Von Görtler bis Hefti: Der FC St.Gallen ist Leader, doch der Betrieb ruht – was geht in den Köpfen der Spieler vor?

Die Spieler des FC St.Gallen dürfen nicht ihrem Beruf nachgehen und spielen. Was sie bewegt, wie sie helfen und ihre Zukunft sehen – eine Auswahl an Gedanken.

Christian Brägger
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Die Fussballer, auch die Spieler des FC St.Gallen, sitzen in diesen Monaten im gleichen Boot.

Die Fussballer, auch die Spieler des FC St.Gallen, sitzen in diesen Monaten im gleichen Boot.

Bild: Benjamin Manser

Seit Montag erhöhen die Spieler des FC St.Gallen in ihren persönlichen Trainings die Schlagzahl und trainieren teilweise zweimal täglich. «Gott sei Dank haben wir ihnen ermöglicht, bei den Familien zu sein», sagt Peter Zeidler. Spätestens am Dienstag nach den Ostern erwartet der Trainer sämtliche Profis aus dem Ausland zurück. In der Folge wird man sich zwar nicht treffen, Gespräche dürften erfolgen über das weitere Vorgehen, vielleicht auch hinsichtlich Lohnfragen.

Mindestens bis zum 19. April und den nächsten Beschlüssen des Bundesrates will der FC St.Gallen zuwarten, ehe er das Trainingsprogramm dann womöglich ganz hochfährt. Doch was geht eigentlich in diesen Wochen in den Köpfen der Spieler vor? Neun Fragen liefern Antworten.

Lukas Görtler, Zeit für Ihr neues Teleskop haben Sie in diesen Tagen genug. Was sagen die Sterne?

Lukas Görtler.

Lukas Görtler.

Bild: Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

«Ich glaube nicht an Horoskope. Ich sehe einfach, dass mit dem schönen Wetter in der Gesellschaft wieder eine positivere Stimmung aufkommt sowie die Euphorie, dass alles besser wird und die Menschen das Coronavirus im Griff haben. Bleibt dieses Gefühl, können wir vielleicht bald Fussball spielen, was sehr wichtig wäre. Aber alles kann sich schnell wieder ändern, zum Beispiel, wenn es eine zweite Infektionswelle gibt.

Bei allen Fragen zu finanziellen Auswirkungen muss man bedenken, dass man auch im Sommer jeweils zwei Monate hat ohne die Einnahmen von Heimspielen; nun ist diese Pause einfach jetzt schon da. Problematisch wird es halt, wenn sie noch länger dauern sollte und keine Zuschauer erlaubt wären. Natürlich nervt die ganze Situation, ich versuche, mich abzulenken mit grösseren Velotouren, und lese viel. Bücher über Glücksforschung haben es mir im Moment sehr angetan.»

Moreno Costanzo, mit 60 Toren sind Sie in der Super League die Nummer drei unter den aktiven Profis. Ihr Vertrag läuft im Sommer aus, Anzeichen für eine Verlängerung gibt es nicht. Beenden Sie nach dieser für Sie schwierigen Saison die Karriere?

Moreno Costanzo.

Moreno Costanzo.

Bild: Benjamin Manser

«Ich kann eins und eins zusammenzählen, meine Gedanken sind relativ klar. Aber das waren sie schon vor der Coronakrise. Das letzte Mal von Anfang an dabei war ich im Cup gegen Winterthur, danach habe ich bis auf die Partie gegen Lugano keine Rolle mehr gespielt. Ich habe eine Familie und muss mir Überlegungen für die Zeit nach der Karriere machen. Es gibt zwei Optionen. In der Super League wird es schwierig für mich nach einer solchen Saison, also würde es wohl auf ein Engagement in der Challenge League hinauslaufen, was ich für mich weniger sehe.

Oder aber, und dahin geht die Tendenz, ich starte quasi in ein normales Leben mit einem alltäglichen Beruf. Grundsätzlich würden jedoch locker noch zwei weitere Profijahre in mir stecken, nur müsste man auf mich bauen und mir eine gute Rolle geben. Das Ausland kommt für mich wegen meiner Familiensituation nicht mehr in Frage. Nicht wie früher, als ich auch schon von den New York Red Bulls oder Dallas ein Angebot abgelehnt habe. In St.Gallen verstehe ich meine Situation, es hätte aber auch anders laufen können und ich auch ein besseres Ende verdient. Aber so spielt das Fussballerleben.»

Boris Babic, es ist möglich, dass Sie trotz Kreuzbandriss nur ein Spiel verpassen werden. Wie läuft die Reha in dieser denkwürdigen Zeit?

Boris Babic.

Boris Babic.

Bild: Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

«Ich muss fast ein wenig schmunzeln– doch Roger Federer und ich haben etwas gemeinsam: Wir haben uns wegen der öffentlichen Zwangspause quasi zum besten Zeitpunkt verletzt, wenn man das so sagen darf. Ich bin jetzt in der siebten Woche, mir geht es den Umständen entsprechend sehr gut. Weil im Moment keine Fussballspiele stattfinden, haben unsere Physios viel mehr Zeit, sich um die Verletzten zu kümmern. Vor allem Simon Storm arbeitet viel mit mir. Mein am Kreuzband operiertes Knie kann ich bereits durchstrecken und um mehr als 90 Grad beugen.

Ich habe ein gutes Gefühl, bin positiv eingestellt und habe, wie man weiss, schon schwierigere Situationen gemeistert. Es ist fast so, als ob ich noch professioneller lebe als sonst, das will ich auch für die Zukunft mitnehmen. In der Woche trainiere ich jeden Morgen zwei bis drei Stunden, am Nachmittag jeweils zu Hause noch einmal. Derzeit bin ich wieder bei den Eltern in Walenstadt, hier muss ich wegen meiner kranken Mutter aber noch bedeutend mehr aufpassen auf die Mitmenschen.»

Miro Muheim, die EM wurde auf 2021 verschoben. Sehen Sie Chancen, als Linksverteidiger noch auf den Schweizer Zug aufzuspringen?

Miro Muheim.

Miro Muheim.

Bild: Benjamin Manser

«Ehrlich gesagt, ich habe mir noch nie diese Gedanken gemacht. Zuerst möchte ich im Schweizer U21-Nationalteam richtig ankommen und mich etablieren. Bisher stand ich dort immer im Kader und ich hoffe, dass es bald mit dem ersten Einsatz auf dem Feld klappt. Und sowieso: Mein Fokus liegt ganz auf dem FC St.Gallen, wenn es mit ihm läuft, kommt alles von ganz alleine. Schön wäre es, wenn es alsbald wieder weitergeht. Derzeit bin ich im Aargau bei meiner Freundin und spule hier meine Trainings ab, auch sind wir oft zu Hause und nehmen das ‹Stay-at-Home› sehr ernst.»

Milan Vilotic, welche Ideen sehen Sie für den Transfermarkt und für sich nach der Pandemie?

Milan Vilotic.

Milan Vilotic.

Bild: Martin Meienberger / freshfocus

«Ich könnte mir ein Transfersystem wie in der NBA vorstellen. Es gäbe keine Ablösesummen, dafür erhielten die schwächeren Vereine für junge Talente Vorzugsrechte, damit die Ligen ausgeglichen bleiben. Und sobald ein Vertrag ausläuft und es ein Angebot für einen Spieler gibt, kann der Besitzerclub dieses überbieten. Das sind ja nur Gedankenspiele, doch ohne Begrenzungen geht es im Fussball in eine völlig falsche Richtung. Es sollte deshalb eine Ober- und eine Untergrenze für Gehälter geben, und natürlich eine Budgetlimite zum Schutz der Clubs, ihrer Traditionen und Fans. Womit dann nicht irgendein Investor einfach tun und lassen und einkaufen kann, wie er will.

Für mich selbst kann ich sagen: Ich weiss nicht, was auf mich zukommt, aber das wissen 90 Prozent der Leute derzeit nicht. Ich will mindestens noch ein Jahr auf hohem Niveau spielen, vielleicht auch zwei, vorzugsweise in der Schweiz. Ich bin noch immer voll motiviert und frisch im Kopf, über mich ist im Fussball das letzte Wort noch nicht gesagt worden. Ich akzeptiere meine Situation im FC St.Gallen, es macht mich glücklich, zu diesem Team zu gehören, wir haben eine schöne Entwicklung gemacht. Mit Peter Zeidler rede ich viel, ich sage ihm jeweils, ich werde bereit sein, wenn er mich braucht. Was der Trainer gemacht hat, ist eine kleine Revolution im Schweizer Fussball. Unser System brauchte viele kleine Änderungen, auch ich habe jeden Tag dazugelernt. Es wäre schön, wenn ich hier doch noch den Titel gewinnen könnte.»

Betim Fazliji, ohne Spiele gibt es weniger Lohn, allein schon wegen der fehlenden Punkteprämien. Machen Sie sich Sorgen?

Betim Fazliji.

Betim Fazliji.

Bild: Urs Bucher

«Nein, um mich mache ich mir keine Sorgen, ich bin ein genügsamer Mensch und leicht zufriedenzustellen. Wir bekommen bis jetzt ja noch den vollen Lohn. Und wenn es weniger wäre, würde ich das auch verstehen, wir wollen solidarisch sein und dem Club helfen, wenn wir dies können. Zudem brauche ich aktuell sowieso weniger Geld, da ich weniger ausgebe. Uns geht es doch gut, wir haben genug zu Essen. In dieser schwierigen Zeit fühle ich mich natürlich für die Eltern verantwortlich. Ich gehe für sie einkaufen, da meine Mutter und mein Vater, der immer noch voll arbeitet, zur Risikogruppe gehören. Ich habe auch ältere Nachbarn gefragt, ob sie Hilfe benötigen.»

Ermedin Demirovic, Ihr Leihvertrag läuft zum Saisonende aus, wann immer dies sein wird. Spielen Sie danach im Stuttgarter Dress?

Ermedin Demirovic.

Ermedin Demirovic.

Bild: Urs Bucher

«Derzeit bin ich noch in Hamburg bei meiner Familie, Anfang nächster Woche kehre ich zurück. Wichtig ist, dass wir alle gesund bleiben. Ich habe ebenfalls gelesen, dass die Stuttgarter Interesse an mir haben sollen. Aber ganz ehrlich, Vertragsangelegenheiten laufen über meinen Berater und ich habe tatsächlich keine Ahnung, wo ich spielen werde nächste Saison. Mein Augenmerk liegt aktuell sowieso auf dem FC St.Gallen, er hat einen grossen Stellenwert bei mir und wäre für die neue Spielzeit eine sehr gute Option. Ein Verbleib wäre für beide Seiten gut, wir fahren gut miteinander. Es wäre dann wohl so, dass der FC St.Gallen mich von Alavés definitiv verpflichten müsste. Aber es ist ja noch ein bisschen Zeit. Was ich auch noch sagen möchte: Ich wäre gerne für das verschobene EM-Playoff mit dem A-Nationalteam Bosniens aufgeboten gewesen – ich fühle mich jedenfalls bereit und glaube, ich könnte im A-Team bestehen. Bisher hat es mir ja nur für die U21 gereicht.»

Musah Nuhu, fehlt Ihnen die Familie jetzt gerade mehr als sonst?

Musah Nuhu.

Musah Nuhu.

Bild: Brägger

«Wegen meiner Familie ist es keine einfache Zeit für mich. Wenigstens hören wir uns täglich und ich weiss, dass es ihr und meinen Freunden in Ghana gut geht. In meiner Heimat ist das Coronavirus nicht so stark verbreitet wie in der Schweiz, knapp 300 Fälle hatten wir bisher. Wir haben eine Ausgangssperre, die Leute dürfen nicht arbeiten oder zum Vergnügen rausgehen, nur die Lebensmittelläden haben offen und der öffentliche Transport läuft normal. Ich bin ja hier in St.Gallen geblieben, zum Glück habe ich nun Zigi (der neue Goalie des FC St.Gallen, Red.). Bevor er hierherkam, war es mir manchmal etwas langweilig, mit ihm ist das nie mehr der Fall. Wir wohnen im selben Block in verschiedenen Wohnungen und sehen uns, wann immer es geht. Dann schauen wir uns Filme an, oder wir trainieren. Zum Glück geht es mir nach meinen Kreuzbandriss nun langsam wieder besser.»

Silvan Hefti, haben Sie ein spezielles Rezept für die Quarantäne-Zeit?

Captain Silvan Hefti.

Captain Silvan Hefti.

Bild: Ralph Ribi

«Ich gehe vielleicht öfters mit meinem kleinen Hund spazieren, ansonsten mache ich alles, was man von uns erwartet. Meine Mutter ist Ernährungsberaterin und bietet Sportkurse für Frauen und Männer an. Jetzt kann sie das nur noch virtuell abhalten und ich mache die Übungen zweimal in der Woche mit. Ich bin in diesen Zeiten quasi ihr Kunde geworden, das ist eine spezielle, witzige Geschichte. Es ist mir schon klar, dass meinem Arbeitgeber die Einnahmen fehlen. Sorgen mache ich mir aber noch nicht. Wichtig ist auch, dass wir nahe beim Fan bleiben, ich möchte aber nichts vorwegnehmen und hoffe einfach, dass der Fussball bald eine Lösung und ein gutes Ende findet, das für alle annehmbar ist. Selbst wenn nicht mehr alle Spiele ausgetragen werden könnten. Aber es ist schon auch klar: Es gibt Wichtigeres als den Fussball.»

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