Von Dämpfern und Blamagen
Immer wieder die Zähne ausgebissen: So scheiterte der FC St.Gallen im Cup seit dem Fast-Triumph 1998

Die Vorfreude ist gross: Erstmals seit eineinhalb Jahren ist der FC St.Gallen heute wieder im Cup im Einsatz, ab 18 Uhr geht es im Kybunpark gegen die Young Boys. Zeit für einen Cup-Rückblick auf die vergangenen 20 Jahre aus Ostschweizer Sicht - auch wenn er für eingefleischte FC-St.Gallen-Fans nicht einfach ist.

Ralf Streule
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Miro Muheim und Victor Ruiz nach der Cupniederlage gegen Winterthur am Freitag, dem Dreizehnten, im September 2019. Es war ein Spiel mit Signalwirkung.

Miro Muheim und Victor Ruiz nach der Cupniederlage gegen Winterthur am Freitag, dem Dreizehnten, im September 2019. Es war ein Spiel mit Signalwirkung.

Andy Mueller/Freshfocus / freshfocus

Wenn Präsident Matthias Hüppi oder Trainer Peter Zeidler vom Cup sprechen, strahlen sie. Es ist ihr Wunschtraum, irgendwann mit den Grün-Weissen Cup-Geschichte zu schreiben. Heute beginnt ein neuer Versuch: Im Achtelfinal sind ab 18 Uhr die Young Boys im Kybunpark zu Gast. Es ist ein schwerer und sehr später Start in die Cup-Saison für die St.Galler: Als Zweitplatzierte der vergangenen Meisterschaft steigen sie, wie auch YB, direkt im Achtelfinal in den Wettbewerb ein, den Modusanpassungen im Coronajahr sei Dank.

Eineinhalb Jahre ist es her, dass die St.Galler zum letzten Mal im Cup angetreten sind.: Am Freitag, dem 13. September 2019, waren die St.Galler auf der Winterthurer Schützenwiese zu Gast, im Sechzehntelfinal. Früh sah Goalie Jonathan Klinsmann die rote Karte, gleich nach der Pause gerieten die Ostschweizer in Rückstand, vergaben selber ihre Chancen. Das 0:2 kam in der Nachspielzeit. Es war ein Tiefpunkt der St.Galler unter Peter Zeidler. Aber auch ein Weckruf - die Niederlage läutete die starke Phase der St.Galler in der Meisterschaft ein.

Das Spiel in Winterthur 2019 war nicht der einzige bittere Cup-Rückschlag für die St.Galler in den vergangenen gut 20 Jahren, wie unsere Übersicht zeigt. Von der zweifachen Niederlage im Derby gegen den FC Wil bis hin zur Blamage beim 2.-Liga-Klub Küssnacht am Rigi liessen die St.Galler nichts aus.

Blamagefaktor: 5
3.2.2013, Achtelfinal: Aarau – FCSG 2:0 n.V.

Es lief dem FC St.Gallen damals in der Meisterschaft gut unter Jeff Saibene. Und auch im Cup gegen Aarau aus der Challenge League waren die Ostschweizer lange überlegen. Doch Etoundi, Scarione und Co. brachten kein Tor zustande, Aarau hatte in der Verlängerung den längeren Atem. Und den ehemaligen St.Galler David Marazzi, der für die Aarauer mit dem 2:0 alles klar machte. Sven Lüscher hatte früh in der Verlängerung zur Führung für die Aargauer getroffen.

Jubel über den Treffer zum 2:0 des Aarauers David Marazzi.

Jubel über den Treffer zum 2:0 des Aarauers David Marazzi.

Blamagefaktor 6:
21.3.2012, Viertelfinal: Winterthur - FCSG 7:6 n.P.

Bereits 2012 scheiterte der FC St.Gallen am Challenge-League-Vertreter Winterthur. Zwar waren die Espen damals ebenfalls in der zweithöchsten Liga tätig, dominierten die Liga aber nach Belieben. Das Viertelfinal-Aus führte unser Redaktor auf gute Winterthurer und überhebliche St.Galler zurück: «Nico Abegglen bediente in der 78. Minute Scarione, doch der erneut nicht überzeugende Regisseur vergab leichtfertig. Zu locker war indes nicht nur Scariones Abschluss, sondern das Auftreten des gesamten Teams.» So kam es, wie es kommen musste: Die Partie wurde erst im Penaltyschiessen entschieden. Grosser Unglücksrabe war Alberto Regazzoni, der nur den Posten traf.

Blamagefaktor 7:
5.4.2010, Halbfinal: FCSG - Lausanne-Sport 1:2

Am 5. April 2010 hätte sich der FC St.Gallen erstmals seit 1998 wieder für einen Cupfinal qualifizieren können. Die Chance war selten besser, zumal der Gegner das unterklassige Lausanne war. Doch wie allzu oft hatten die FCSG-Fans am Ende nichts zu bejubeln. Nach einer 1:0-Führung, drei grossen Chancen in der zweiten Halbzeit und einer gelb-roten Karten für Lausannes Guillaume Katz, brachten es die St.Galler fertig, den Halbfinal mit 1:2 zu verlieren. «Es gibt keine Entschuldigung», sagte Stürmer Moreno Merenda nach dem Spiel, um die Situation anschliessend auf den Punkt zu bringen: «Jetzt stehen wir da wie Deppen.»

St.Gallens Fabian Frei scheitert an Lausannes Torhüter Anthony Favre.

St.Gallens Fabian Frei scheitert an Lausannes Torhüter Anthony Favre.

Urs Bucher

Blamagefaktor 9:
21.10.2007, Sechzehntelfinal: Gossau – FCSG 0:2

Gossau spielte damals in der Challenge League, hatte aber dort noch keinen Sieg errungen. Gegen den FC St.Gallen hingegen gab es im Cup ein 2:0 - und zwar trotz Heimrecht für die Gossauer im Espenmoos. Es war der Einstand von Interimstrainer René Weiler. Rolf Fringer war zuvor nach einer 0:4-Niederlage gegen den FC Thun entlassen worden. Für den FC Gossau war es einer der grössten Siege in der Vereinsgeschichte. Wer aber nach dem Spiel Jubelstürme des Unterklassigen erwartet hatte, bekam teils ungewöhnliche Bilder zu sehen: «Zwei Gossauer Betreuer nahmen sich in der Kabine tröstend in die Arme, einer sagte: ‹Wir sind ja auch St.Galler.› Wenn der ‹kleine Bruder›, den ‹Grossen› noch tiefer in die Krise stürzt, dann ist man mit den Gedanken auch beim Gegner», hielt das Tagblatt damals fest. St. Gallen stieg im Mai darauf in die Challenge League ab.

Blamagefaktor 10:
22.10.2005, Sechzehntelfinal: Küssnacht am Rigi – FCSG 2:1

Wir schreiben den 22. Oktober 2005. Der FC St.Gallen trifft in der zweiten Cuprunde auf das drei Ligen tiefer spielende Küssnacht am Rigi. Was folgt, wird kein Espen-Anhänger je vergessen. Der Club aus der 2. Liga interregional gewinnt mit 2:1. «Der Erfolg des Unterklassigen war verdient. Was die Ostschweizer boten, war beschämend, einfach nur peinlich», schrieb der damalige Tagblatt-Sportredaktor im Spielbericht. Nebst der indiskutablen Niederlage sorgte ein Frustfoul eines gewissen Davide Callà für Aufruhr.

Blamagefaktor: 5
4.3.2004, Halbfinal: FCSG – Wil 1:2

Die Fahrt zum Cupfinal hatten viele St.Galler Fans schon geplant. Doch dann kam die Niederlage im Espenmoos gegen den FC Wil, damals ebenfalls in der Super League. Für die Wiler trafen zwei spätere St.Galler, Kristian Nushi und Philippe Montandon. Immerhin: Die Wiler zogen ihr Ding durch und wurden später Cupsieger dank eines 3:2 gegen GC. Gleichzeitig verabschiedeten sie sich in die Challenge League.

St. Gallens Alex (links) setzt sich gegen Pires und Patrick Winkler vom FC Wil durch.

St. Gallens Alex (links) setzt sich gegen Pires und Patrick Winkler vom FC Wil durch.

Hannes Thalmann

Blamagefaktor 9:
17.3.1999, Sechzehntelfinal: Buochs – FCSG 1:0 n.V.

«St.Galler Cup-Blamage in Buochs»: So titelte unsere Zeitung am 18. März 1999 nach dem Cup-Sechzehntelfinal des FC St.Gallen gegen den damaligen 1.-Liga-Club Buochs. Die Ostschweizer, mit zwei Siegen und einer Niederlage in die NLA-Finalrunde gestartet, waren als deutliche Favoriten in die Begegnung mit den Innerschweizern gegangen und schieden mit einem 0:1 nach Verlängerung aus. Aufgestellt hatte die Mannschaft ein Trainer, der erst gerade in der Winterpause nach St.Gallen gekommen war und etwas mehr als ein Jahr später als St.Gallens Meistermacher bejubelt werden sollte: Marcel Koller.

Blamagefaktor 3
1.6.1998, Final: Lausanne-Sport – FCSG 6:5 n.P.

St.Galler Fans wollen vielleicht nicht daran erinnert werden. 2:0 waren die Ostschweizer im Berner Wankdorf in Führung. Eine Hand war bereits an der Cuptrophäe, als Edwin Vurens für St.Gallen auch noch zum Elfmeter antreten durfte. Er verschoss, statt 3:0 hiess es bald 2:2. Und im Penaltyschiessen zum Schluss konnte es fast nicht anders kommen: Lausanne wurde Cupsieger 1998.

Nach der Niederlage: Edvaldo Pereira, Wilco Hellinga und Ivan Dal Santo.

Nach der Niederlage: Edvaldo Pereira, Wilco Hellinga und Ivan Dal Santo.

Bolliger Rainer

Die St.Galler Cup-Niederlagen seit 1998

13.9.2019, Sechzehntelfinal: Winterthur – FCSG   2:0
01.11.2018, Achtelfinal: FCSG – Sion 1:2 n.V.
30.11.2017, Viertelfinal: Young Boys – FCSG 2:1
27.10.2016, Achtelfinal: Zürich – FCSG 2:1
28.10.2015, Achtelfinal: FCSG – Luzern 2:3
8.04.2015, Halbfinal: FCSG – Basel 1:3
04.12.2013, Viertelfinal: FCSG – Zürich 0:1 n.V.
3.2.2013, Achtelfinal: Aarau – FCSG 2:0 n.V.
21.3.2012, Viertelfinal: Winterthur - FCSG 7:6 n.P.
20.11.2010, Achtelfinal: FCSG – Thun 0:1
5.4.2010, Halbfinal: FCSG - Lausanne-Sport
17.3.2009, Viertelfinal: FCSG – Sion 1:2
21.10.2007, Sechzehntelfinal: Gossau – FCSG 0:2
14.3.2007, Viertelfinal: Zürich – FCSG 1:0
22.10.2005, Sechzehntelfinal: Küssnacht am Rigi – FCSG 2:1
13.2.2005, Viertelfinal: FCSG – Aarau 6:7 n.P.
4.3.2004, Halbfinal: FCSG – Wil 1:2
30.3.2003, Viertelfinal: Schaffhausen – FCSG 1:0
11.11.2001, Sechzehntelfinal: Wil – FCSG 3:2
10.5.2001, Halbfinal: Servette – FCSG 1:0
11.04.2000, Viertelfinal: Lugano – FCSG 1:0
17.3.1999, Sechzehntelfinal: Buochs – FCSG 1:0 n.V.
1.6.1998, Final: Lausanne-Sport – FCSG 6:5 n.P.

Wer noch nicht genug hat von St.Galler Cupniederlagen, dem sei noch diese hier ans Herz gelegt: Der Cupfinal zwischen den Young Boys und dem FC St.Gallen 1977, der am 11. April mit 1:0 an die Berner ging. Hoffentlich kein schlechtes Omen für den heutigen Achtelfinal gegen denselben Gegner.