War's das mit Europa? St.Gallen kassiert im Tessin einen herben Dämpfer

Der FC St.Gallen verliert in Lugano nach dem Freistosstor von Alexander Gerndt 0:1. Damit werden die Ostschweizer im Kampf um die Europacup-Plätze zurückgebunden, und auch die Barrage ist weiterhin möglich.

Christian Brägger
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Der St.Galler Vincent Sierro versucht sich vergeblich gegen zwei Luganesi zu behaupten. Bild: Samuel Golay/Keystone

Der St.Galler Vincent Sierro versucht sich vergeblich gegen zwei Luganesi zu behaupten. Bild: Samuel Golay/Keystone

In Lugano konnte sich St.Gallen schon einmal ein Bild davon machen, wie es in der nächsten Saison sein kann, wenn es ohne Tranquillo Barnetta antritt. Das Fazit nach einem resultat- und leistungsmässig tristen 0:1 lautete: Es könnte schwierig werden.

Das Fehlen des gelbgesperrten Sauerstoffgebers der Ostschweizer, der jüngst die entscheidenden Tore zu den Siegen gegen die Grasshoppers und Sion erzielt hatte, war über die 90 Minuten Spielzeit augenscheinlich. Schnell einmal konnte man am Donnerstagabend diese Idee verwerfen: Dass St.Gallen in dieser Saison ein Novum unter Trainer Peter Zeidler schaffen und ein drittes Spiel in Serie gewinnen würde.

Wenn Gerndt trifft, gewinnt Lugano

Bereits nach sieben Minuten lagen die Ostschweizer hinten, nachdem Alexander Gerndt einen Freistoss aus 20 Metern direkt verwandelt hatte. Goalie Dejan Stojanovic blieb nur das Nachsehen, er reagierte überhaupt nicht auf den Abschluss.

Jérémy Guillemenot: Note 3. Er bleibt ein Leichtgewicht-Stürmer. Wird von Luganos Defensivverbund komplett abgemeldet.
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Simone Rapp: Note 4. Bringt nach seiner Einwechslung etwas Power in die Offensive. Aber auch er kann sich nicht gegen die Niederlage stemmen.
Yannis Tafer: Note -. Kaum eine Aktion. Aber zu kurz im Spiel für eine Bewertung.
Vincent Sierro: Note 3.  Er taucht, einmal mehr in dieser Rückrunde, fast ganz unter. Schwache stehende Bälle.
Milan Vilotic: Note 4,5. Der Routinier macht einen abgeklärten Eindruck. Strahlt viel Ruhe aus, fast ohne Fehler.
Andreas Wittwer: Note 4. Wie so oft: Er verteidigt sehr solid, Pässe kommen an. Was fehlt, ist die offensive Note.
Dejan Stojanovic: Note 4,5. Zwei drei Unsicherheiten, zwei drei starke Paraden. Beim Freistosstor machtlos.
Victor Ruiz Abril: Note -. Er sieht in den zehn letzten Minuten kaum einen Ball. Zu wenig Einsatzzeit für eine Bewertung.
Musah Nuhu: Note 4. Bei Gegenstössen zuweilen unsicher, im Zweikampf aber spielt er seine körperlichen Vorteile aus.
Silvan Hefti: Note 4,5. Versucht es oft mit Vorstössen, gegen Ende geht die Puste aus. Defensiv aufmerksam gegen schnelle Luganesi.
Dereck Kutesa: Note 4. Bringt als einziger Stürmer zuweilen Zug aufs Tor. Aber auch seine Vorstösse versanden meist.
Axel Bakayoko: Note 3. Bleibt in der Offensive völlig wirkungslos. Und arbeitet defensiv zu wenig sorgfältig mit.
Majeed Ashimeru: Note 3. Sein unnötiges Foul in der 7. Minute bringt das Freistoss-Gegentor. Oft ungenau und ohne Kreativität.
Jordi Quintillà: Note 3,5. Von ihm erwartet man mehr Einfluss auf die Spielgestaltung. Kaum eine gelungene Aktion.

Jérémy Guillemenot: Note 3. Er bleibt ein Leichtgewicht-Stürmer. Wird von Luganos Defensivverbund komplett abgemeldet.

Es war der denkbar schlechte Start in eine Partie, in der im Prinzip doch so viel auf dem Spiel stand. Noch schlechter machte die Tatsache, dass ausgerechnet der Stürmer aus Schweden für die Tessiner traf: Weil sie über zwei Saisons gesehen nur einmal verloren, wenn Gerndt einen Treffer markiert hatte.

Es fehlt die Durchschlagskraft

St.Gallen tat sich wegen des Rückstandes schwer im Cornaredo, es fand danach lange Zeit nicht den Rhythmus, den es braucht, um einen formstarken Gegner in Not zu bringen. Zwar hatte es im Mittelfeld optisch mehr vom Spiel, doch die schnellen Kombinationen in die Spitzen klappten nicht, zudem fehlte die Durchschlagskraft. Und damit blieben die Torchancen komplett aus in der ersten Halbzeit.

Besser machten es die taktisch cleveren Luganesi, die sich auf ihre Stärken mit rasch vorgetragenen Gegenstössen besannen und die Gäste in Schwierigkeiten brachten. Aber Stojanovic stand fortan auf dem Posten, reagierte mehr als einmal gut.

In der zweiten Halbzeit wurden die St.Galler aktiver, Zeidler schickte bald einmal Simone Rapp für den schwachen Jordi Quintillà aufs Feld. Doch es waren die Tessiner, die nach einem Missverständnis zwischen Rapp, Musah Nuhu und Stojanovic in der 65. Minute das 2:0 hätten erzielen müssen. Beinahe im Gegenzug kamen die St.Galler zur einzigen Grosschance – Dereck Kutesa und Jérémy Guillemenot reüssierten im Getümmel nicht. Auf der Gegenseite war es danach Mattia Bottani, der Stojanovic zu einer Glanztat zwang.

Wüste Szenen an der Seitenlinie

Zeidler versuchte in der Schlussphase alles, wechselte doppelt und brachte Yannis Tafer sowie Victor Ruiz. Alles oder nichts lautete nun das Motto. Und dann, als der Schiedsrichter fünf Minuten nachspielen liess, kam doch noch Feuer ins Spiel.

Die Emotionen flogen hoch, ein Horror-Foul an Majeed Ashimeru wurde von Schiedsrichter Alain Bieri nur mit der gelben Karte bestraft, was zu wüsten Szenen und zur Rudelbildung an der Seitenlinie führte, ein St.Galler Spieler kassierte ­einen Faustschlag, und in der Folge mussten ein Tessiner Betreuer und St.Gallens Trainerassistent Ioannis Amanatidis die Trainerbank verlassen. All die Aufregung nützte nichts mehr, Lugano brachte den Sieg über die Zeit.

Die Barrage noch nicht abgewendet

Nach dieser Niederlage haben die St.Galler es nicht mehr in der eigenen Hand, in den verbleibenden zwei Runden gegen die Young Boys und den FC Zürich den dritten Rang zu holen; es ist der Platz, der bei einem Cupsieg Basels direkt in die Europa League und damit an den einen Honigtopf der Uefa führt. Vielmehr noch: Als Sechster ist für St.Gallen der Barrage-Platz noch nicht definitiv ausser Reichweite.

Immerhin, ein gutes Zeichen gab es noch auf Ostschweizer Seite: Cedric Itten stand erstmals nach dem im vergangenen September gegen Lugano erlittenen Kreuzbandriss wieder im Kader.

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