekten nicht gibt im Fussball. Ab der nächsten Saison sind sie definitiv die Baumeister des FC St.Gallen; Restanzen gibt es dann keine mehr, Ausreden auch nicht.

Der Club befinde sich auf einem Weg, der nie ende, sagt Sutter. Angst vor dem Versagen hat er nicht. Weil man sonst Durchschnitt bleibe.

«Will man ­etwas Aussergewöhnliches erreichen, muss man den Mut haben, zu scheitern.»

Sutter hat das so schon in einem seiner Bücher geschrieben. Der Berner verliess für den FC St.Gallen die eigene Komfortzone, liess das frühere Berufsleben hinter sich. Für Zeidler hätte es auch andere Angebote gegeben. Sie haben eine Chance verdient.

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