Von der Ungewissheit über einen Tiefpunkt bis hin zum Musterprojekt, das abrupt gestoppt wurde – wie der FC St.Gallen vor dem Coronavirus die Fussballschweiz aufmischte

Schon seit zwei Monaten steht der Schweizer Fussball still. Zeit für einen Blick zurück in Zitaten auf die beste Saison des FC St.Gallen seit 20 Jahren.

Patricia Loher
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Trainer Peter Zeidler.

Trainer Peter Zeidler.

Urs Bucher
«Wir wissen nicht, wohin die Reise geht.»

10. Juli 2019: Trainer Peter Zeidler an der Medienkonferenz eineinhalb Wochen vor dem Saisonstart.

«Es ist an der Zeit, dass in St.Gallen wieder etwas entsteht.»

18. Juli 2019: Eineinhalb Jahre nach dem Umsturz auf Führungsebene und zwei Tage vor Meisterschaftsbeginn befindet diese Zeitung, dass St.Gallen einen Schritt vorwärts kommen sollte.

«War das eine klare Fehlentscheidung? Nein. Also hat der VAR hier nichts zu suchen.»

20. Juli 2019: Nun hat auch die Schweiz den Videoschiedsrichter (VAR). St.Gallen ist aber gleich im ersten Spiel, das es gegen Luzern 0:2 verliert, im Pech. Der Schiedsrichter nimmt bei seiner ersten Video-Konsultation einen Penaltypfiff für die St.Galler zurück. Teleclub-Experte Marcel Reif wird deutlich.

St.Gallens Sportchef Alain Sutter

St.Gallens Sportchef Alain Sutter

Benjamin Manser
«Bis zwei Spieler wie Letard oder Görtler hängen bleiben, haben wir etwa hundert Akteure angeschaut.»

27. Juli 2019: Sportchef Alain Sutter über die Transferaktivitäten.

«Wer weiss, vielleicht freut sich der Chirurg, der damals das Knie operierte, ein wenig mit.»

29. Juli 2019: Die NZZ nach den zwei Toren von Cedric Itten bei St.Gallens 2:1-Erfolg in Basel. Der gebürtige Basler Itten hat wegen einer schweren Knieverletzung eine zehnmonatige Verletzungspause hinter sich.

«Ich will nichts schönreden, was wir jetzt brauchen, sind Punkte.»

14. August 2019: Zeidler nach der 1:2-Niederlage in Zürich. Seine Mannschaft rutscht auf Platz neun ab.

«An dieser neuerlichen Niederlage werden die St.Galler lange beissen.»

13. September 2019: Nach dem 3:2-Erfolg gegen Lugano folgt der Tiefpunkt. St.Gallen scheitert im Cup mit 0:2 am Challenge-League-Team des FC Winterthur. Diese Zeitung vermutet, dass die Niederlage dem Team aufs Gemüt schlagen könnte.

Neuzugang Lukas Görtler

Neuzugang Lukas Görtler

Urs Bucher
«Man hatte den Eindruck, dass die Basler froh waren, als das Spiel vorbei war.»

19. Oktober 2019: Neuzugang Görtler in einem Interview. Nach der Enttäuschung im Cup ist der FC St.Gallen wie verwandelt. Er gewinnt dreimal in Folge und begeistert auch beim 0:0 gegen Basel. Görtler führt das junge Team an, das zu einem Verfolger von Leader Young Boys wird.

«Musterprojekt St.Gallen.»

6. November 2019: Der Blick ist begeistert. Die Zeitung etabliert in diesen Wochen das Wort «Rasselbande».

Der Spanier Jordi Quintillà

Der Spanier Jordi Quintillà

Benjamin Manser
«Nein, es ist kein Wunder, was in St.Gallen passiert.»

9. November 2019: Mittelfeldspieler Jordi Quintillà vor dem Spitzenspiel bei den Young Boys.

«Danke, liebe Ostschweizer.»

11. November 2019: Nach dem begeisternd offensiven Spiel beim 3:4 gegen die Young Boys bleiben dem FC St.Gallen nur Komplimente. Die NZZ freut sich, dass hinter den Bernern und Baslern wieder einmal eine Mannschaft Druck macht.

«Der FC St.Gallen zieht seine Kraft aus etwas, das es im modernen Fussball kaum mehr gibt – aus echten Freundschaften zwischen den Spielern.»

8. Dezember 2019: Die «Sonntagszeitung» erklärt St.Gallens Stärke.

Boris Babic gehört zu den Aufsteigern dieser Super-League-Saison

Boris Babic gehört zu den Aufsteigern dieser Super-League-Saison

Michel Canonica
«Es war mir bewusst, dass ich im Sommer topfit nach St.Gallen kommen muss, um nochmals eine Chance zu erhalten. Ich habe jedes einzelne Training bestritten, als sei es ein Probetraining.»

8. Dezember 2019: Boris Babic nach seinen zwei Toren beim 4:1 gegen Thun. Zweieinhalb Monate später zieht sich der Aufsteiger der Saison einen Kreuzbandriss zu.

«Dass Kräuchi für das Weihnachtsessen einen Rap-Song komponiert hat, in dem jeder Spieler vorkommt, ist schlicht sensationell. Die ganze Mannschaft performte den Song. Mir kamen fast die Tränen.»

14. Dezember 2019: Vor dem letzten Spiel der Vorrunde gewährt Trainer Zeidler einen Blick ins Innenleben der Mannschaft. Der Rap-Song von Alessandro Kräuchi findet wenige Tage später den Weg an die Öffentlichkeit. Der Song verursacht wegen der Wortwahl einen Sturm im Wasserglas.

Präsident Matthias Hüppi

Präsident Matthias Hüppi

Martin Meienberger/Freshfocus
«Prognosen gehören dazu. Für unsere Arbeit sind sie mir jedoch schnurzegal. Ich kenne die Leute ja und denke dann, du würdest es wohl gerne sehen, wenn wir abschiffen.»

23. Januar 2020: St.Gallens Präsident Matthias Hüppi vor dem Rückrundenstart über Prognosen vor dem Meisterschaftsbeginn. Noch im Sommer wurde den Ostschweizern wenig zugetraut, in der Winterpause belegen sie Rang drei. Der FC St.Gallen macht in der Rückrunde schliesslich dort weiter, wo er aufgehört hat: Er besiegt Lugano 3:1. Und reist dann nach Basel.

«Machen Sie sich keine Sorgen, wir machen das schon.»

2. Februar 2020: Fast 60 Minuten sind in Basel gespielt, als sich Boris Babic beim Stand von 1:1 an den Trainer wendet. In der Tat dreht St.Gallen auf, es dominiert und gewinnt dank eines späten Tores mit 2:1. Erstmals seit siebeneinhalb Jahren ist der FC St.Gallen wieder Leader der Super League.

«Vielleicht war es mehr als nur die beste Halbzeit des FC St.Gallen. Vielleicht war es die beste Leistung in der Super League 2019/20 überhaupt.»

3. Februar 2020: Der «Tages-Anzeiger» lobt die St.Galler nach dem Auftritt in Basel. Es folgt der Erfolg gegen Servette und die Niederlage in Luzern. St.Gallen ist noch immer Leader, als es die punktgleichen Young Boys empfängt. Es wird ein denkwürdiges Spiel.

«Die Spiele des FC St.Gallen gegen die Young Boys sind in dieser Saison nicht nur das Torreichste, sondern auch das Aufwühlendste, was der Schweizer Fussball zu bieten hat.»

23. Februar 2020: Auch diese Zeitung lässt sich mitreissen – was für ein Spitzenspiel, was für ein 3:3! Führung, 1:2-Rückstand, 2:2, 3:2 in der 91. Minute und dann ein Penalty für die Berner, den der neue Goalie Lawrence Ati Zigi hält – doch der VAR greift ein.

«Ich habe in meinem Leben vielleicht schon 3000 Elfmeter gesehen, bei 2999 ist genau dasselbe passiert und er wurde nicht wiederholt.»

23. Februar 2020: Görtler über die Intervention des Videoschiedsrichters, nachdem sich Zigi zu früh von der Linie bewegt hatte.

«Nach dem Fussballfest gibt es keinen Grund, weshalb das St.Galler Stadion nicht auch in zwei Wochen wieder voll sein sollte. Dann gastiert Zürich im Kybunpark.»

24. Februar 2020: Keiner ahnt, dass die Partie gegen YB für eine lange Zeit St.Gallens letzter Auftritt gewesen sein sollte. Das Coronavirus zwingt die Welt in die Knie. Es ist ungewiss, wie es weitergeht – und ob St.Gallen noch die Chance erhält, zum ersten Mal seit 20 Jahren Meister zu werden. Doch in diesen Zeiten relativiert sich vieles.

Schöne Geste: St.Gallens Anhänger bringen im März über Nacht verschiedene Banner an.

Schöne Geste: St.Gallens Anhänger bringen im März über Nacht verschiedene Banner an.

Fussballmagazin Senf
«Üsen Meischter sind ihr! Danke für euen Isatz.»

24. März 2020: St.Gallens Anhänger bedanken sich mit Bannern, die sie in der Umgebung des Kantonsspitals befestigen, für den Einsatz von Ärztinnen und Ärzten sowie des Pflegepersonals im Kampf gegen das Coronavirus.