Vor 23 Jahren verlor der FC St.Gallen im Hardturm mit 0:8 – oder wie ein Grünschnabel ein Schlitzohr kennenlernte

Am 19. April 1997 geht der FC St.Gallen bei den Grasshoppers mit 0:8 unter – Goalie Thomas Alder erlebt ein NLA-Debüt, an das er auch heute noch immer wieder erinnert wird. In einer Serie blicken wir mit Spielern und Trainern zurück auf einige der spektakulärsten und denkwürdigsten Partien in der 141-jährigen Geschichte des FC St.Gallen.

Peter M. Birrer
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St.Gallen-Goalie Thomas Alder in einem Spiel gegen die Grasshoppers.

St.Gallen-Goalie Thomas Alder in einem Spiel gegen die Grasshoppers.

Bild: Keystone

Die Reise nach Zürich steht an, es geht an diesem 19. April 1997 in der Finalrunde gegen die Grasshoppers, und just für diesen Samstag haben sich einige Routiniers abgemeldet. Trainer Roger Hegi muss die Defensive umbauen, weil Marco Zwyssig verletzt ist, Heribert Koch auch, und Jörg Stiel ist ebenfalls nicht fit. Das heisst: Thomas Alder muss einspringen, 26 ist er zwar schon, aber in der Nationalliga A hat er noch nie gespielt.

St.Gallen trifft auf das GC, das mit dem Hardturm-Stadion noch ein eigenes Zuhause und ganz viele Spieler mit klangvollen Namen hat: Zuberbühler und Gren, Yakin und Vogel, Türkyilmaz und Moldovan. Alder rückt bald in den Mittelpunkt. Zuerst wird er von Yakin mit einem Kopfball bezwungen, der ihm vorkommt, als hätte er die Stärke eines satten Schusses. Und kurz danach lernt er Türkyilmaz näher kennen.

Türkyilmaz zwinkert Alder zu

Der Stürmer ist so überragend wie schlitzohrig, und ein Spielchen beherrscht er. Es geht so: im Zweikampf mit dem Gegner in dessen Strafraum theatralisch zu Boden gehen, einen treuherzigen Hundeblick aufsetzen und so dem Schiedsrichter signalisieren, dass er nur eine Option habe. Natürlich: auf den Penaltypunkt zu deuten.

Die Schlitzohrigkeit in Person: Kubilay Türkyilmaz.

Die Schlitzohrigkeit in Person: Kubilay Türkyilmaz.

Bild: Keystone

Nach 25 Minuten passiert es diesmal. Alder, der Grünschnabel, will den heranbrausenden Türkyilmaz stoppen und glaubt, das erfolgreich getan zu haben. Aber Türkyilmaz liegt am Boden. Und bekommt, was er gesucht hat: den Penalty. Der Goalie sagt:

«Ich habe ihn nicht berührt, ehrlich!»

Nützt alles nichts. Er sieht auch noch die gelbe Karte. Türkyilmaz zwinkert Alder mitleidig zu. Wenigstens entsteht kein weiterer Schaden – Moldovan verschiesst nonchalant. Pause, 0:1, nur 0:1, alles noch halbwegs im grünen Bereich. Die St.Galler sind angereist mit dem Ziel, einen Punkt zu holen. Liegt noch drin.

Aber dann, diese zweite Halbzeit, dieser Untergang. 49. 0:2, 53. 0:3, 56. 0:4, 70. 0:5, 75. 0:6, 85. 0:7, 91. 0:8. Null zu acht! Hinter sich hat Alder die GC-Fans, er hört, wie sie sich vergnügen. Nach dem sechsten Gegentor zieht der Torhüter seine Handschuhe aus und fragt einen Balljungen: «Willst du übernehmen?» Der Humor kommt selbst in der schwarzen Stunde nicht zu kurz. Die NZZ titelt am Montag: «Achteläuten auf dem Hardturm.»

Alder: «Ich war kein Sensibelchen»

Thomas Alder heute

Thomas Alder heute

Als Schluss ist, muss Alder keine Vorwürfe befürchten. Ihn trifft keine Schuld, niemand zeigt mit dem Finger auf ihn. Und doch erhält er Mitleid. «Dabei brauchte ich das nicht», sagt er, «es dauerte auch nicht lange, bis ich dieses Erlebnis verarbeitet hatte. Ich war kein Sensibelchen. Es war halt so: Wir hatten gemeinsam versagt – und weiter ging es.» Alder wird in den Jahren danach immer wieder an das 0:8 erinnert. Im Ohr hat er einen Gesang von GC-Anhängern zur Melodie von «Frère Jacques»: «Thomas Alder, Thomas Alder, weisst du noch, weisst du noch, damals im Hardturm, acht zu null!» Oder es kommt vor, dass ihm an der Olma acht Gläser Bier hingestellt werden mit dem Kommentar: 

«Hast in Zürich ja auch acht bekommen.»

Alder hat keine Mühe damit. Heute ist sein erstes Spiel in der NLA jenes, auf das er am meisten angesprochen wird. Dabei kann der 49-Jährige, der nach einer Ausbildung zum Zimmermann eine KV-Lehre absolvierte und nun in der Verwaltung beim Kanton Appenzell Ausserrhoden angestellt ist, reihenweise Episoden aus seiner Zeit beim FC St.Gallen erzählen.

Einmal trug er unter seinem Goalie-Trikot ein Militär-Gnägi, das dem Ausrüster nicht gefiel. Also schickte die Firma fünf Leibchen aus ihrem Sortiment, was wiederum für Unmut bei Werner Zünd sorgte. Er war damals für das Material zuständig, und als die Post für Alder kam, schnellte der Puls bei Zünd in die Höhe – weil für solche Anschaffungen kein Budget vorhanden war.

Alder bezahlt die Rechnung im Tessin

Überhaupt, das Geld. «Keine Schraube hatten wir damals», so formuliert es Alder und erinnert sich an eine Reise zu einem Spiel in Lugano. Unterwegs machte die Mannschaft Halt für ein Essen. Der Wirt des Restaurants wusste: Aha, die St.Galler kommen – die müssen zuerst bezahlen, bevor etwas serviert wird. Genügend Geld hatte keiner dabei, auch keine Kreditkarte. Mit Ausnahme von Alder: Er beglich die Rechnung mit der EC-Karte.

Der Goalie, der in der NLA dank seiner fussballerischen Qualitäten zuweilen auch als Ersatz-Feldspieler geführt wurde, hat Abstand gewonnen. Er verfolgt das Geschäft aus der Ferne, manchmal sitzt er im Stadion. Aber keine Sekunde seiner Karriere möchte er missen, auch nicht jenes 0:8 am 19. April 1997. «Das gehört zu meiner Geschichte», sagt er, «ich kann darüber selber schmunzeln.»

Spektakel pur

Der FC St.Gallen ist Leader der Super League und damit das Überraschungsteam der Saison 2019/20. Das 3:3 gegen die Young Boys am 23. Februar war ein Spektakel – doch dann stoppte das Coronavirus St.Gallens Lauf. Noch ist ungewiss, ob oder wie es im Schweizer Fussball weitergeht. Deshalb blicken wir in einer Serie mit Spielern und Trainern zurück auf einige der spektakulärsten und denkwürdigsten Partien in der 141-jährigen Geschichte des
FC St. Gallen. (pl)