Von Mäzenen, kleinen Clubs und einer "Inzucht-Liga"

FUSSBALL. Sie machen also ernst, die Wiler - oder vielmehr die Türken. Zumindest schöpfen sie aus dem Vollen und planen für die Super League, bevor die Saison in der Challenge League richtig begonnen hat

Fredi Kurth
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Trainiert er bald in der Super League? Am Samstag gab der türkische Trainer Fuat Capa vom FC Wil noch Anweisungen im Challenge-League-Spiel gegen den FC Aarau. (Bild: Keystone)

Trainiert er bald in der Super League? Am Samstag gab der türkische Trainer Fuat Capa vom FC Wil noch Anweisungen im Challenge-League-Spiel gegen den FC Aarau. (Bild: Keystone)

Man mag über die Anstrengungen des FC Wil lächeln, man mag die Pläne als verrückt bezeichnen. Eines kann den Verkäufern und Investoren dieses Vereins nicht abgesprochen werden: Sie haben eine gewisse Faszination ausgelöst und dem eher tristen Alltag der Challenge League Leben eingehaucht. Vielleicht hauchen sie sogar dem Schweizer Fussball Leben ein.

Von einem möglichst baldigen Aufstieg ist die Rede, von der Europa League, von einem neuen Stadion oder zumindest dem Ausbau der erst errichteten IGP Arena im Bergholz. Neue Spieler wurden in Windeseile verpflichtet. Am vergangenen Samstag gegen Aarau gab es Gratiseintritt und einen Stadionrekord. Man zieht also alle Register, um auch beim Wiler Anhang Neugier zu wecken. Dass ausländische Investoren im Schweizer Fussball Tritt fassen wollen, ist nicht neu. Wohl hingegen, dass sie von der Challenge League aus starten. Die ukrainischen Geldgeber um Igor Belanow übernahmen den FC Wil vor rund zwölf Jahren in der Super League.

Das Hoffenheim der Schweiz?
Keineswegs neu ist, dass sich reiche Mäzene einen kleineren Club auslesen, um ihn weit nach oben zu bringen. In Deutschland ist die TSG Hoffenheim auf diese Weise ganz nach oben gelangt. Investor Dietmar Hopp ist gemäss „Forbes“ einer der reichsten Menschen Deutschlands. Mit einem Vermögen von sechs Milliarden Euro liegt er auf Platz 14. Mehmet Nazif Günal, der Inhaber der MNG-Group, die nun die Aktienmehrheit des FC Wil besitzt, liegt in der Türkei mit einem Vermögen von zwei Milliarden Dollar auf Platz 19 der entsprechenden Liste. Hoffenheim, benannt nach einem Quartier der Stadt Sinsheim (35'000 Einwohner), ist kein Riese der Bundesliga, lockt aber 20'000 bis 30'000 Zuschauer in seine Arena. Die Relation zu den kleineren Wiler Verhältnissen könnte ungefähr stimmen. Der Unterschied besteht in der Motivation: Hopp wollte im eigenen Land der Region Kraichgau, nördlich von Stuttgart gelegen, eine sportliche Attraktion bieten. Die türkische Delegation will Geld verdienen.

Nur der FC Basel
Daraus macht sie kein Geheimnis. Ebenso hat sie stets offen über die aktuellen Vorgänge informiert, von den Trainingsübungen hinter verschlossenen Türen einmal abgesehen. Einige Fragen stellen sich natürlich. Zu allererst: Wie wollen die Türken in der Schweiz mit dem Fussball Geld verdienen? Natürlich lässt sich Geld verdienen. Das beweist momentan sogar der FC St.Gallen, der ein paar Millionen Franken auf der hohen Kante hat. Der FC Basel erzielt dank seinen Erfolgen in der Champions League hohe Ablösesummen für seine besten Akteure. Die andern Super-League-Protagonisten kommen mal auf maximal drei oder vier Millionen Franken. Aber das sind nicht Beträge, für die sich Investoren, die „Geld verdienen“ möchten, interessieren. Ein Fussballer kann seinen Transferwert nur in einer international bekannten Liga massiv erhöhen.

Aufstieg sportlich möglich
Kann sich Wil sportlich durchsetzen? Das hängt von der Entwicklung ab und von der Summe, welche die Investoren für neue Spieler einzusetzen bereit sind. Von den als prominent bezeichneten Neuerwerbungen hat Defensivmann Egemen Korkmaz in der vergangenen Saison 17 Punktespiele für Fenerbahce bestritten, und bis auf eines alle über die volle Distanz, sämtliche auf das Ende der Meisterschaft hin, nach Knieproblemen davor. Mert Nobre, der Brasilianer, stand für Kayserispor fast immer im Einsatz und erzielte in der türkischen Süper Lig 16 Tore. Bei André Santos stechen die 24 Länderspiele für Brasilien, darunter 12 Freundschaftsspiele, hervor. Ein weiterer Profis ist am Wochenende dazugekommen. Auch wenn alle diese Akteure zwischen 32 und 34 Jahre alt sind, müsste sich der FC Wil mit Spielern dieses Formats an der Spitze der Challenge League einnisten können.

In der Westschweiz bessere Chancen
Warum engagieren sich die Investoren, wenn schon in der Schweiz, nicht in der Westschweiz, wo ein Vakuum an Super-League-Teams und somit ein „Markt“ besteht? Vielleicht weil es dort gebrannte Kinder gibt, die solchen Anfragen skeptisch gegenüber stehen. Umgekehrt werden sich just Traditionsvereine wie Lausanne, Xamax oder Aarau fragen, ob der FC Wil nicht jenen Platz anstrebt, auf den sie eigentlich Anspruch erheben. Bei diesem Punkt müssten die Verbandsoberen des Schweizer Fussballs hellhörig werden. Wie soll denn der Spitzenfussball in Zukunft aussehen? Die Zehnerliga wird schon seit einiger Zeit der Tradition und der Anstrengungen im Nachwuchssektor nicht gerecht. Eine Fussball-Meisterschaft mit nur zehn Vereinen austragen zu lassen, ist an und für sich schon ein Unsinn. Früher hätte man den Begriff "Inzucht-Liga" verwendet. Eine Organisation, die überdies bis auf den FC Sion die ganze Romandie verliert, hat ihren Zweck zweifellos verfehlt. Glücklicherweise ist wenigstens der FC Lugano zurückgekehrt und wird hoffentlich seinen Platz in der höchsten Liga finden. Wie Traditionsvereine an der kleinen Liga zerbrochen sind, habe ich an dieser Stelle schon dargelegt. In letzter Not verkauften diverse Präsidenten den Verein an zweifelhafte Geldgeber. Um es drastisch auszudrücken: Die Mini-Super-League und die Mini-Challenge League zu einer Liga mit 20 Teams zusammenzuführen, wäre zumindest nicht die dümmere Lösung. Immerhin hätten wird dann wieder Vereine wie Lausanne oder Xamax im Boot. Und Wils Präsident Roger Bigger hätte das graue Dasein in der Challenge League nicht als sinnlos empfunden und wie ein Sprinter die Flucht nach vorne antreten müssen.

FC St. Gallen für Zwölferliga
St.Gallens Präsident Dölf Früh würde, hätte er die Wahl, eine Zwölfer- der Zehnerliga vorziehen. Er weiss, warum er stets den sicheren Platz in der Super League als Saisonziel bezeichnet. Weil es diesen sicheren Platz im Prinzip nur für den FC Basel gibt. Wenn der FC Wil schon diese Saison reüssiert und auch der FC Vaduz seinen Platz verteidigt, dann spielt die Hälfte der Super League auf einer Bandbreite, die vom Letzigrund in Zürich bis zum Rheinpark in Vaduz reicht. Meine Meinung: Es soll, wie in der Bundesliga, Platz haben für die Traditionsvereines ebenso wie Landvereine und exotische Gebilde wie der "Füsbül Clüb Wül" ("Blick"-Definition). Aber das ist in einer Zehnerliga jetzt schon nicht möglich.

Selbstverständlich ist nicht jeder Konkurs auf zu enge Verhältnisse zurückzuführen, aber sie begünstigen finanzielle Dummheiten enorm. Selbstverständlich ist eine 20er-Liga ebenso jenseits wie die Zehnerliga. Aber 14 Vereine wären ein Minimum, um erstens die Konkurrenzsituation auf eine gesunde Art zu entschärfen. Zweitens sind in der Schweiz noch nie so viele Fussballer so gut ausgebildet worden wie heute, denen aber viel zu wenig Arbeitsplätze geboten werden, um in einer ihrem Spielvermögen entsprechender Klasse spielen zu können. Ich habe schon gestaunt, welch gute Fussballer nur schon in der Promotion League anzutreffen sind. Dass sich Roy Gelmi in der Abwehr des FC St.Gallen so gut eingeführt hat, überrascht mich im Nachhinein nicht mehr.

Vielleicht auch Gentlemen am Werk
Der FC Wil ist erst am Anfang seiner Reise. Ob sie ihn durch Europa führt oder nur bis Le Mont, ist im Moment schwer abzuschätzen. Aber die jetzt nur milde lächelnde Fussball-Schweiz tut gut daran, auch die Erfolgsvariante dieses Vereins und damit generell wieder einmal ihre Zukunft zu erwägen. Auch jene des FC Wil ist nicht in jedem Fall düster zu betrachten. Sollte nämlich dem Investor Mehmet Nazif Günal und seinem im Verwaltungsrat sitzenden Sohn das Spielzeug eines Tages verleidet sein, sind sie vielleicht immer noch Gentlemen genug, es in ordentlichem Zustand zurückzugeben.

Aufgefallen

Der FC St.Gallen hat im Wallis auf ärgerliche Weise verloren. Schon diese Gefühlsregung betrachte ich aber als positiv. Ich habe eher erwartet, dass der glanzvolle Cupsieger früh für klare Verhältnisse sorgen werde. Aufgrund der Torchancen von 6:4 (4:2) war der Sieg des FC Sion nicht unverdient. Das Quäntchen Glück, das St.Gallen gegen Lugano hatte, fehlte diesmal. Im Vergleich zu den Spielen im Frühjahr sind erste positive Tendenzen zu erkennen, deren Bestätigung selbstverständlich noch zu folgen hat. Die Abwehr erscheint stabiler. Die gefürchtete Offensivkraft der Walliser bekamen die St.Galler nach einer schwierigen Startphase immer besser unter Kontrolle. Auch nach dem Rückstand fiel die defensive Organisation, wie noch so oft im ersten Halbjahr, nicht auseinander. Mehr Mühe bereitete die eigene Spielentwicklung.

In der mittelmässigen, mit vielen Hakeleien durchsetzten Partie hatte Schiedsrichter Pache einige heikle Situationen zu entscheiden. Falsch lag er beim Elfmeter-Pfiff gegen Facchinetti, weil der Grundsatz der Absicht nicht erfüllt war, die Hand berührte zufällig den Ball. In der Schweiz zeigen neun von zehn Schiedsrichtern bei einer solchen Aktion auf den Elfmeterpunkt, ganz nach dem Motto "Haha, ich hab’s gesehen", in Englands Premier League kein einziger. Wie auf der Insel müsste auch bei uns das Hands gleich tolerant geahndet werden, wie dies beim Rückpass zum eigenen Torhüter geschieht: Wenn nicht klare Absicht zu erkennen ist, pfeift kein Schiedsrichter indirekter Freistoss. Beim unabsichtlichen Handspiel einen Penalty zu pfeifen, ist dann noch happiger. Dennoch: Nicht der Ref hat St.Gallen einen Punkt gestohlen, vielmehr hätte Tafer seine Penaltychance verwerten können, hatte aber Pech.

Während die Fans des FC St.Gallen ins Wallis blickten oder sogar reisten, war am Wochenende die AFG Arena mit Zuschauern voll gepackt.. Diesmal verzichtete die Event AG auf ein Freundschaftsspiel mit der eigenen Mannschaft in der Woche nach dem Meisterschaftsstart. Bremen, Dortmund und letztes Jahr Wolfsburg (in Konstanz) hiessen unter anderem die Gegner. Diesmal kam Trainer Jeff Saibene somit nicht in Verlegenheit, unpassend die "beste Mannschaft" formieren zu müssen. Mit Dortmund und Juventus war die Arena ausverkauft, wodurch ein paar Batzen verdient worden sein dürften. Etwas betrüblich: Internationale Testspiele in Galabesetzung ziehen mehr Zuschauer an als die beim Start bekömmliche Hausmannskost der Meisterschaft. (th)